Sergio Marchionne, Chef von Fiat, Ferrari und Chrysler, wollte noch mehr. Nämlich die Fusion mit dem grössten Konkurrenten im Autoland Amerika, mit General Motors (GM).

Diesen wahnwitzigen Plan enthüllt Bloomberg-Journalist Tommaso Ebhardt in einer Marchionne-Biographie, von der diese Tage ein Vorabdruck in Italien erschienen ist.
Offenbar war Marchionne vom Gelingen des GM-Deal felsenfest überzeugt. Jedenfalls traf er sich 2015 mit europäischen Bankern, um die Finanzierung der 60-Milliarden-Dollar-Übernahme aufzugleisen. Rückendeckung genoss er von Fiat-Chrysler Ankeraktionär John Elkann, zumindest am Anfang. Auch ein Projektname existierte am Fiat-Hauptsitz in Turin: Cylinder. Elkann besprach sich in der Folge mit Warren Buffett, Familienfreund und Grossaktionär bei General Motors.

Marchionne verhandelte auch mit VW und Peugeot

Der legendäre Milliardär aus Omaha aber war von der Übernahme wenig begeistert. Da Elkann – im Gegensatz zum draufgängerischen Marchionne – auch nicht an das Gelingen einer unfreundlichen Übernahme der Amerikaner glaubte, bliesen die Turiner die Übung ab. Marchionne war frustriert und ärgerte sich über das von oben verordnete «Zölibat».

Marchionne wälzte gemäss Ebhardt weitere Übernahmepläne. Zu ihnen gehörte der Takeover der US-Aktivitäten des deutschen Autobauers Volkswagen, nachdem dieser in den USA immer tiefer in den Diesel-Skandal schlitterte. Doch auch aus diesem Projekt, das intern unter dem Geheimnamen Wolf figurierte, wurde nichts.

Zuvor soll der Italo-Kanadier wegen einer möglichen Fusion bei der französischen Peugeot-Gruppe sondiert haben. 2013 traf er Emmanuel Macron, damals noch Wirtschaftsberater von Präsident François Hollande. Die jahrelang gehegte Schlachtplan Marchionnes war es, den weltgrössten Automobilkonzern zu zimmern – einen Konzern mit einem Börsenwert von 100 Milliarden Dollar.

Fiat-Erbe flog nach Zürich

Es blieb beim Traum. Marchionne verstarb am 25. Juli 2018 im Universitätsspital in Zürich. Einen Monat zuvor war der kettenrauchende Topmanager an der Lunge operiert worden. Drei Tage vor seinem Tod, schreibt Ebhardt, sei Fiat-Grossaktionär Elkann im Privatjet nach Zürich eingeflogen, um sich ein Bild vom Gesundheitszustand seines Konzernchefs zu machen.

Denn in Turin machten Gerüchte die Runde, Marchionne sei in Zürich bloss an der Schulter operiert worden. Nun aber wollte der Fiat-Erbe selber für Aufklärung sorgen. Da er aber keine schriftliche Einwilligung von Marchionnes Lebenspartnerin Manuela Battezzato zum Besuch in der Intensivstation vorweisen konnte, soll er von den Ärzten am Unispital abgewiesen worden sein.

Erst ein persönliches Gespräch mit Battezzato an den Ufern des Zürichsees brachte vor dem Rückflug nach Turin eine Klärung. Marchionne würde nicht mehr zu Fiat-Chrysler zurückkehren. Zuvor hatte Automobil-Manager Sergio Marchionne noch ganz andere Pläne: Rückzug aus dem Operativen im Jahr 2019.

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