Kommentar zur Schweizer Währungspolitik

Der Mythos vom starken Franken

Der Mythos vom «überbewerteten Franken» wackelt. Ist unsere Währung wirklich ein Problem für die Wirtschaft?

file85fc7kkj5l09zmlarjj
«Das Katastrophennarrativ ist nicht nur massiv übertrieben – es ist auch falsch», schreibt Handelszeitung-Gastautor Boris Zürcher. HZ

Werbung

Es gehört zum rituellen Pflichtprogramm der Schweizer Wirtschaftsverbände: Sobald der Euro oder der Dollar gegenüber dem Schweizer Franken an Wert verliert, schlagen Lobbyisten und Ökonomen medienwirksam Alarm. Das ewige Mantra vom «überbewerteten Franken», der angeblich die Schweizer Industrie stranguliere und den Tourismus ins Verderben stürze. Das Katastrophennarrativ ist jedoch nicht nur massiv übertrieben – es ist auch falsch. Der Franken ist nominal zwar eine Bank, aber real keineswegs zu teuer.
Das Hauptproblem ist die Fixierung auf den nominalen Wechselkurs. Ja, es stimmt: Wer sich erinnert, dass 1999 1 Euro noch 1.60 Franken kostete, reibt sich angesichts von Kursen deutlich unter der Parität die Augen. Doch dieser Absturz ist weitgehend eine optische Täuschung.
Das Zauberwort heisst Kaufkraftparitäten. Da die Inflation in der Schweiz über Jahrzehnte hinweg signifikant tiefer war als in der Euro-Zone oder in den USA, musste der Franken nominal aufwerten, um den realen Wert der Währungen im Gleichgewicht zu halten. Schaut man sich den realen effektiven Wechselkurs der SNB an – also den um die Inflation bereinigten Währungskorb –, verläuft die Kurve erstaunlich flach. Wenn im Ausland die Preise um 10 Prozent steigen, während sie in der Schweiz stabil bleiben, kann der Franken nominal um 10 Prozent aufwerten, ohne dass Schweizer Produkte im Ausland auch nur einen Rappen teurer werden. Die vermeintliche Franken-Stärke ist oft nichts anderes als der Ausgleich für die chronische Geldentwertung im Ausland.

Partner-Inhalte

Der Gastautor

Boris Zürcher war bis Ende 2024 Direktor für Arbeit beim Seco und ist regelmässig Gastautor der Handelszeitung.
Seit 2015, also seit die SNB die Anbindung an den Euro aufgehoben hat, belief sich die Inflation im Euro-Raum auf rund 28 und in den USA auf ungefähr 34 Prozent. In der Schweiz stieg das Preisniveau gemessen am Landesindex der Konsumentenpreise derweil nur um etwa 7 Prozent. Daher hätte der Franken nominal gegenüber dem Euro um rund 21 und gegenüber dem Dollar um etwa 27 Prozent ohne Verlust preislicher Wettbewerbsfähigkeit aufwerten können. Tatsächlich hat er aber gegenüber dem Euro nur um 13 und gegenüber dem Dollar um 19 Prozent zugelegt. Real ist daher der Wert des Frankens gegenüber beiden Währungen gefallen.
Dass der Franken offenbar nicht so stark ist, wie viele zu glauben scheinen, zeigt sich vor allem daran, dass der Exportanteil am BIP über das vergangene Jahrzehnt von rund 63 auf mittlerweile 78 Prozent angestiegen ist. Wäre der Franken tatsächlich so geschäftsschädigend, wie immer behauptet wird, dann hätte der Exportanteil kaum um 15 Prozentpunkte zulegen können. Keine Volkswirtschaft der Welt steigert ihre Exportquote so phänomenal, wenn ihre Währung sie angeblich stranguliert.
Auch das klassische Argument, wonach der Tourismus unter der Franken-Stärke kollabiert, hat sich in Luft aufgelöst. Früher galt die einfache Rechnung: Aufwertung des Frankens gleich Rückgang der Buchungen. Und heute? Die Schweizer Hotellerie bricht einen Logiernächterekord nach dem anderen; verschiedene Hotspots klagen über Overtourism.

Werbung

Vorbei sind offenbar die Zeiten, als der erstarkende Franken wie ein permanentes Fitnessprogramm – eine produktivitätssteigernde Peitsche – wirkte. Die Schweiz befindet sich nicht mehr im Fitnessstudio, sondern in der Wellnessoase. Unproduktive, träge Unternehmen können sich dem Strukturwandel entziehen, und jene werden belohnt, die ihre Hausaufgaben hinsichtlich Innovation verpasst haben. Es wird Zeit, das Lamento über den starken Franken aufzugeben und zu begreifen, dass die Schweiz ihre Umsätze nicht wegen einer hervorragenden Wettbewerbs- und Innovationsfähigkeit laufend steigern kann, sondern vor allem, weil sie einfach billig geworden ist.
Über die Autoren

Werbung