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Carte Blanche

Führung unter Dauerbelastung

Wie man unter hoher Belastung Grenzen ziehen und handlungsfähig bleiben kann.

Cornelia Knoch

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Cornelia Knoch ist Expertin für Führungsfragen und Buchautorin. Ihr jüngster Ratgeber «Führungssituationen erfolgreich meistern» ist im November erschienen. johannes wosilat

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Heute sind in der Schweiz so viele Menschen in leitenden Funktionen tätig wie nie zuvor. Es sind 8,6 Prozent aller Berufstätigen, was mehr als 420'000 Personen entspricht. Wie anspruchsvoll Führung ist, realisieren viele erst, wenn sie sich in der Position befinden. Führung bringt es mit sich, täglich mit Druck, Unsicherheit und komplexen Entscheidungen umzugehen. Die Verantwortung ist enorm, die Ausgangslage nicht immer leicht zu durchdringen. Eine Führungskraft bewegt sich im Spannungsfeld ungleicher Erwartungen: Da ist etwa das Team, das klare Orientierung über die Aufgaben verlangt. Zu Recht. Dazu kommen Vorgesetzte, welche auf die Zielerreichung pochen. Zu Recht. Das alles in einer Organisation, die administrativen Aufwand fordert. Zu Recht. In dieser Gemengelage melden sich zusätzlich die Erwartungen an einen selbst, etwa in Gestalt des persönlichen Leistungsanspruchs. Zu Recht.
In einer unübersichtlichen, sich ständig verändernden Welt wird man schnell zum Getriebenen. Eine Führungskraft verliert sich dann im Operativen, lässt sich vom Tagesgeschäft mitreissen, ist nur noch in der Reaktion, statt zu gestalten. Und hat am Ende des Tages das Gefühl, weder sich noch dem Umfeld gerecht zu werden. Zu viele Stimmen beeinträchtigen die Wahrnehmung und die aus einer gesunden Distanz gewonnene Beurteilung. Die aber liefert die nötige Energie für überzeugtes Führungshandeln.

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Wer jedoch nicht auf alle Stimmen hören möchte, nicht über jedes Stöckchen springt, wer sich nicht irritieren lässt von absurdem Führungsgebaren auf den Bühnen um ihn herum, sondern sich stattdessen seiner Verantwortung und Wirkung als Führungsperson bewusst ist, für den ist Selbstreflexion der einzige Schlüssel für eine nachhaltige und effektive Führungspraxis. Sich und seine Führung auf den Prüfstand zu stellen, seine Zugänge zu kennen, Einstellungen und Werte zu hinterfragen, sind die Pfeiler eines reifen Umgangs mit sich und denen, die es angeht.

Was heisst das für Führung unter Dauerbelastung?

  1. Es ist, wie es ist. Einfacher wird es nicht. Ein breiter Rücken hilft. Das ist gut für den, der das weiss und verinnerlicht.
  2. Wer führt, übernimmt Verantwortung für sich und für die Menschen um sich herum. Immer wieder Erwartungen zu klären, gehört zum Tagesgeschäft. Einseitige Dauerfokussierung auf Fachliches blendet die Sensibilität menschlicher Dynamiken aus. Das fällt einem früher oder später auf die Füsse.
  3. Sich nicht treiben zu lassen, erfordert, wiederholt bewusst aus dem operativen Hamsterrad auszusteigen. So kann man den Kopf über Wasser halten. Dazu vereinbart man zur Abwechslung einen Termin mit sich selbst: Man schliesst die Tür zum Büro, nutzt die Zeit im Homeoffice und blockt die Agenda sichtbar nach aussen. Das konsequent und verbindlich sich selbst gegenüber. «Was passiert hier gerade?», «Wo stehe ich?», «Was ist wichtig?» sind jetzt die Fragen, die helfen, den Tunnelblick aufzulösen. Dann kommt auch wieder die Freude am Tun.
  4. Priorisieren ist das Werkzeug zur Bewältigung. Einen groben Überblick zu haben, gehört dazu. Entscheidend ist, nach Wichtigkeit zu unterscheiden. Allerdings ist das «Abtauchen» der Führungskraft damit nicht gemeint. Wer in der persönlichen Priorisierung hinten landet, erhält eine Rückmeldung, dass man auf sein Anliegen zu einem späteren Zeitpunkt zurückkommt – oder eben nicht, wenn es nicht sein soll.

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Führung unter Dauerbelastung konfrontiert mit den eigenen Selbstführungsfähigkeiten. Seine Ressourcen zu kennen und mit ihnen sorgfältig umzugehen, ist darum auch der Nährboden, dem Umfeld und seinen Erwartungen gerecht zu werden.

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