An die täglichen Drohungen aus den USA haben wir uns ja alle inzwischen gewöhnt. Doch derzeit nerven vor allem die Druckversuche der Schweizer Politikerinnen und Manager mit Blick auf die Nachhaltigkeits-Initiative der SVP, die am 14. Juni zur Abstimmung kommt. Fehlende Fachkräfte, kein Personal für die pflegebedürftige Grossmutter, AHV-Probleme und jetzt auch noch kürzere Ladenöffnungszeiten: Mit der Annahme der Initiative «Keine 10-Millionen-Schweiz!», so insinuieren die Gegner, stehe die Schweiz am Abgrund – adieu, Wohlstand!
Zuletzt malte Migros-Chef Mario Irminger als Wirtschaftsvertreter schwarz: «Kürzere Öffnungszeiten, weniger Filialen – oder allenfalls auch weniger Fleisch, weniger Auswahl» – das stellte der Manager der Schweizer Bevölkerung in Aussicht, sollte sie sich erdreisten, der Initiative zuzustimmen. Der Detailhandelsfuchs weiss genau, dass die Schweizer Konsumentinnen verwöhnt und anspruchsvoll sind, und zielte mit seinem Verknappungsszenario auf diesen wunden Punkt. Es bestehe eine hohe Wahrscheinlichkeit, dass das heutige Servicelevel nicht mehr aufrechterhalten werden könne, diktierte er der «Schweiz am Wochenende» ins Mikrofon.
Die Gastautorin
Karin Kofler ist regelmässige Gastkolumnistin und selbstständige Publizistin. Sie ist derzeit als Sabbatical-Vertretung für die Handelszeitung tätig. Nur noch hundert statt über zweihundert Joghurts zur Auswahl? Kein Kalbskotelett mehr in der Fleischtheke? Die Migros-Filiale wie früher um 18.30 Uhr zu? Irmingers Schreckensszenario scheint bei seiner Kundschaft erstaunlicherweise gar nicht so viel auszulösen. Aus den (selbstredend nicht repräsentativen) Leserkommentaren lässt sich sogar anderes herauslesen: «Ich freue mich auf kürzere Öffnungszeiten, weniger Filialen oder auch weniger Fleisch, weniger Auswahl», schreibt etwa eine Userin. «Es kann ruhig ein kleineres Angebot geben», so eine andere Stimme.
Zuwanderung = BIP-Wachstum = Wohlstandssicherung: Das ist das Mantra, welches die Wirtschafts- und Politelite der Bevölkerung seit Jahrzehnten einbläut. Und das ist die Hauptargumentationslinie im Wahlkampf zur Zehn-Millionen-Initiative. Laut Prognosen hat sie gute Chancen, angenommen zu werden. Natürlich wissen die meisten, dass die Nachhaltigkeits-Initiative keine intelligente Vorlage ist. Wenn es zu einem Ja kommt, wird es ein Protest-Ja. Eines, das Bundesrat, Parlament und das Wirtschaftsestablishment wachrütteln soll. Die Bevölkerung ist gedanklich nämlich längst weiter als die herrschende Klasse – ein Elite-Mass-Gap. Sie spürt, dass das Wachstumsmantra Risse bekommt. Sie sieht, dass künstliche Intelligenz ihre Arbeitsplätze und die berufliche Zukunft ihrer Kinder in Gefahr bringt. Sie bekommt das Paradoxon mit, dass Leute schon ab fünfzig auf dem Arbeitsmarkt nur noch schwerlich Anstellungen bekommen, während Manager andauernd über Fachkräftemangel klönen. Und sie hat sich längst darauf eingestellt, dass die guten Zeiten in der Altersvorsorge vorbei sind.
Das Zeitfenster wäre offen für eine ernsthafte Debatte darüber, wie Wohlstand künftig aussehen soll und was es angesichts der technologischen Entwicklung, der Veränderungen im Arbeitsmarkt und der Demografie dafür braucht – auch an Zuwanderung. Die Entwicklung alternativer Wohlstandsmasse ist global ja bereits im Gange – etwa mit der Wellbeing-Economy, die staatliche Ressourcen mehr auf die Lebensqualität der Bevölkerung auszurichten versucht.
Doch die Politik kämpft mit den abgenutzten Methoden von gestern gegen die Initiative. «Man redet von ‹Chaos-Initiative›, hat aber keine neuen, vertrauensbildenden Massnahmen anzubieten», hat mein Kolumnistenkollege und Ex-Preisüberwacher Rudolf Strahm an dieser Stelle kritisiert. Drohungen wie die von Migros-Chef Irminger oder Bundesrat Beat Jans («Das Basler Unispital müsste man von heute auf morgen schliessen») treiben die Unschlüssigen erst recht ins Ja-Lager. Nicht aus Überzeugung, sondern aus dem Gefühl heraus, nicht ernst genommen zu werden. Denn das ist es, was die Bevölkerung möchte.