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Carte Blanche

Ein blosser ­Verdacht ruiniert manch einen Ruf

Oft genügt ein Verdacht, und noch bevor sich ein Gericht mit einer Sache beschäftigen konnte, hat die Öffentlichkeit ihr Urteil gefällt.

Alexander Schiemenz

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«Ein Strafverfahren kann Jahre dauern; ein Ruf ist in Stunden beschädigt», schreibt Alexander Schiemenz. PR

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Ein Verdacht genügt heute oft, um ein Leben aus der Bahn zu werfen. Noch bevor ein Gericht gesprochen, Beweise gewürdigt und Rechte geprüft hat, ist das öffentliche Urteil gefällt. Ein Name erscheint in einer Schlagzeile, ein Ausschnitt zirkuliert online, ein Arbeitgeber wird unter Druck gesetzt, eine Bank stellt Fragen. Niemand nennt es Strafe. Es heisst Risikomanagement, Reputation und Compliance. Für den Betroffenen fühlt es sich trotzdem wie eine Verurteilung an. Öffentlichkeit ist nötig: Macht muss kontrolliert, Missbrauch aufgedeckt werden. Aber zwischen Aufklärung und Vorverurteilung verläuft eine Grenze, die wir immer häufiger übersehen. Der Rechtsstaat lebt davon, dass wir nicht zu früh sicher sein wollen, wer schuldig ist.
Alexander Schiemenz ist Managing Partner von Lindemann Law. Sein Buch «Der Schuldalgorithmus» («The Algorithm of Guilt») erscheint demnächst im Buchhandel.
Die eigentliche Strafe wird heute oft nicht mehr im Gericht ausgesprochen. Sie entsteht draussen: im digitalen Echo, in der beruflichen Distanzierung, im eingefrorenen Mandat, im verlorenen Konto, im ausbleibenden Rückruf. Ein Strafverfahren kann Jahre dauern; ein Ruf ist in Stunden beschädigt. Ein Freispruch erscheint später klein, der Verdacht stand gross im Raum. Die juristische Sanktion ist begrenzt, begründet und überprüfbar. Die soziale Sanktion kennt oft kein Mass, keine Akte und keine Berufung. Gefährlich wird dies, wenn ein blosses Signal in Datenbanken wandert. Eine Anzeige, ein Ermittlungsverfahren oder ein laufendes Verfahren wird kopiert und in eine Datenbank, ein Risk Tool oder ein Medienarchiv eingespeist. Das gilt auch für ausländische Strafverfahren und Strafurteile, selbst wenn sie korrupt, politisch motiviert oder auf andere Weise unrechtmässig zustande gekommen sind. Aus einem Menschen wird ein Risiko. Aus Risiko wird Ausschluss. Banken, Arbeitgeber, Behörden und Geschäftspartner schützen sich. Jeder sagt, er habe nicht verurteilt. Aber alle handeln, als hätte jemand anderes es bereits getan. Das ist die neue Sanktion: nicht Gefängnis, sondern Unzugänglichkeit. Kein Schuldspruch, sondern Schweigen. Kein Urteil, sondern die leise Entscheidung, jemanden nicht mehr einzuladen, nicht mehr einzustellen, sein Bankkonto zu schliessen. Wir müssen deshalb die Unschuldsvermutung neu verstehen. Sie ist kein technischer Satz für Strafrechtler. Sie ist eine zivilisatorische Bremse. Sie erinnert uns daran, dass Empörung keine Beweiswürdigung ist, Geschwindigkeit keine Wahrheit und Gewissheit kein Verfahren. Wer diesen Grundsatz im öffentlichen Raum aufgibt, verwandelt den Rechtsstaat in ein Theater: Das Gericht spricht zwar noch, aber die Strafe ist längst vollzogen.

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Was ist zu tun? Medien müssen präziser zwischen Verdacht, Anklage und Verurteilung unterscheiden. Banken, Behörden, Arbeitgeber und andere Institutionen brauchen Mut zur Verhältnismässigkeit. Compliance-Systeme dürfen nicht nur speichern, dass ein Verfahren existiert; sie müssen korrupte, rechtswidrige oder verjährte Urteile löschen und das Recht auf informationelle Selbstbestimmung der Betroffenen hochhalten. Fünf von acht Menschen weltweit leben in Ländern mit hoher Korruption, gemessen am Corruption Perceptions Index (CPI). In einer Welt automatisierter Risiko- und Suchsysteme reicht es nicht, Entlastendes irgendwo in einer Akte abzulegen. Wenn Verdacht maschinenlesbar geworden ist, muss auch seine Begrenzung maschinenlesbar werden. Digitale Systeme dürfen nicht nur Menschen als Risiko markieren; sie müssen anzeigen, ob der Datensatz selbst verlässlich genug ist. Ein Rechtsstaat zeigt sich daran, wie er mit Verdacht umgeht. Hinter jeder Akte steht ein Mensch, hinter jedem Verfahren eine Biografie, hinter jeder Empörung eine Macht, die begrenzt werden muss. Wenn Verdacht schneller reist als Wahrheit, muss die Wahrheit bessere Wege bekommen. Sonst bleibt vom Urteil nur die Form und von der Gerechtigkeit nur der Name.

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