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Cablecom: Entscheidung am Trafalgar Square

Es sollte der Börsengang des Jahres werden. Stattdessen wurde die Cablecom über Nacht an den US-Kabelkönig John Malone verkauft. Wie der spektakuläre Deal wirklich lief.

Von Marc Kowalsky
18.10.2005

Es ist ein grauer, verregneter Donnerstagspätnachmittag, als Wirtschaftsanwalt Rolf Watter (48) mit seinem blauen Audi durch die Strassen Zürichs kurvt. Eben hat er seine Klavierstunden hinter sich gebracht, eben ist er auf dem Weg zurück in sein Büro, als das Handy klingelt. Am anderen Ende ist Ramez Sousou, Banker bei der Kapitalgesellschaft Tower Brook und Verwaltungsrat der Glacier Holding, des Eigentümers der Cablecom.

«Liberty ist bereit, einen grossen Schritt auf uns zuzumachen», meldet Sousou aus dem Tower-Brook-Gebäude in der Londoner City. Watter, VR-Präsident sowohl der Glacier als auch der Cablecom, vernimmt die Nachricht mit Erstaunen. In jenem Moment, es ist der 29. September kurz nach 17 Uhr, nimmt der Fall Cablecom eine spektakuläre Wende. In jenem Moment werden die Weichen gestellt dafür, dass der grösste Schweizer Börsengang seit Jahren gestoppt, dass die Cablecom statt an das Schweizer Publikum an die Liberty Global des amerikanischen Kabelkönigs John Malone verkauft werden sollte.

Für Rolf Watter war Liberty ein alter Bekannter. Schon Anfang August hatte er Emissäre des amerikanischen Kabelnetzbetreibers bei sich im Haus gehabt. Bei sich, das bedeutet in den Räumen der Kanzlei Bär & Karrer, in der Watter geschäftsleitender Partner ist. Dort, im Erdgeschoss des vierstöckigen Büroneubaus auf dem Zürcher Hürlimann-Areal, hatte Watter Anfang Juli zwei so genannte Data-Rooms einrichten lassen: zwei Besprechungszimmer mit den simplen Bezeichnungen «T» und «U», jedes rund 20 Quadratmeter gross, mit Parkett und Wandverkleidung aus hellem Holz, mit dunklen ovalen Tischen und schwarzen Ledersitzen. Und vor allem mit zentnerweise Aktenordnern.

In jenen beiden Zimmern gaben sich wochenlang die Berater, Anwälte und Controller die Klinke in die Hand. Ihre Aufgabe: eine Due Diligence durchzuführen und einen Börsenprospekt für die Cablecom zu erstellen. Schliesslich hatte der Verwaltungsrat der Glacier wenige Wochen zuvor beschlossen, dass die Zeit reif war für einen strategischen Schritt der Cablecom. Ein IPO war die erste Wahl, aber weil auch ein Verkauf eine Option war und Liberty schon in den Jahren 2000 und 2003 Interesse an der Cablecom angemeldet hatte, durften auch die Amerikaner ein paar Tage in den Data-Rooms verbringen.

Das Ergebnis ihrer Prüfung freilich konnte Watter nicht zufrieden stellen: Zu niedrig waren die Preisvorstellungen der Liberty, zu weitläufig ausserdem die vorgeschlagene Preisspanne, als dass sich Detailverhandlungen gelohnt hätten. Weil andere vernünftige Interessenten für einen Kauf nicht existierten, gab Watter Mitte August die Parole aus: Die Cablecom wird für den Börsengang vorbereitet.

Von nun an geht es zügig vorwärts: Cablecom-CEO Bruno Claude wird mit den Vorbereitungen der Roadshow beauftragt. Am 20. August reicht er den ersten Entwurf des Emissionsprospektes an der Schweizer Börse SWX ein. Am 24. August berichtet BILANZ erstmals detailliert über die Börsenpläne der Cablecom, am 16. September unterrichtet Kommunikationschef Stephan Howeg die Presse offiziell von der geplanten Publikumsöffnung («intention to float»). Von Liberty haben die Cablecom-Eigner in der Zwischenzeit nichts mehr gehört.

Zehn Tage später wird in Anwesenheit eines Notars im Zuger Büro von Bär & Karrer das Kapital von 100 000 auf 20 Millionen Franken erhöht, um genug Aktien für die Publikumsöffnung zu haben. Gleichzeitig konstituiert sich der neue VR der Cablecom. Am selben Tag ruft Watter den Glacier-VR in einer Telefonkonferenz zusammen. Ramez Sousou meldet den Teilnehmern, es habe noch einmal lose Kontakte zu Liberty gegeben. Die VR-Mitglieder beschliessen nun definitiv den IPO.

Hat Liberty davon Wind bekommen? Oder einfach ein gutes Gespür fürs Timing?

48 Stunden später jedenfalls «erfahren die Aktivitäten eine spürbare Beschleunigung», wie es einer der Beteiligten ausdrückt. Es ist die Nacht vom 28. auf den 29. September. In Denver greift Mike Fries, CEO der Liberty Global, zum Hörer und ruft Ramez Sousou in dessen Londoner Büro an. Fries unterbreitet ein neues Angebot.

Nach kurzer Zeit ist Rolf Watter aus seinem Home-Office in Thalwil telefonisch zugeschaltet. Auch Bruno Claude hört im Cablecom-Hauptsitz in der Zürcher Zollstrasse mit, klinkt sich aber nach ein paar Stunden aus, um weiter die Roadshow vorzubereiten. Es sind harte und zähe Verhandlungen, denn auch das neue Liberty-Angebot ist noch weit entfernt von den Vorstellungen der Glacier Holding:

57 Franken sei eine Cablecom-Aktie wert, haben die Banken erst wenige Stunden zuvor ausgerechnet, das macht einen Unternehmenswert von 4,4 Milliarden Franken.

So viel kann Fries nicht bieten. Vor allem will er den Kaufpreis an bestimmte Garantien binden. Diese Reps and Warranties beinhalten etwa, dass der Preis nachträglich gesenkt werden kann, wenn der Zustand der Cablecom nicht exakt den vertraglichen Abmachungen entspricht oder wenn sie sich anders entwickelt als geplant. Liberty, das wissen Sousou und Watter, ist ein knallharter Geschäftspartner. Das Risiko, einen Teil des Verkaufspreises später zurückzahlen zu müssen, wollen sie nicht eingehen. Um zwei Uhr morgens brechen sie die Verhandlungen ergebnislos ab.

Am nächsten Morgen informieren Kommunikationschef Howeg und CEO Claude in einer Telefonkonferenz über die Details des Börsenganges. Um 11.30 Uhr beginnt Claude mit der Roadshow: Im Zürcher Zunfthaus zum Rüden empfängt er eine Gruppe von Investment-Bankern. Den ganzen Nachmittag reihen sich weitere Treffen mit Bankenvertretern aneinander.

In der Zwischenzeit lässt Mike Fries seine Männer noch einmal rechnen. Und kommt danach zu einem neuen, deutlich grosszügigeren Angebot: Er ist jetzt bereit, die geforderten 4,4 Milliarden Franken zu zahlen. Um neun Uhr morgens Colorado-Zeit lässt er Sousou davon wissen. Der informiert sofort Watter – es ist jener Anruf, der Watter auf dem Rückweg von seiner

Klavierstunde kurz nach 17 Uhr Zürcher Zeit erreicht. Watters Sekretärin trommelt die neun Mitglieder des Glacier-Verwaltungsrates zusammen. Um 22.30 Uhr tagt der VR in einer Telefonkonferenz. Bruno Claude ist mit CFO Otto Rathsmann von seinem Büro zugeschaltet, Watter aus Thalwil. Intensiv diskutiert man das Für und Wider der verbesserten Offerte. Um 23.45 Uhr beschliesst der VR einstimmig: Die Cablecom wird für 4,4 Milliarden Franken verkauft. Aber nur, wenn Fries seine Garantieforderungen fallen lässt. Und wenn Liberty sofort einen Teil der Summe anzahlt. Sousou erhält dafür eine Verhandlungsvollmacht.

Eine Stunde später informiert Watter Kommunikationschef Howeg über den möglicherweise bevorstehenden Verkauf. Dann legt er sich für zwei Stunden schlafen. Diesen Luxus kann sich Howeg nicht leisten: Die nächsten fünf Stunden arbeitet er mit der Londoner Agentur City Gate die Kommunikation für den erklärungsbedürftigen Deal aus. Derweil verhandelt Sousou in seinem Tower-Brook-Büro nahe des Trafalgar Square weiter telefonisch mit Fries. Der Liberty-CEO will von seinen Reps and Warranties nicht abrücken. Doch Sousou, der 39-jährige Brite, macht ihm klar: Dies ist die letzte Verhandlungsposition der Glacier. Und dies ist die letzte Chance für Liberty. Es dauert bis zum Morgengrauen, doch dann hat er Fries so weit: Kurz nach sechs Uhr unterschreibt der Liberty-Chef. Von seinem Blackberry aus übermittelt Sousou die Nachricht nach Zürich. Rudolf Fischer, Managing Director der Cablecom, ist auf dem Weg zur Arbeit, als ihn Claude davon unterrichtet.

Die Öffentlichkeit erfährt noch nichts. Noch ist der Deal nicht unter Dach und Fach, noch hat Liberty die Anzahlung des Kaufpreises nicht geleistet. Um neun Uhr schliesslich trifft das Geld auf dem Sperrkonto ein. Bruno Claude gibt der Kommunikationsabteilung grünes Licht. Um 10.11 Uhr verschickt Cablecom die Pressemitteilung, aus Zeitnot vorerst nur in Englisch: «Liberty to acquire Cablecom.» Die Bombe ist geplatzt.

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