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Cybersicherheit

Der Kaskadeneffekt trifft auch KMU

Die Realität zeigt auch in der Schweiz: Schleichende Überregulierung blockiert Innovationen.

Wilma Fasola

Die Realität zeigt auch in der Schweiz: Schleichende Überregulierung blockiert Innovationen.
Die Realität zeigt auch in der Schweiz: Schleichende Überregulierung blockiert Innovationen.Getty Images

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Der härteste Gegner von Schweizer KMU kommt heute immer seltener aus den Reihen der Konkurrenz, sondern sitzt im eigenen Büro: die administrative Belastung. Wer in der Schweiz ein kleineres oder mittleres Unternehmen führt, stellt fest, dass die eigentliche Komplexität längst die operativen Kernaufgaben überlagert. Geschäftsführende und IT-Verantwortliche mutieren zunehmend zu Compliance-Managern, die sich neben Strategie, Personal und Kundenpflege in einer dichten und starren bürokratische Landschaft zurechtfinden müssen. «Es sind viele kleine Entwicklungen, die in der Summe einem bedenklichen Trend folgen», beobachtet Angela Anthamatten, stellvertretende Bereichsleiterin Wettbewerb und Regulatorisches bei Economiesuisse. Die Regulierungsaktivität hat in den letzten vierzig bis fünfzig Jahren massiv zugenommen. In den Augen der Expertin erhöht dies die Komplexität, erschwert Investitionen, verzerrt Preissignale und bremst die Schweizer Wirtschaft systematisch aus.
Sicher steht ausser Frage, dass Regulierung Vertrauen und Rechtssicherheit schafft, doch das gesunde Gleichgewicht zur wirtschaftlichen Freiheit schwindet. Die ökonomischen Folgen sind keine graue Theorie, sondern messbar: Hätte die Schweiz vor zehn Jahren eine international vergleichbare Entbürokratisierung durchgeführt, würde das Pro-Kopf-BIP heute um rund 5 Prozent höher liegen. Über 30 Milliarden Franken an Bürokratiekosten wären gemäss Berechnungen von Economiesuisse jedes Jahr vermeidbar. Der Schweizerische Gewerbeverband schätzt die gesamten Regulierungskosten sogar noch deutlich höher ein – auf rund 80 Milliarden Franken. Dieser administrative Leerlauf bindet wertvolle Ressourcen. Ein konsequenter Bürokratieabbau würde daher nicht nur KMU, Grosskonzerne und Bauernbetriebe entlasten, sondern auch eine der grössten Strukturkrisen der Gegenwart lindern: den Fachkräftemangel. Eine Reduktion der vermeidbaren Aufwände könnte gemäss Berechnungen des Forschungsinstituts BSS und des deutschen Ifo-Instituts Arbeitskapazitäten von über 55'000 Vollzeitstellen freisetzen – Arbeitskraft, die dringend für produktive und wertschöpfende Tätigkeiten gebraucht würde.

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Der Kaskadeneffekt

Besonders tückisch für den Mittelstand ist der sogenannte Kaskadeneffekt. «Viele Regulierungsvorhaben, beispielsweise in der Nachhaltigkeitsberichterstattung oder im Digitalbereich, werden primär für internationale Grosskonzerne konzipiert», erklärt Anthamatten. Doch über globale Lieferketten, vertragliche Berichtspflichten und die automatische Weitergabe von Haftungsrisiken schlagen diese Vorgaben eins zu eins auf kleinere Betriebe durch. Die Expertin warnt vor der Realität im Markt: «Ein Zulieferer mit zwanzig Mitarbeitenden muss faktisch ähnliche ESG-Nachweise erbringen wie ein Grosskonzern – ohne jedoch über die entsprechenden personellen oder finanziellen Ressourcen zu verfügen.» Diese blockierten Mittel fehlen am Ende genau dort, wo die Zukunft des Standorts entschieden wird: bei der Technologie und der Innovation.
Die digitale Kluft in der Schweiz wächst dadurch rasant: Während bereits rund ein Drittel der Grossunternehmen KI aktiv nutzt, sind es bei den kleinen Firmen gerade einmal magere 8 Prozent. Schätzungen zeigen ein alarmierendes Bild: Mittlerweile fliessen rund 40 Prozent der gesamten Tech-Ausgaben in Schweizer und europäischen Unternehmen in reine Compliance-Kosten, um regulatorische Auflagen zu erfüllen, statt in zukunftsgerichtete Innovationen investiert zu werden.

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Bürokratie wird damit zum grössten Wachstumshemmnis der Wirtschaft. Anthamatten ortet den stärksten und unnötigsten Eingriff des Staates heute in einer schleichenden Überregulierung im Digital- und Datenbereich. Als brandaktuelles und drastisches Beispiel nennt sie die anstehende Vüpf-Revision. Hier will der Bundesrat die Überwachungspflichten für Kommunikations- und Onlinedienste massiv ausweiten. Trotz vernichtender Kritik in der Vernehmlassung hält die Politik an weitreichenden Identifikations-, Datenspeicherungs- und Herausgabepflichten fest. Die Quittung dafür ist teuer: Eine unabhängige Regulierungsfolgenabschätzung beziffert die potenziellen Wohlfahrtsverluste bis 2035 auf bis zu 36 Milliarden Franken. Damit droht das einstige Gütesiegel «Swissness» von einem Standortvorteil in einen handfesten Standortnachteil zu kippen.

Der schmale Grat

Für die Wirtschaft ist klar: Der Erfolg der Schweiz basiert nicht auf radikaler Abschottung oder blinder Anpassung, sondern auf der richtigen Kombination aus beidem. Das Land sollte offen für Märkte, Talente und Technologien bleiben, aber gleichzeitig dort eigenständig handeln, wo es einen echten Mehrwert schafft. Zwingend international kompatibel sollte die Schweiz dabei vor allem bei den global organisierten Datenflüssen und digitalen Infrastrukturen sein, da ohne harmonisierte Standards bei Datenaustausch, Cloud-Lösungen und Schnittstellen eine «digitale Insel» droht, die Investitionen nachhaltig abwürgt.

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Eine ebenso hohe Priorität besitzt die Anschlussfähigkeit bei der KI- und Datenregulierung, weil Schweizer Unternehmen ihre Produkte für internationale Märkte entwickeln; nationale Sonderwege schaffen hier eine fatale Rechtsunsicherheit und treiben Innovationen ins Ausland. Ausländische Regeln müssen zwar genau beobachtet, dürfen aber keinesfalls blind kopiert werden, findet die Expertin. Nicht zuletzt gilt die Notwendigkeit internationaler Kompatibilität auch für die Cybersicherheit und die dazugehörigen Meldeprozesse, da fragmentierte, rein nationale Insellösungen die Kosten für KMU massiv in die Höhe klettern lassen, ohne die tatsächliche Wirksamkeit im Kampf gegen Cyberkriminelle zu verbessern.

Pragmatismus als Schweizer Geheimwaffe

Einen bewusst eigenständigen, schlankeren Weg muss die Schweiz laut Anthamatten hingegen dort gehen, wo Europa überreguliert. Das gilt insbesondere für eine starre, horizontale Technologieregulierung wie das europäische KI-Gesetz (AI Act). Die Wirtschaft spricht sich dezidiert gegen pauschale Verbote aus und plädiert für technologieneutrale, risikobasierte und sektorielle Ansätze. Auch eine politisch motivierte Debatte um «digitale Souveränität», die zunehmend zur Projektionsfläche für Abschottungstendenzen oder grundlegend marktfeindliche Positionen wird, ist ein Irrweg. Echte Souveränität bedeutet Handlungsfähigkeit durch Offenheit und einen unbeschränkten Zugang zu globaler Spitzentechnologie, nicht staatliche Kontrolle.

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Dass Mut zur Lücke belohnt wird, zeigt die Schweizer Position im Bereich der KI. Der Bundesrat hat im Februar 2025 bewusst entschieden, auf ein starres KI-Gesetz nach EU-Vorbild zu verzichten und stattdessen auf das bewährte, prinzipienbasierte Rechtssystem zu setzen. «Der Schweizer Weg ist kein Abwarten», stellt Anthamatten klar, «er ist aktive, bewusste Zurückhaltung im Wissen, dass unser System auch auf neue Themen präzise Antworten bietet.» Die wirtschaftliche Realität gibt dieser Strategie recht: Während die EU mit ihrem bürokratischen Monstrum ins Straucheln gerät und über den sogenannten Digital Omnibus bereits wieder zurückrudert, boomt das Schweizer KI-Ökosystem. Die Investitionen in Schweizer KI-Start-ups stiegen im Jahr 2025 um phänomenale 206 Prozent auf rund 1,1 Milliarden Franken. Globale Technologie-Schwergewichte wie Google, Open AI und Anthropic haben bedeutende Präsenzen in Zürich aufgebaut – eben weil der flexible Schweizer Rahmen Innovationen atmen lässt. Die bis Anfang 2027 erwartete Vernehmlassungsvorlage im Bereich KI muss diesen Kurs weiterhin konsequent einhalten.

Warum staatlicher Cyberzwang scheitert

Auch bei der Cybersicherheit droht Gefahr, wenn gut gemeinte Schutzmechanismen in ein Kontrollregime kippen. Das Bundesamt für Cybersicherheit (Bacs) prüft derzeit ein Schweizer Pendant zum EU Cyber Resilience Act, den sogenannten Swiss CRA. Economiesuisse warnt hier vor einer unkritischen Übernahme. Denn in der Cybersicherheit scheitern starre staatliche Vorgaben strukturell an der Realität: Die Bedrohungslage verändert sich im Stundentakt, Gesetze brauchen Jahre. Wer eine bestimmte Technologie fix ins Gesetz schreibt, verhindert morgen die Anwendung besserer Abwehrmassnahmen. Detaillierte Meldepflichten hinken der technologischen Entwicklung immer hinterher und werden selbst zum Sicherheitsrisiko, weil sie agile Reaktionen behindern. Zudem sind die Risikolagen völlig unterschiedlich: Ein lokaler KMU-Zulieferer hat fundamental andere Angriffsvektoren als ein globaler Cloud-Anbieter; Einheitsvorschriften verfehlen diese Heterogenität komplett. Schliesslich zwingt staatlicher Druck Unternehmen oft zu reinem Checklistendenken: Man optimiert formale Compliance statt echter, proaktiver Resilienz.

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Die zentrale Lehre aus den europäischen Fehlern ist simpel: Wer jetzt gleich streng reguliert wie die EU oder sogar noch strenger, verbrennt Ressourcen und schafft Standortnachteile ohne jeglichen Sicherheitsgewinn. Das ideale Zusammenspiel von Staat und Wirtschaft basiert auf dem Prinzip «Kooperation statt Kontrolle». Der Staat muss die Leitplanken definieren, die Wirtschaft füllt sie flexibel aus. Die Schweiz besitzt hierfür mit ihrer langen Tradition der Selbstregulierung – wie sie sich beispielsweise im Finanzmarkt seit Jahrzehnten hocheffizient bewährt – eine unschlagbare Geheimwaffe. Branchengetragene Standards sind nachweislich praxisnäher und agiler als staatlicher Zwang.
Um den Schweizer Wohlstand langfristig und nachhaltig zu sichern, muss die Subsidiarität reaktiviert werden. Jedes neue Regulierungsvorhaben muss aus diesem Grund zwingend einem harten Praxistest unterzogen werden: Besteht wirklich eine echte Gesetzeslücke? Ist der Eingriff verhältnismässig? Gibt es mildere, marktnahe Mittel? Wenn die Schweiz sich darauf besinnt, bewusst schlanker und pragmatischer zu regulieren als das Ausland, verwandelt sich der regulatorische Dschungel wieder in das, was er sein sollte: ein stabiler, international hochattraktiver Standortfaktor.

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