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Kommentar zu mentaler Gesundheit

Der blinde Fleck in Unternehmen

Warum gelten manche Chefs als fordernd, obwohl sie Mitarbeitende blossstellen oder einschüchtern? Wie Erfolg toxische Führung verdecken kann – und warum Firmen genauer hinsehen müssen.

Katja Unkel

«Mitarbeitende verzeihen erfolgreichen Vorgesetzten oft toxisches Verhalten», schreibt Gastautorin Katja Unkel.
«Mitarbeitende verzeihen erfolgreichen Vorgesetzten oft toxisches Verhalten», schreibt Gastautorin Katja Unkel.HZ

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Unternehmen tun viel für die mentale Gesundheit. Mitarbeitende sollen sich am Arbeitsplatz wohlfühlen. Da überrascht es, dass Klagen über toxische Vorgesetzte und ein vergiftetes Klima zunehmen. Woher kommt die plötzliche Toxizität? Hat sich das Arbeitsumfeld derart verändert, oder ist die Rede vom «toxischen Chef» bloss ein Ausdruck des Zeitgeists? Da nicht nur Unternehmen und Aufsichtsgremien hier blinde Flecken haben und echte Toxizität eine ernst zu nehmende Sache ist, lohnt sich ein genauer Blick.
Aussagen wie «Mein toxischer Chef!» oder «Meine Chefin, total toxisch!» nehmen zu. Nachfragen lohnt sich. Hört man Erklärungen wie: «Es fehlen klare Ziele, Entscheidungen werden vertagt und Verantwortung wird durchgereicht», spricht das eher für Inkompetenz. Die kann nerven und zermürben, aber «giftig, bösartig und gefährlich» für Mitarbeitende ist sie wohl kaum. Vielfach wird toxisch mit inkompetent verwechselt. Wer nun sagt, das sei blosse Semantik, der irrt. Es geht um die Verharmlosung einer ernsten Sache und darum, was man dagegen tun kann.
Fehlende Kompetenz lässt sich durch Wissen und Training wettmachen. Unternehmen investieren viel in die Aus- und Weiterbildung ihrer Führungsriege. Niemand kann Führung einfach so, jeder muss sie lernen. Inkompetenz hat nichts mit Toxizität zu tun. Bei toxischem Verhalten greift Training zu kurz, weil Persönlichkeit und Charakter eine Rolle spielen. Gegensteuern können Unternehmen mit gelebten Werten und Regeln. Eine von Vertrauen, Integrität und Respekt geprägte Kultur erschwert toxisches Verhalten wie Erniedrigung, Blossstellung und Lächerlichmachen.

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Die Gastautorin

Katja Unkel ist Gründerin der Firma Managing People AG, die Führungskräfte und Organisationen berät, coacht und trainiert.
Zu toxischem Verhalten gehören Wiederholung und Muster – nicht die Ausnahme. Wer mal die Fassung verliert, unsachlich Kritik äussert oder Mitarbeitende anschnauzt, ist nicht toxisch, sondern unprofessionell. Die inflationäre Verwendung des Wortes «toxisch» macht die echte Toxizität normal. Sie wird verharmlost, getreu dem Motto: «Jeder ist halt auch mal toxisch.» Damit droht eine zweite Gefahr, die tiefer geht.
Eine Studie zu «‹Abuser› or ‹Tough Love› Boss?» enthüllt Erschreckendes: Zeigte eine Führungskraft missbräuchliches, übergriffiges oder beleidigendes Verhalten, wurde sie deutlich seltener als «abusive» bezeichnet, wenn sie als leistungsstark galt. Dasselbe Verhalten wurde dann eher für «tough love» gehalten, also wohlmeinende Härte. Die Ergebnisse alarmieren, schaut man auf die verwendete Skala: «Erniedrigung, andere für dumm erklären, Lächerlichmachen, frühere Fehler vorhalten, Blossstellen, Schuld zuschieben, Schweigen als Bestrafung und Lügen.» Das pure Gift.
Der Arbeitsalltag bestätigt die Studie: Erfolg verändert die Bewertung. Mitarbeitende verzeihen erfolgreichen Vorgesetzten oft toxisches Verhalten. Das ist fatal, denn Toxizität schadet unabhängig davon, ob man sie anspricht oder abtut. Daher sollte man genau hinschauen und giftige Kulturnester eliminieren. Folgende Fragen helfen: «Sache oder Person?» Kritik an Leistung ist legitim, Blossstellen und Lächerlichmachen der Person nicht. «Ein Vorfall oder ein Muster?» Ein Ausraster macht noch keinen toxischen Chef, wiederkehrendes schädigendes Verhalten schon. «Forderung oder Einschüchterung?» Hohe Ansprüche gehören zur Führung, Angst, Demütigung und Vergeltung hingegen nicht.

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Wer toxische Führung erkennen will, darf weder jedes unbequeme Verhalten dämonisieren noch Erfolg zum Freibrief für missbräuchliches Verhalten machen. Wirklich toxische Chefs vergiften alles. Da ist Inkompetenz tatsächlich das kleinere Problem.

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