Noch heute nutzt fast jedes Schulkind in der Schweiz die Zirkel der früheren Aarauer Firma Kern & Co. Sie schrieb an der Schweizer Industriegeschichte mit. Eine Geschichte mit Happy End in Italien.
Niemand kennt die Geschichte von Kern besser als der Aarauer Historiker Dominik Sauerländer. Kern entwickelte sich zum Weltkonzern, beschäftigte zeitweise gut 1300 Personen, zog Leute von der Konkurrenz ab, prägte in der Vermessungstechnik den Fortschritt, ohne seine Wurzeln in der Herstellung von Reisszeug zu vernachlässigen. Aber Kern ruhte sich in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts zu sehr auf seinen Lorbeeren aus, verpasste den Anschluss und wurde zu teuer, weil es immer nur in der Schweiz produzierte.
Die Anfänge: Jakob Kern und der industrielle Aufbruch in der Schweiz
Jakob Kern (1790-1867), Firmengründer Mechanische Werkstätte Jakob Kern, aus der später die Kern & Co. wurde.Wikipedia
Jakob Kern (1790-1867), Firmengründer Mechanische Werkstätte Jakob Kern, aus der später die Kern & Co. wurde.Wikipedia
1819 ist in der Schweizer Geschichte kein besonderes Jahr. Aber ein Jahr, in dem zwei grosse Schweizer geboren wurden: Alfred Escher und Gottfried Keller. Keller hat sich in den helvetischen Literaturkanon eingebrannt, Escher hat sich als Eisenbahnpionier und Mitgründer der Schweizerischen Kreditanstalt – später Credit Suisse – und der ETH unsterblich gemacht. Als Keller und Escher zur Welt kamen, gründete der gelernte Zirkelschmied Jakob Kern in Aarau seine Firma.
Reisszeug und Präzisionsinstrumente
Kern & Co., wie die Firma später hiess, stand von Beginn an – genau wie seine erst später berühmt gewordenen Zirkel – auf zwei Beinen: Hier das Geschäft mit Reisszeug und Geräten zum Zeichnen, dort die feinmechanische Herstellung von Präzisionsinstrumenten. «Die Vermessungstechnik von Kern wurde im 19. Jahrhundert beispielsweise für den Tunnelbau durch den Simplon oder die Kartierung der Schweiz genutzt», sagte Laura Aellig vom Stadtmuseum Aarau der «Aargauer Zeitung» anlässlich einer Spezialausstellung zum 200-Jahr-Jubiläum des vielleicht berühmtesten Unternehmens der Stadt.
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Plakatkunst erster Klasse
Historischer Werbeprospekt für Kern-Zirkel aus Aarau.Studiensammlung Kern Aarau/Stadtmuseum Aarau
Historischer Werbeprospekt für Kern-Zirkel aus Aarau.Studiensammlung Kern Aarau/Stadtmuseum Aarau
Teil der Sammlung über Kern sind auch diverse Plakate, mit denen die Firma für ihre Zirkel ein breites Publikum beworben hat. Die Sammlung ist regelmässig öffentlich zugänglich und zeigt auf, wie die Präzisionsinstrumente aus Aarau – vom Schulzirkel bis zum Absteckungstheodolit – die Industrialisierung in der Schweiz begleiteten und sich weltweit verkauften. Die Kern-Instrumente sind sogar auf dem Mond gelandet und spielten eine Rolle bei der Vermessung des Erdtrabanten.
Die Konkurrenz verlagerte die Produktion
In den 1980er-Jahren geriet Kern in wirtschaftliche Schieflage. Unter anderem, weil billigere Instrumente aus Japan auf den Weltmarkt kamen, deren Präzision ebenso gut war wie jene der Traditionsfirma aus Aarau. 1987 schrieb die Firma einen Verlust von 15 Millionen Franken. «Kern produzierte immer nur in der Schweiz, anders als Wild, die damals einen Produktionsstandort in Singapur hatten», erzählte Historiker Sauerländer in der «Aargauer Zeitung».
Wild und Leica Geosystems
Thomas Schmidheiny war Verwaltungsratspräsident der Wild Leitz Holding, die Kern & Co. im Jahr 1988 übernahm.Bloomberg
Thomas Schmidheiny war Verwaltungsratspräsident der Wild Leitz Holding, die Kern & Co. im Jahr 1988 übernahm.Bloomberg
Plötzlich gab es Kurzarbeit bei Kern & Co., erste Mitarbeitende wurden entlassen. 1988 kam es zum grossen Einschnitt: Die Firma wurde von der Wild Leitz Holding übernommen, als deren Verwaltungsratspräsident damals der millionenschwere Investor Thomas Schmidheiny (Bild) fungierte. Wild aus Heerbrugg war schon immer ein Konkurrent in der Vermessungstechnik; später wurde aus dem Unternehmen Leica Geosystems. Und Leitz war ein deutscher Hersteller von Schreibwaren – und Zirkeln. 1991 wurde die Firma Kern in Aarau definitiv geschlossen.
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Die Firma ist tot, ihre Zirkel leben weiter
Das Ende der Firma Kern markiert zwar das Ende eines Stücks Schweizer Industriegeschichte, nicht aber das Ende der legendären Zirkel. Diese werden mittlerweile in Italien hergestellt, teils auf den Originalmaschinen aus Aarau. Die italienische Familienfirma Kronos Compassi, spezialisiert auf das, was Kern einst ausmachte, hält die Tradition aufrecht und vertreibt die Produkte stolz unter dem Label «Kern Swiss». Auch die Firma Wild, die Kern & Co. 1988 übernommen hat, ist inzwischen Geschichte: Heute lebt die Tradition der Schweizer Vermessungskunst in den Geräten von Leica Geosystems weiter. Leica Geosystems ist seit 2005 Teil des schwedischen Konzerns Hexagon, der die Produkte allerdings weiterhin unter dem etablierten Namen vertreibt.
Marcel Speiser ist Stv. Chefredaktor bei der Handelszeitung und arbeitet seit 1999 im Wirtschaftsjournalismus. Er gilt als Kenner der Uhrenindustrie und der Luxusgüterbranche.
Marcel Speiser ist Stv. Chefredaktor bei der Handelszeitung und arbeitet seit 1999 im Wirtschaftsjournalismus. Er gilt als Kenner der Uhrenindustrie und der Luxusgüterbranche.
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