Das Schweizer Berufsbildungssystem befindet sich in einer grossen Bewährungsprobe – und erweist sich dabei als erstaunlich krisenfest. In Zeiten von KI, Dekarbonisierung und rasanten Marktverschiebungen fragen sich viele Jugendliche im Berufswahlprozess, ob ihr Traumjob in zehn Jahren überhaupt noch existiert. Die Antwort darauf verlangt ein Umdenken: Der erlernte Beruf ist heute weniger Endpunkt als Einstieg. Die Lehre bietet innerhalb und ausserhalb der gewählten Branche viele Möglichkeiten, sich stetig weiterzuentwickeln.
Die Angst vor dem plötzlichen Verschwinden ganzer Berufsfelder ist zudem oft unbegründet. «Die allermeisten Ausbildungsberufe verändern sich derzeit durch Digitalisierung und KI, bleiben aber in ihrer Grundlogik bestehen», sagt Nicole Meier, Ressortleiterin Bildung beim Schweizerischen Arbeitgeberverband (SAV). Viel entscheidender als der Name des Berufs auf dem Papier sei die Dynamik dahinter. Massgebend sei laut der Expertin, «dass sich die Kompetenzprofile innerhalb der Berufe laufend und rasch gemäss der Integration der neuen Technologien in die tägliche Arbeit weiterentwickeln». Das bedeutet schlicht, dass sich verändert, welche Fähigkeiten im Berufsfeld erforderlich sind und wie einzelne Arbeitshandlungen konkret ausgeführt werden.
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Der Markt ist anpassungsfähig
Ein Blick auf den Schweizer Arbeitsmarkt zeigt, dass dieser offen für Veränderungen ist. Allein im Jahr 2025 wurden in der Schweiz 43 neue oder revidierte Berufe genehmigt. Während traditionelle Profile wie Fotolaborant infolge der Digitalisierung weitgehend verschwunden sind oder der Mühlenbauer durch den modernen Anlagen- und Apparatebauer EFZ ersetzt wurde, entstanden und entstehen gleichzeitig neue und zukunftsorientierte Lehrberufe.
Beispiele der letzten Jahre wie Solarinstallateur EFZ, Interactive Media Designer EFZ oder Fachmann/ Fachfrau im Bahntransport EFZ zeigen, wie direkt das System auf technologische und gesellschaftliche Trends reagiert. «Da sich die Berufsbildung am Arbeitsmarkt orientiert, werden die Lehrberufe laufend den Bedürfnissen der Wirtschaft angepasst», stellt Meier klar. Ein zentraler Vorteil ist hierbei die enorme Nähe zum Markt: Bildungspläne werden spätestens alle fünf Jahre überprüft und in enger Abstimmung mit den Branchen weiterentwickelt. Zudem gibt es in den Branchen zahlreiche Aus- und Weiterbildungsmöglichkeiten im Anschluss an die Lehre, insbesondere in der höheren Berufsbildung oder auch bei den Fachhochschulen.
Geht es darum, welche Fähigkeiten im Zeitalter der Automatisierung den Unterschied machen, sind es meist nicht nur die hoch spezialisierten, rein technischen Skills, sondern die zutiefst menschlichen Eigenschaften. Sogenannte überfachliche oder transversale Kompetenzen gewinnen an Bedeutung, auch in den spezialisierten Berufen. Dazu gehören Problemlösungsfähigkeit, kritisches Denken, Zusammenarbeit, Kreativität und Kommunikationsfähigkeit. «Gerade weil sich Tätigkeiten verändern, sind es diese breit einsetzbaren Fähigkeiten, die vor allem auch im betrieblichen und oft spezialisierten Umfeld im Rahmen der Berufsbildung vermittelt werden und nicht einfach automatisiert werden können», erklärt die Bildungsexpertin. Wenn man einen einzigen Skill nennen müsste, den jeder und jede Lernende morgen braucht, ist es für sie eine Kombination aus mehreren Faktoren: Neugierde, Lernagilität und kritisches Denken. Letzteres ist insbesondere wichtig, um in der digitalen Welt Falschinformationen überhaupt noch identifizieren zu können. Es brauche schlicht eine kontinuierliche Bereitschaft, sich «on the Job» oder durch gezielte Aus- und Weiterbildungen fortzubilden.
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Es gibt neue Disziplinen
Diese geforderte Agilität spiegelt sich auch in neuen Disziplinen wider. Dass bei den Swiss Skills – den zentralen Schweizer Berufsmeisterschaften – mittlerweile die Disziplin «Entrepreneur-Skills» Einzug gehalten hat, ist daher kein Zufall. Unternehmerisches Denken wird zu einem berufsübergreifenden Fundament. «Unternehmerisches Denken hilft, Veränderungen zu verstehen, Chancen zu erkennen und Verantwortung zu übernehmen und entsprechend zu handeln», meint Meier.
Für die Wirtschaft ist das überlebenswichtig. Unternehmen sind vermehrt auf Mitarbeitende angewiesen, die aktiv mitdenken, Eigeninitiative zeigen und sich in neue Prozesse einbringen. Selbst in klassischen handwerklichen oder pflegerischen Berufen gehört die Digitalisierung längst zum Standard. Während gewisse ICT-Grundkompetenzen in der Allgemeinbildung vermittelt werden, erfolgt die Vermittlung der gezielten Tech-Kompetenz direkt über die Praxis: «Die berufsspezifischen Kompetenzen werden anhand der Alltagssituationen und damit anhand des Umgangs mit IT im Berufsalltag definiert und in der Umsetzung vermittelt», fasst Meier zusammen.
Obwohl die Top Ten der beliebtesten Lehrberufe in der Schweiz weiterhin stabil sind und der jüngste Nahtstellenbarometer nur leichte Verschiebungen zeigt, ist die Lehre von heute extrem dynamisch. Für Jugendliche, die mit Sorge in die Zukunft blicken, hat Meier einen pragmatischen Rat: trotz aller Transformation einen Beruf zu erlernen. Ihr Fazit bringt es auf den Punkt: «Der einzelne Beruf ist weniger entscheidend als die in der Lehre erworbenen Kompetenzen.» Die Berufsbildung liefert die Basis und die nötige Durchlässigkeit, um sich flexibel und erfolgreich weiterzuentwickeln – egal, wohin sich der Markt bewegt.
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