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BILANZ Business-Talk: Beatrice Weder di Mauro

Professorin Beatrice Weder di Mauro über das Ende des Frankens und ihre Jugend in Guatemala.

Von René Lüchinger
30.03.2007

BILANZ: Die einen nennen Sie eine Neoliberale, für andere sind Sie eine Anhängerin von Keynes. Was ist richtig?

Beatrice Weder di Mauro: Ach, das sind Versuche, mich zu schubladisieren. In Deutschland wird die Diskussion zum Teil polarisiert und ideologisch geführt.

Wo positionieren Sie sich?

Die Unterteilung in Angebots- und Nachfragetheoretiker ist heute überholt. Ich würde mich als empirische Ökonomin bezeichnen.

Das heisst?

Daten – die Realität – entscheiden, was stichhaltig ist.

Sie sehen Ökonomie als exakte Wissenschaft?

In den meisten Bereichen weiss man recht gut, wie man die Rahmenbedingungen setzen muss, damit man zu gewissen Resultaten kommt. Haben wir langfristig ein zu niedriges Wachstum, sind es Faktoren der Angebotsseite, die entscheidend sind.

Sie reden von der Schweiz?

Anerkannt ist, dass sich der sehr flexible Arbeits- und der Kapitalmarkt positiv auswirken. Dagegen haben wir einen weniger flexiblen Binnensektor, da wiederum ist der Gütermarkt angesprochen. Der Binnensektor ist eine der Wachstumsbremsen.

Die Linke möchte die Grenzen eher öffnen, Bürgerliche sind zum Teil dagegen. Stichwort «Parallelimport».

Liberalisieren ist ein schwieriges Thema. Nehmen Sie den deutschen Arbeitsmarkt: Eine grössere Flexibilisierung bringt zwar Sicherheitsverlust, aber sie eröffnet vielleicht Chancen für jene, die keinen Job haben oder noch jung sind. Oder nehmen Sie die Schuldenbremse: Die Gewinner und Verlierer leben in unterschiedlichen Generationen.

Sie sitzen im Sachverständigenrat, der die deutsche Bundesregierung berät. Sie wurden von Gerhard Schröder geholt, nun haben Sie es mit Angela Merkel zu tun. Ihre Erfahrungen?

In der Arbeit hat sich nichts geändert, ausser dass wir mehr zu tun haben, weil die Bundeskanzlerin zwei Zusatzberichte verlangt hat.

Wie würden Sie den Leistungsausweis von Merkel definieren? Als ungenügend?

Man muss die Arbeit der grossen Koalition beurteilen. Und da fällt mein Urteil gemischt aus. Die Erhöhung des Rentenalters auf 67 Jahre ist sicher richtig, bei anderen Fragen liegen die Vorstellungen von SPD und CDU weit auseinander. Daraus können sich schlechte Kompromisse ergeben – wie etwa in der Gesundheitsreform. Der Sachverständigenrat hat übrigens vor drei Jahren das Schweizer Modell vorgeschlagen.

Vorbild Schweiz – eines, das Arbeitskräfte absorbiert. Wird der Braindrain zum deutschen Problem?

Wenn Humankapital systematisch wegzieht, hat das Folgen. Die Gegenmassnahme wäre eine Verbesserung der Rahmenbedingungen.

Weshalb verabschieden sich die qualifizierten Leute?

Zum Teil wegen des Lohnunterschieds. Wenn wir an der Universität Mainz bei einer Einstellung eine Offerte einreichen, haben wir keine Chance, wenn ein Konkurrenzangebot aus der Schweiz vorliegt. Trotz höheren Preisen in der Schweiz ist es sehr schwierig mitzuhalten.

Sie sind in Guatemala aufgewachsen, haben in Basel studiert, nun lehren Sie in Deutschland. Ihre Erfahrungen?
Ich war als Kind unterschiedlichen Welten ausgesetzt, einfache Erklärungen haben mich schon damals nicht überzeugt. Zuerst hiess es, die guatemaltekischen Indianer seien zwar arm, aber glücklich – und wollten eigentlich gar nicht mehr. Dann habe ich gesehen, mit welcher Energie sie produziert haben, um etwas zu verkaufen. Es waren eher staatliche Hindernisse, die sie daran hinderten, sich zu entwickeln – und nicht ihre angebliche Zufriedenheit.

Zum Beispiel?

Für Kleinunternehmer im informellen Sektor ist es schwierig, Eigentums- und Vertragsrechte durchzusetzen. Es ist auch nicht einfach, Kredite zu kriegen, mit einer Hypothek ein Haus zu bauen. Das heisst: Wachstum ist schwierig. Hernando de Soto hat diese Hindernisse am Beispiel Peru aufgezeigt.

Sie reisten von der Dritten in die Erste Welt. Eine Zeitreise?

Ich war jung, sah darin nichts Aussergewöhnliches. Als wir in die Schweiz zurückkehrten, war ich 16 Jahre. Damals fragte ich mich ab und zu, ob ich akzeptiert würde.

Sie kennen die Diskussion hierzulande: Entwicklungshilfe bringe nichts.

Ich halte den Schluss für falsch. Entwicklungshilfe generiert sehr wohl Wachstums- und Entwicklungschancen – wenn die staatlichen Rahmenbedigungen stimmen.

Zum Beispiel eine effiziente Korruptionsbekämpfung?

Good Governance im Allgemeinen, dazu makroökonomische Stabilität sind wichtig. Für viele Länder waren Währungskrisen und hohe Inflationsraten entscheidend.

Sie sind Professorin, sitzen im Sachverständigenrat und im VR von Roche, haben eine Familie. Wie geht das alles?

Für den Sachverständigenrat habe ich einen Aufwand von fünf, sechs Monaten. Ich kann diese Arbeit und die Sitzungen langfristig planen, das macht es einfacher. Den Aufwand an der Universität habe ich reduziert.

Wir hatten unlängst in der BILANZ den Artikel «Der Schweizer Franken – ein Auslaufmodell?». Ihr Kommentar?
Ich bin mit dem Artikel nicht einverstanden, die Schweiz ist mit dem Franken gut gefahren. Sie hat eine unabhängige Geldpolitik, niedrige Zinsen, eine tiefe Inflation, eine stabile Währung. Insgesamt hat man also ein grosses Kunststück vollbracht.

Der Franken schwächelt gegenüber dem Euro.

Der Euro wird sich gegenüber dem Dollar tendenziell aufwerten, was aber eher von den USA getrieben ist. Die Schweiz ist zudem immer noch eine Zinsinsel, und die Differenz wird nicht kompensiert durch Währungsveränderungen.

Bleiben wir eine Zinsinsel?

Bislang gibt es keinen Anlass, das Gegenteil anzunehmen.

Die Schweiz steht im Steuerstreit mit der EU. Ihr Urteil?

Es stehen sich fundamental unterschiedliche Positionen gegenüber: Der Steuerwettbewerb in der Schweiz geniesst hohe Akzeptanz. Die Schweiz ist ein relativ effizienter Staat. In der EU und in Deutschland fehlt diese Erfahrung. Die Schweiz muss in der Steuerfrage einen Dialog führen und die Gegner mit ihren guten Argumenten überzeugen.

Bei diesem Text handelt es sich um Auszüge aus dem BILANZ Business-Talk. Das ganze Interview finden Sie unter: www.bilanz.ch/businesstalk

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