Die Arbeitswelt verändert sich rasant. Was gibt Ihnen an stressigen Tagen Energie?
Mein grösster Energiegeber ist es, die Wirkung unserer Arbeit auf das Leben von Menschen zu erleben. Bei der Adecco Group verbinden wir täglich Millionen Menschen mit Arbeit. Arbeit schafft finanzielle Sicherheit und Unabhängigkeit, aber im besten Fall auch Sinn, Zugehörigkeit und Wachstumschancen. Sie sollte Menschen befähigen, eigene Entscheidungen zu treffen und ihre Zukunft selbst zu gestalten. Zu wissen, dass unsere Arbeit dazu beitragen kann, motiviert mich zutiefst. Viel Energie schöpfe ich auch daraus, zu sehen, wie sich Menschen entwickeln können. Wenn eine Person aus meinem Team Selbstvertrauen aufbaut, eine neue Herausforderung annimmt oder in eine grössere Rolle hineinwächst, gehört das zu den schönsten Momenten von Führung.
Wie sieht der Ausgleich ausserhalb des CHRO-Alltags aus?
Ausserhalb der Arbeit tanke ich Kraft im Kreis von Familie und Freunden. Mein Mann, unser Sohn und ich gehen oft gemeinsam mit dem Hund spazieren – das bringt uns nach draussen und gibt uns Zeit zum Reden und Zusammensein. Ausserdem mache ich Pilates und geniesse den Austausch mit Freunden. Bewegung, Natur und Zeit mit den Menschen, die mir am wichtigsten sind, helfen mir, abzuschalten und eine neue Perspektive zu gewinnen.
Wenn Sie auf Ihre bisherige Karriere zurückblicken – welches Ereignis oder welche Führungspersönlichkeit hat Ihre Haltung gegenüber Menschen und Arbeit am stärksten geprägt?
Am stärksten geprägt hat mich die Erfahrung, wie meine beiden Eltern kurz vor der Pensionierung ihre Stelle verloren – nach vielen Jahren bei ihren Arbeitgebern. Das hat mir bewusst gemacht, dass hinter jeder personellen Entscheidung ein Mensch, eine Familie und eine Geschichte stehen. Im Personalbereich sind Restrukturierungen und organisatorischer Wandel manchmal notwendig, aber ich halte mir immer vor Augen, dass es sich nicht einfach um Zahlen in einer Tabelle handelt. Solche Entscheidungen greifen tief in das Leben von Menschen ein. Diese Erfahrung prägt bis heute meinen Umgang mit schwierigen Entscheidungen. Sie ist auch der Grund, warum mir so viel daran liegt, Menschen ihr Leben lang beschäftigungsfähig zu halten und sie in Phasen des beruflichen Wandels zu begleiten.
Was hat Sie persönlich daran gereizt, die HR-Strategie für einen globalen Konzern wie die Adecco Group mitzugestalten?
Der Purpose war ein wesentlicher Anziehungspunkt. «Making the future work for everyone» spricht mich persönlich sehr an, denn Arbeit schafft Chancen und ermöglicht es Menschen, für sich selbst und ihre Familien zu sorgen.
Was hat Sie seit Ihrem Start am meisten überrascht?
Wenn man einem Talent- und Technologieunternehmen beitritt, erwartet man, dass beim Thema Talent bereits alles durchdacht ist. Doch dann merkt man: Auch wir haben Verbesserungspotenzial. Während wir tagtäglich Organisationen dabei helfen, Talente zu entwickeln, Kompetenzen aufzubauen und sich auf die Zukunft der Arbeit vorzubereiten, gehen wir diesen Weg auch selbst weiter.
Früher galt Führung oft als makellos und unantastbar. Wie viel persönliche Verletzlichkeit und Offenheit erlauben Sie sich gegenüber Ihrem Team?
Heute deutlich mehr als früher in meiner Karriere. Als ich jünger war, glaubte ich, Führungskräfte müssten immer gefasst wirken und auf alles eine Antwort haben. Ich befürchtete, das Zeigen von Verletzlichkeit könnte als Schwäche gedeutet werden. Mit der Zeit habe ich erkannt, dass eine solche Haltung eher Distanz als Vertrauen schafft. Heute kann ich offen sagen, wenn ich etwas nicht weiss, andere um Hilfe bitten und zugeben, wenn etwas nicht wie geplant gelaufen ist. Ich glaube, bei Führung geht es weniger darum, sich zu beweisen, sondern vielmehr darum, ein Umfeld zu schaffen, in dem sich Menschen sicher fühlen und die Möglichkeit haben, sich einzubringen, zu lernen und zu wachsen.
HR wird zunehmend datengetrieben. Gab es kürzlich einen Moment, in dem Sie sich bewusst gegen die Daten und für Ihr persönliches Bauchgefühl entschieden haben?
Ich würde es nicht als Entscheidung zwischen Bauchgefühl und Daten beschreiben. Die eigentliche Frage ist meiner Meinung nach, wie man Daten, Erfahrung, Kontext und Urteilsvermögen kombiniert.
Wie lautet die Antwort?
Daten unterstützen Entscheidungen, sie treffen sie nicht. Erfahrung und Kontext bleiben entscheidende Faktoren, die von einem Menschen berücksichtigt werden sollten, insbesondere dann, wenn die Zahlen allein kein vollständiges Bild liefern.
Dr. Daniela Seabrook ist seit Januar 2024 Chief Human Resources Officer und Mitglied der Konzernleitung der Adecco Group. Die Organisationspsychologin verfügt über mehr als zwanzig Jahre internationale Erfahrung in HR-Führungspositionen und hat ihre Karriere rund um Talent, Führung und Organisationsentwicklung aufgebaut. Bevor sie zur Adecco Group kam, war sie Chief Human Resources Officer und Mitglied der Konzernleitung bei Philips. Heute verantwortet sie die Personalstrategie des Konzerns mit Fokus auf Wachstum, lebenslange Beschäftigungsfähigkeit, Führung und die Schaffung von Möglichkeiten, damit Menschen ihr Potenzial entfalten können.
Wann wurde Ihnen zum ersten Mal bewusst, wie entscheidend Chancengleichheit und Zugehörigkeit in Ihrem eigenen Leben oder Ihrer Karriere sind?
Mir wurde die Bedeutung von Chancengleichheit und Zugehörigkeit schon sehr früh in meinem Leben bewusst. Ich wurde in der Schweiz geboren, meine Eltern stammten aus der damaligen Tschechoslowakei. Als Kind erlebte ich Situationen, in denen Annahmen darüber getroffen wurden, was ich aufgrund meiner Herkunft erreichen könnte. Manche Lehrpersonen glaubten, dass meine Chancen und mein Erfolg beschränkter seien, weil meine Mutter arbeitete und ich aus einer Einwandererfamilie stammte. Diese Erfahrungen sind mir geblieben. Sie haben mir gezeigt, wie wichtig Gleichbehandlung ist. Sie halfen mir auch zu verstehen, wie es sich anfühlt, nicht ganz dazuzugehören.
Wie haben Sie es geschafft, aus diesen schmerzhaften Erfahrungen nicht in Verbitterung zu verfallen?
Mit der Zeit habe ich gelernt, das Anderssein als Stärke zu sehen. Es gab mir eine zusätzliche Perspektive und half mir, Empathie für Menschen zu entwickeln, die sich ausgeschlossen oder übersehen fühlen. Diese Perspektive prägt bis heute, wie ich über Inklusion und Zugehörigkeit denke.
Wo begegnen Sie im Alltag dem grössten Widerstand beim Thema DE&I – und wie gehen Sie persönlich damit um, wenn Veränderung nicht schnell genug passiert?
Eine der grössten Herausforderungen besteht meiner Ansicht nach darin, zu erkennen, dass wir alle Vorurteile haben. Niemand von uns ist völlig frei davon. Schwierig wird es, weil nicht jeder seine eigenen Vorurteile erkennt. Ich habe noch niemanden getroffen, der offen sagt, Inklusion sei nicht wichtig. Die meisten Menschen stimmen dem Prinzip zu. Die Diskussion beginnt dort, wo es um die konkrete Umsetzung im Alltag geht und darum, wie unterschiedliche Perspektiven berücksichtigt werden können. Menschen unterstützen Veränderung eher, wenn sie sich gehört fühlen und einen Teil des Weges mitgestalten können.
Wenn Sie unangekündigt an einem Adecco-Group-Standort vorbeischauen – woran erkennen Sie innerhalb von fünf Minuten, ob Inklusion wirklich gelebt wird oder nur an der Wand hängt?
Ganz einfach daran, wie die Menschen miteinander umgehen. Grüssen sich die Menschen? Sagen sie Danke? Werden Empfangspersonal, Reinigungskräfte und das Senior-Management mit demselben Respekt behandelt? Für mich zeigt sich Inklusion in diesen kleinen, alltäglichen Momenten. Wenn Menschen einander unabhängig von Rolle oder Hierarchie mit Würde und Respekt begegnen, spürt man das sehr schnell. Solche Interaktionen verraten viel mehr über eine Kultur als jede Richtlinie oder jedes Plakat an der Wand.
Die Angst vor KI und Jobverlust ist für viele Menschen real. Wie nehmen Sie Ihren eigenen Mitarbeitenden diese Sorge, ohne falsche Versprechen zu machen?
Ich glaube nicht, dass wir diese Angst vollständig nehmen können. Was wir jedoch tun können, ist, Menschen dabei zu unterstützen, sich vorbereitet statt abgehängt zu fühlen. Das beginnt beim Aufbau von Kompetenzen und Selbstvertrauen. In den letzten zwei Jahren haben wir erheblich in KI-Weiterbildung investiert.
Reicht Weiterbildung allein?
Nein. Mitarbeitende sollten auch die Möglichkeit haben, die Entwicklung ihrer Arbeit aktiv mitzugestalten. Wenn Mitarbeitende die Technologie verstehen, ihr vertrauen und Einfluss auf den Veränderungsprozess nehmen können, wird der Wandel deutlich weniger bedrohlich wahrgenommen. Können wir ihnen alle Sorgen nehmen? Wahrscheinlich nicht. Manche Jobs werden sich verändern, und darüber sollten wir offen sprechen. Gleichzeitig können wir Menschen dabei unterstützen, die notwendigen Fähigkeiten, das Selbstvertrauen und die Erfahrungen aufzubauen, um diesen Wandel erfolgreich zu gestalten und als Teil davon mitzuwirken.
Wenn Sie irgendwann auf Ihre Zeit bei der Adecco Group zurückblicken – welchen persönlichen Stempel möchten Sie der Unternehmenskultur aufgedrückt haben?
Im Kern sind wir ein Talent-Unternehmen. Wir unterstützen Organisationen dabei, Talente zu gewinnen, Kompetenzen aufzubauen und Menschen auf die Arbeitswelt von morgen vorzubereiten. Wenn ich eines Tages auf meine Zeit bei der Adecco Group zurückblicke, möchte ich sagen können, dass wir denselben Anspruch auch für unsere eigenen Mitarbeitenden gelebt haben.
Wie sieht diese Haltung konkret im Arbeitsalltag aus?
Für mich bedeutet das eine Kultur, in der Lernen, Entwicklung und Wachstum selbstverständlicher Teil des Arbeitsalltags sind. Eine Kultur, in der Menschen regelmässig konstruktives Feedback erhalten, Entwicklungsgespräche führen und konkrete Perspektiven für ihre berufliche Weiterentwicklung erkennen können. Wenn es gelingt, Entwicklung für unsere Mitarbeitenden zu einer echten Erfahrung zu machen und nicht nur zu einem Thema, über das gesprochen wird, dann wäre das für mich ein schöner Rückblick.
Die Adecco Group mit Hauptsitz in Zürich ist das weltweit führende Talentunternehmen. Mit ihren drei globalen Geschäftsbereichen – Adecco, Akkodis und LHH – in über sechzig Ländern ermöglicht sie nachhaltige und lebenslange Beschäftigungsfähigkeit, liefert digitale und technologische Lösungen im Digital Engineering und hilft Unternehmen, ihre Arbeitskräfte optimal zu organisieren.