Abo
Versinkt die Fifa im Chaos?

Das sind Infantinos Krisenherde

Die Fifa und Präsident Gianni Infantino stehen arg in der Kritik, wobei sich in den letzten Tagen die Ereignisse überschlugen. Blick zählt die Krisenherde des Wallisers auf.

Christian Finkbeiner

Obwohl die WM vorbei ist, sorgen Gianni Infantino und die Fifa fast täglich für Schlagzeilen.
Obwohl die WM vorbei ist, sorgen Gianni Infantino und die Fifa fast täglich für Schlagzeilen. keystone-sda.ch

Werbung

Vor zehn Tagen wurde Spanien dank dem Finalsieg gegen Argentinien in New Jersey zum neuen Weltmeister gekürt. Doch die Diskussionen rund um die WM und die Fifa reissen seither nicht ab. Im Zentrum des Zorns vieler: Fifa-Präsident Gianni Infantino (56), der mit seinen Plänen, die WM an private Investoren zu verkaufen, für den vorläufigen Höhepunkt ereignisreicher Tage gesorgt hat. Eine Übersicht:
Verkauf von WM-Anteilen an private Investoren
Ein Bericht der «Times» am Dienstag schlägt ein wie eine Bombe. Die Fifa will Teile der WM an private Investoren verkaufen. Den Quellen zufolge soll auch US-Präsident Donald Trump (80) seine Finger im Spiel haben. Die Private-Equity-Firma «Thrive Capital», die zu 95 Prozent in den Händen des Gründers Joshua Kushner (41) – Bruder von Trumps Schwiegersohn Jared Kushner (45) – liegt, soll die Investorengruppe anführen. Die Grossbank J.P. Morgan soll als Finanzberater fungieren. Die Fifa sieht sich aufgrund des Artikels genötigt, eine Pressemitteilung zu verschicken. Dabei spricht sie von einer «Ausweitung der Fördermittel für den Fussball» und betont ausdrücklich, dass dies unter Zustimmung der Mitgliedsverbände geschehen müsse. Im Falle eines Verkaufs würde jeder der 211 Fifa-Mitgliedsverbände Anteile im Wert von rund 20 Millionen US-Dollar (gut 15 Millionen Franken) erhalten. «Fussball ist die beliebteste Sportart der Welt und ein aussergewöhnlicher Motor für menschliche und gesellschaftliche Entwicklung», wird Infantino zitiert. «Bestimmte Bereiche des Fussballs haben diese Popularität in beachtlichen kommerziellen Erfolg umgewandelt – und wir freuen uns über diesen Erfolg und wollen, dass er sich fortsetzt, denn er kommt dem gesamten Fussball zugute.»

Partner-Inhalte

Von der Uefa gibt es gleich eine Abfuhr. «Damit wird eine Grenze überschritten, die die Führungsgremien des Fussballs niemals überschreiten sollten», schreibt der europäische Verband. Die Seele und die Führung des Fussballs seien keine Handelsgüter – insbesondere nicht, wenn keinerlei Transparenz darüber bestehe, wer finanziell davon profitiere. «Keiner von uns ist Eigentümer des Fussballs. Es steht der Fifa nicht zu, ihn zu verkaufen.» Die Uefa will weitere Schritte bei einem Meeting mit den Mitgliedsverbänden thematisieren – sogar ein WM-Boykott soll im Raum stehen. Der Schweizerische Fussballverband hält sich vorerst noch bedeckt. «Dem SFV liegen derzeit keine zusätzlichen Informationen zu diesem Thema vor. Deshalb nehmen wir zum jetzigen Zeitpunkt keine Stellung.» Die Fifa gibt laut Medienberichten ihren Mitgliedsverbänden bis zum 19. September Zeit, um zu entscheiden, ob sie dem Verkauf zustimmen oder nicht.
Infantinos Rundumschlag
Aber schon davor geht es hoch her. Eine Woche nach dem WM-Final holt der Fifa-Präsident zum persönlichen Rundumschlag aus. In einem 15-seitigen Post auf Instagram rechnet Infantino mit den persönlichen Kritikern ab und all jenen, welche die WM und Vorgänge während des Turniers in Nordamerika kritisiert hatten. «Unsere Welt braucht Liebe, keinen Hass. Toleranz, keine Spaltung», schreibt Infantino. Während Kritiker «Hass und falsche Gerüchte» verbreiteten, habe die Fifa gemeinsam mit Kanada, Mexiko und den USA das «grösste Ereignis der Welt» organisiert. Die WM sei die «herausragendste WM» gewesen. Es sei zu keinen Zwischenfällen, Feindseligkeiten oder Gewalt gekommen. Seinen Kritikern rät er, sich Zeit zu nehmen, zu meditieren, zu beten oder ein Fussballspiel zu schauen, statt ihre Energie mit Hass zu verschwenden. Die WM habe aus seiner Sicht «das Beste der Menschheit» gezeigt. Die Replik von Javier Tebas, dem spanischen Liga-Präsidenten, liess nicht lange auf sich warten. Er bezeichnete die jüngsten Aussagen Infantinos als «erbärmlich» und forderte mehr Transparenz von der Fifa.

Werbung

Fall Balogun
Es war das Fanal dieser WM. Die Begnadigung von Folarin Balogun für den Achtelfinal gegen Belgien, nachdem der US-Stürmer im Spiel zuvor gegen Bosnien-Herzegowina die Rote Karte gesehen hatte. Während sich die Fifa auf den Standpunkt stellte, dass ihre Disziplinarkommission einen unabhängigen Entscheid gefällt habe, die Strafe auf Bewährung auszusetzen, posaunte US-Präsident Donald Trump raus, dass er selbstverständlich Infantino angerufen und diesen gebeten habe, die Strafe noch einmal zu überdenken. Bereits letzte Woche hatte Norwegens Verbandspräsidentin Lise Klaveness in einem Interview mit der britischen Zeitung «The Times» angekündigt, dass sie eine Beschwerde bei der Ethikkommission der Fifa einreichen werde. «Wir alle wissen, dass dieses Urteil von aussen beeinflusst wurde und nicht auf einem ordnungsgemässen Verfahren beruhte.»
Anhörung vor dem US-Kongress
Auch vom amerikanischen Kongress droht Infantino Ungemach. Der demokratische Abgeordnete Jamie Raskin forderte die Fifa und ihren Präsidenten auf, bis zum 9. August Informationen über ihre Kontakte zur US-Regierung offenzulegen. Dabei geht es unter anderem um Vorwürfe im Zusammenhang mit Büromieten der Fifa im New Yorker Trump Tower oder die überhöhten Ticketpreise während der WM. Zudem verlangte Raskin vom Walliser, bei seinem nächsten Besuch in den USA für eine Befragung im Justizausschuss des Repräsentantenhauses zu erscheinen. Die Nähe zwischen Trump und Infantino ist offensichtlich. So war der Fifa-Präsident bei der Amtseinführung Trumps im Januar 2025 zugegen. Bei der WM-Auslosung Anfang Dezember 2025 in Washington übergab Infantino dem US-Präsidenten den von der Fifa neu geschaffenen Friedenspreis. Die britische NGO Fair Square legte daraufhin Beschwerde ein wegen der Verletzung der politischen Neutralität. Die Organisation beruft sich auf den vierten Artikel der Fifa-Statuten, in denen es heisst, dass der Weltverband politisch neutral bleiben müsse.

Werbung

Falsche Regelauslegung im Fall Embolo
Der Fall hat selbstredend vor allem in der Schweiz für Aufsehen gesorgt: Die Gelb-Rote Karte des Nati-Stürmers Breel Embolo im WM-Viertelfinal gegen Argentinien nach Eingriff des Video Assistant Referees (VAR). Wie das International Football Association Board (Ifab), die Regelhüter des Fussballs, nun in einer Mitteilung am Montagabend bekanntgab, legte die Fifa den dritten Punkt des VAR-Protokolls (Verwechslung) falsch aus, in dem beim VAR-Eingriff nicht nur die Identifizierung des Spielers, sondern auch das Vergehen überprüft worden war, was zur Folge hatte, dass Embolo wegen seiner Schwalbe vom Platz flog. Die Fifa hat aus ihrer Sicht nicht falsch gehandelt: «Wir betrachten dies nicht als Fehler des Schiedsrichters oder des VAR.» Der Entscheid habe letztlich die Gerechtigkeit wiederhergestellt. Zudem sei die Auslegung des Begriffs «falsche Identifizierung» während der WM konsequent angewendet worden.

Werbung