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Meinung

Sorgt KI für die Rückkehr der unbezahlten Arbeit?

Technologischer Fortschritt führt nicht nur zu Hightech-Berufen, sondern auch zu mehr sozialen Tätigkeiten.

Adriel Jost

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«Die Buchhalter von heute werden die Betreuer von Kindern und älteren Menschen von morgen sein», schreibt Ökonom Adriel Jost. BILANZ

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Die letzten Jahrzehnte zeigen eine klare Tendenz: Immer mehr alltägliche Arbeiten werden ökonomisiert. Das gilt für Haushaltsarbeiten wie Kochen, Putzen oder Gartenpflege ebenso wie für familiäre Aufgaben – etwa die Betreuung von Kindern und betagten Eltern – und gesellschaftliche Tätigkeiten wie die Arbeit in Vereinen. Weniger dieser Arbeiten werden unbezahlt erledigt, stattdessen übernehmen sie bezahlte Angestellte. Der Markt hat sich damit in Bereiche des Lebens ausgedehnt, die früher familiär oder nachbarschaftlich organisiert wurden.
Diese Ökonomisierung ermöglicht eine stärkere Arbeitsteilung. Menschen können freier entscheiden, wie sie ihre Zeit einsetzen. Wenn eine Person gerne kocht, kann sie Essen anbieten. Eine andere Person kümmert sich lieber um Buchhaltung oder Marketing und kauft mit ihrem Lohn das Essen ein. Wenn Tätigkeiten über Märkte organisiert werden, schafft die daraus entstehende Spezialisierung Wohlstand und Innovation.
Adriel Jost ist Ex-SNB-Mitarbeiter, Fellow am Institut für Schweizer Wirtschaftspolitik (IWP) in Luzern und Präsident des Thinktanks Liberethica.
Doch wenn alles käuflich wird, verändern sich Beziehungen – im Kleinen innerhalb der Familie und des Freundeskreises ebenso wie in der Gesellschaft insgesamt. Es macht einen Unterschied, ob Arbeit anonym gegen Bezahlung eingekauft wird oder ob Menschen sich freiwillig gegenseitig unterstützen. Das Leben selbst verändert sich dadurch. Nicht nur Soziologen fragen sich daher, was geschieht, wenn persönliche Handlungen zu ausgelagerten Dienstleistungen werden. Was bleibt übrig vom Leben, wenn man immer mehr Bereiche outsourct – bis hin zu Hochzeitsplanern, Leihmüttern oder professionellen Trauerbegleitern?

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Die Kombination aus demografischer Alterung und dem rasanten Fortschritt der künstlichen Intelligenz (KI) könnte diese Entwicklung nun auf neue Weise verändern. Einerseits führt die Alterung zu einem steigenden Bedarf an persönlichen Dienstleistungen. Andererseits sinkt der Anteil der Erwerbstätigen an der Gesamtbevölkerung. Die Folge: Personenintensive Dienstleistungen werden im Vergleich zu anderen Ausgaben teurer.
Kurz gesagt: Die Ausdehnung des Marktes in persönliche Lebensbereiche würde durch die Alterung eigentlich noch verstärkt – doch die dafür benötigten Arbeitskräfte werden knapper. Die Nachfrage steigt, aber manche Dienstleistungen werden sich viele Menschen nicht mehr leisten können.Gleichzeitig treibt KI die Automatisierung bestimmter Arbeiten voran. Besonders betroffen sind viele Bürotätigkeiten: Buchhaltung, Marketing, Analysen oder Softwareentwicklung. Für solche Aufgaben wird künftig deutlich weniger menschliche Arbeit benötigt. Entsprechend dürften die Preise für Dienstleistungen, die auf solchen Tätigkeiten beruhen, sinken. Dadurch bleibt mehr Einkommen für personenintensive Dienstleistungen.
Auch Fortschritte in der Robotik werden weitere Arbeiten automatisieren, etwa im Gartenbau oder in der Reinigung. Doch je näher eine Tätigkeit am Menschen selbst ist, desto schwerer lässt sie sich durch Maschinen ersetzen. Dies gilt insbesondere für die Betreuung und die Erziehung von Kindern oder bei der Pflege betagter Menschen. Technologischer Fortschritt führt daher nicht nur zu Hightech-Berufen, sondern auch zu mehr sozialen Tätigkeiten. Die Buchhalterinnen und Marketingexperten von heute werden die Betreuerinnen und Betreuer von Kindern und älteren Menschen von morgen sein.Die Frage, ob diese Arbeiten künftig weiter via Markt ausgelagert werden sollen – mit entsprechenden Steuern und Sozialabgaben – oder doch wieder wie früher stärker über eigenes Engagement erfolgen, wird sich neu stellen.

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