Wie ein Schweizer Lebensmittel länger haltbar machte
Die Geschichte der Frischhaltefolie begann mit einem verschütteten Glas Rotwein, führt über den Zweiten Weltkrieg und erklärt, wieso die hauchdünne Folie heute nicht mehr so klebt wie früher.
Hannah Jauch
Viele Frischhaltefolien sind nur zwölf Mikrometer dick – etwa fünfmal dünner als ein menschliches Haar.zVg
Ein verschüttetes Glas Rotwein brachte Jacques Edwin Brandenberger auf eine Idee, welche die Verpackungswelt verändern sollte. Der Zürcher Chemiker und Textilingenieur wollte Anfang des 20. Jahrhunderts eigentlich eine wasserabweisende Tischdecke erfinden. Dafür experimentierte er mit Zellulose, einer pflanzlichen Faser. Doch die Versuche scheiterten. Statt die Tischdecke wasserfest zu machen, entstand ein dünner, steifer Film, der sich von der Oberfläche abziehen liess. Brandenberger erkannte das Potenzial: Damit liessen sich Lebensmittel transparent, luftdicht und wasserabweisend verpacken. Deutlich besser als mit der bis dahin verwendeten klebrigen Gelatine.
Die Folie erobert die Welt
1908 liess Brandenberger sein Verfahren patentieren. Die 70 Meter lange Maschine zur Produktion der Folie kostete 1 Million Franken. Eine gewaltige Summe – sie entsprach damals den Jahreslöhnen von rund achthundert Fabrikarbeitern. Doch die Investition zahlte sich aus: Zellophan sorgte international für Aufsehen, Fabriken entstanden in Europa, Asien und vor allem in den USA, wo die transparente Folie einen regelrechten Boom auslöste. Ab 1912 eroberte Zellophan den Weltmarkt und Brandenberger wurde zu «Mister Cellophane».
Der Zürcher Chemiker und Textilingenieur Jacque Edwin Brandenberger erfand den Vorläufer der Frischhaltefolie: Zellophan.zVg
Der Zürcher Chemiker und Textilingenieur Jacque Edwin Brandenberger erfand den Vorläufer der Frischhaltefolie: Zellophan.zVg
Vom Maschinengewehr bis in die Küche
Bis in die 1950er-Jahre hatte Zellophan keine Konkurrenz. Doch dann kam ein grüner, stinkender Kunststoff, der an allem klebte und sich kaum entfernen liess: Polyvinylidenchlorid (PVDC). Auch dieses Material entstand durch ein Missgeschick: 1933 entdeckten US-Forscher einen hartnäckigen Film in ihren Glasbechern, der sich weder abwaschen noch abkratzen liess. Dabei war das eigentliche Ziel des Experiments gewesen, ein Reinigungsmittel zu entwickeln. Dennoch suchten die Forscher jahrelang eine Verwendung für ihren Zufallsfund.
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Im Zweiten Weltkrieg wurde PVDC als Schutzbeschichtung für militärische Ausrüstung eingesetzt. Es sollte unter anderem Maschinengewehre, Stiefel und Militärflugzeuge vor Feuchtigkeit und Salzwasser schützen. Nach dem Krieg entwickelten die Forscher den Kunststoff weiter. Als es ihnen gelang, aus dem stinkenden Kunststoff eine transparente und geruchlose Folie herzustellen, rückte deren starke Haftung ins Zentrum. Die Folie konnte Lebensmittel luftdicht umschliessen, Feuchtigkeit abhalten und so dazu beitragen, dass sie länger frisch blieben. Die moderne Frischhaltefolie war geboren und stach Zellophan durch ihre Elastizität, Reissfestigkeit und Haftfähigkeit schnell aus.
Der Markt und die Schweizer Industrie
Der Weltmarkt für Frischhaltefolie hat laut dem Marktforschungsinstitut Fortune Business Insights ein Volumen von gut 2 Milliarden Dollar, bis 2034 erwarten die Marktforscher ein Wachstum auf 2,88 Milliarden Dollar. Pro Jahr dürfte der Markt damit im Schnitt um 3,65 Prozent wachsen.
Klassische Haushaltsfrischhaltefolie wird in der Schweiz nicht produziert. Die im Schweizer Handel erhältlichen Folien stammen aus ausländischen Produktionsstätten. Zu den Herkunftsländern gehören Deutschland, Polen, Schweden und China. Je nach Lieferkette kommt die Folie als fertige Rolle oder als grosse Mutterrolle in die Schweiz. Schweizer Unternehmen haben sich auf verschiedene Schritte dieser Weiterverarbeitung spezialisiert.
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Vom Problemstoff zur dünnen Folie
Die ursprüngliche Frischhaltefolie ist mit der heutigen kaum vergleichbar. Der damals verwendete Kunststoff PVDC geriet ab den 1990er- und 2000er-Jahren in die Kritik: Der von Natur aus steife Kunststoff musste mit Weichmachern flexibel gemacht werden, die insbesondere bei Hitze und Kontakt mit fetthaltigen Lebensmitteln in diese übergehen konnten. Zudem liessen sich bei der Verbrennung von PVDC krebserregende Stoffe nachweisen.
Die Hersteller wechselten darauf zunehmend zum seit Längerem etablierten Polyethylen (PE). Das Material ist heute der Standard für Haushaltsfrischhaltefolie. Es ist flexibler, einfacher zu verarbeiten und ermöglicht dünnere Folien: Moderne Produkte sind teilweise nur zwölf Mikrometer dick – etwa fünfmal dünner als ein menschliches Haar. Die Folie wurde also dünner, leichter und unkomplizierter. Sie lässt sich einfacher abrollen, trennen und wieder lösen und erfüllt ihren Zweck mit deutlich weniger Material. Nur eines kann sie nicht mehr so gut wie früher: kleben.