«Heute bin ich für das Silicon Valley und die neuen Technologien zuständig»
Patrick Steinemann ist der höchstrangige Schweizer am New Yorker Finanzplatz. Im Gespräch sagt der Zuger, wie er zu seinem Job kam und was mit KI alles auf uns zukommt.
Patrick Steinemann ist permanent unterwegs: Er betreut die Technologiefirmen bei der Bank of America. Im Büro im Silicon Valley scheint die Sonne durch die Fenster, als er sich morgens per Videocall meldet. Austin, Miami, Boston – das sind die Tech-Hochburgen neben San Francisco, die er stetig bereist, dazu kommen die Hotspots im Ausland. Das Fotoshooting findet in seinem Büro in Midtown Manhattan statt – die Finanzwelt hat ihr Zentrum noch immer in New York. «Es ist gerade eine extrem spannende Phase», ruft er zu. «Die Tech-Revolution hat erst begonnen.»
Wie fühlt man sich als höchstrangiger Schweizer an der Wall Street?
Ich bin stolz auf meine Schweizer Wurzeln und darauf, Schweizer Ingenieurdenken in meine globale Rolle einzubringen. New York ist ein einzigartiges Ökosystem, in dem Deep Technology und Deep Capital zusammenkommen. Es gibt zwar nur wenige Schweizer hier mit Führungsfunktionen, aber die Schweizer Qualitäten sind ein Vorteil, wann immer wir mit globalen Kunden arbeiten.
Die CS war die führende Schweizer Adresse an der Wall Street und ist verschwunden, ausser der UBS sind die anderen Schweizer Banken in den USA praktisch nicht mehr präsent. Gibt es überhaupt noch eine Schweizer Community an der Wall Street?
Es waren schon immer wenige Schweizer Finanzfachleute hier. Die Schweiz ist ein kleines Land, mit einer Grossbank, die viele der Schweizer Talente absorbiert. Eine Community gibt es hier nicht. Ich habe zwar an den diversen Stationen meiner Karriere immer wieder Schweizer ausserhalb der Schweiz getroffen, aber darunter waren nur sehr wenige Investmentbanker.
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Globaler Banker
Kein Schweizer Banker begleitet die KI-Revolution so intensiv wie Patrick Steinemann (56): Als «Global Head of Advanced Technologies» betreut er bei der Bank of America weltweit Technologiefirmen. Er wuchs in Zug auf, studierte an der ETH und doktorierte am MIT. 1997 begann er bei Merrill Lynch und blieb auch, als das Institut 2008 von der Bank of America übernommen wurde. Er arbeitete in London, Hongkong und dem Silicon Valley und lebt heute mit seiner Familie in Manhattan.
Wie landet man als Schweizer in einem der wichtigsten Jobs der Wall Street?
Ich bin in Zug aufgewachsen, dort gab es schon in meiner Jugend viele internationale Manager. An der ETH habe ich Ingenieurwesen und Naturwissenschaften studiert und bin dann nach Boston ans MIT für ein Doktorat gegangen. Da bin ich dann voll in die amerikanische Kultur eingetaucht und habe die Technologiebegeisterung gespürt.
Hatten Sie familiär eine Nähe oder Affinität zu den USA?
Überhaupt nicht. Ich bin im Berner Oberland verwurzelt.
Bei Ihrem Einstieg ins Banking Ende der Neunzigerjahre gab es kaum Naturwissenschaftler in der Bankenwelt.
Das war damals in der Tat ungewöhnlich. Die meisten meiner Studentenkollegen wussten gar nicht, was Investmentbanking ist. Aber mich hat die Finanzwelt sehr interessiert.
Sie begannen im Jahr 1997 bei Merrill Lynch, der damals aufstrebendsten Adresse an der Wall Street.
Die Internetrevolution hatte begonnen, sie suchten Abgänger mit technologischem Verständnis. Ich habe das Trainee-Programm in New York durchlaufen und ging dann nach London. Dort bin ich zehn Jahre geblieben, habe auch den europäischen Markt inklusive der Schweiz abgedeckt.
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Haben Sie im Londoner Office Sergio Ermotti getroffen? Er war zur gleichen Zeit dort.
Wir haben uns nicht persönlich kennengelernt, das Office wuchs damals sehr schnell, und er war mir einige Jahre voraus.
Dann gingen Sie nach Asien.
Ich war 15 Jahre in Hongkong, eine sehr spannende Zeit: Chinas starkes Wachstum, zusammen mit dem Aufstieg der Asian Tigers.
Patrick Steinemann sieht einen «Übergang zu normalisierten Erwartungen» – aber keine Umkehr.Julien Chatelin für BILANZ
Patrick Steinemann sieht einen «Übergang zu normalisierten Erwartungen» – aber keine Umkehr.Julien Chatelin für BILANZ
Auch da war die Nähe zur Technologie immer da.
Wir hatten dort viele Börsengänge von Tech-Firmen. Heute bin ich für das Silicon Valley und die neuen Technologien zuständig, diese Komponente ist mir aus der Zeit an der ETH und am MIT geblieben.
Das heisst: Die Übernahme von Merrill Lynch durch die Bank of America nach der Finanzkrise 2008 haben Sie aus der Ferne erlebt. Sie brachte der Bank of America die Investmentbanking-Expertise.
Die Bank of America war vor allem im Retail- und im Commercial-Geschäft tätig, deshalb passte der Zusammenschluss mit Merrill Lynch so gut.
Eine Schweizer Bank fehlt in Ihrem Lebenslauf.
Das hat sich nie ergeben. Im Investmentbanking hat sich der Vorsprung der Amerikaner in den letzten Jahren nochmals stark vergrössert, auf globalem Niveau sind die anderen Player ausgestiegen.
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Sie leiten die Advanced Technology Group, ein Team mit mehreren Hundert Spezialisten, verteilt auf die USA, Europa und Asien. Was machen Sie genau?
Ich habe immer produktübergreifend Sektoren abgedeckt, die mit Technologie zu tun gehabt haben, und die CEOs der Unternehmen an der Front betreut. Wir betreuen unsere Kunden bei Kapitalaufnahmen, Börsengängen, M&A und stellen dazu Kapitalmarktprodukte sowie das gesamte Leistungsspektrum einer globalen Investmentbank bereit.
Warum ist der US-Markt so überlegen im Vergleich zu Europa oder Asien?
Die USA verzeichnen mehr als die Hälfte der globalen Marktkapitalisierung und etwa die Hälfte des M&A-Volumens. Dadurch entsteht eine eigene Dynamik. Die Märkte sind tiefer, die Investoren erfahrener, die Geschwindigkeit und Risikobereitschaft grösser. Jede Krise der letzten Jahrzehnte hat diesen Vorsprung noch verstärkt. Die Anziehungskraft des US-Kapitalmarkts ist auch global gestiegen. Als ich in Asien war, haben wir Börsengänge in den USA gemacht für asiatische Kunden, und wir sehen auch Europäer bei Börsengängen an der Wall Street.
Wie ist die aktuelle Stimmung? Erst die Zölle, dann der Iran-Krieg – drückt das?
Unser Ausblick für dieses und das nächste Jahr bleibt konstruktiv. Die Konsumentennachfrage bleibt hoch, die Wirtschaft wächst auch dieses Jahr stärker als in Europa oder Asien. Die Inflation normalisiert sich, die Zinssenkungen gehen erwartungsgemäss weiter, das CEO-Vertrauen ist relativ stark, die Bilanzen sind gesund.
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Bank-of-America-Tech-Vormann Patrick Steinemann in seinem Büro in Manhattan.Julien Chatelin für BILANZ
Bank-of-America-Tech-Vormann Patrick Steinemann in seinem Büro in Manhattan.Julien Chatelin für BILANZ
Was sind aus Ihrer Sicht die grössten Risikofaktoren?
Sie liegen eher im geopolitischen Bereich, aber hier lässt sich wenig vorhersehen. Natürlich sind die Bewertungen am Kapitalmarkt hoch, das kann auch als Risiko gesehen werden. Aber das Vertrauen in die nahe Zukunft überwiegt.
Sehen Sie eine KI-Blase?
Ich arbeite mit sehr vielen Unternehmen aus dem Technologiebereich, sie werden von meinem Team betreut. Und da kann ich nur sagen: Wir stehen erst am Anfang – das Potenzial ist enorm.
Es wurde in den vergangenen Jahren schon massiv in künstliche Intelligenz investiert.
Wir haben in den letzten zwei Jahren sehr grosse KI-Ausgaben gesehen, aber das war erst der Anfang. Wir werden dieses und nächstes Jahr noch gewaltigere Investitionen sehen. Das KI-Investitionsvolumen dieses Jahr in Datenzentren wird ungefähr 700 Milliarden Dollar weltweit betragen. Das ist fast so viel wie das Schweizer Bruttoinlandsprodukt.
Letztes Jahr waren es schon mehr als 250 Milliarden Dollar.
Genau. Und über die nächsten drei, vier Jahre sollte es so weitergehen. Diese Grössenordnungen hat es noch nie gegeben, nicht beim Glasfaser-Aufbau oder beim Internet-Cloud-Ausbau. Natürlich wächst da die Angst vor Übertreibungen, und es kann an der Börse auch einmal Rückschläge geben. Aber es ist unter Experten unbestritten, dass es sich um eine tiefgreifende Umwälzung handelt, die nicht aufzuhalten ist.
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Beim Internet hat es lange gedauert, bis sich die Produktivitätssteigerungen in den Statistiken zeigten.
Hier werden wir die Effizienzsteigerungen schneller sehen. Die Geschwindigkeit, mit der wir zum Beispiel Datenanalysen machen können, ist schon jetzt massiv gestiegen. Besonders wichtig: Die KI erfasst auch die Industrie massiv. Wir nennen das Physical AI, angewandt etwa bei Robotik oder autonomem Fahren. Es handelt sich um eine breite Revolution, die fast alle Wirtschaftszweige betrifft. Deshalb sind die hohen Investitionen sinnvoll.
Die Börse war schon euphorischer.
Es findet ein Überdenken statt, ein Übergang zu normalisierten Erwartungen. Von der Hyperskalierung kommen wir zu den Fragen: Was sind wirklich profitable Geschäftsmodelle? Wo lassen sich verlässliche Cashflows generieren? Aber das ist keine Umkehr, sondern eine Normalisierung.
Das heisst aus Ihrer Sicht: Wir stehen am Beginn eines Superzyklus.
Absolut. Es handelt sich vielleicht um den grössten Innovations-Superzyklus der Moderne. Und das hat auch fürs Banking elementare Konsequenzen. Nehmen wir den Venture-Capital-Bereich, also die Startphase der Unternehmen. Wir haben letztes Jahr ungefähr 450 Milliarden Dollar Volumen gesehen weltweit, ein Wachstum von 30 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Deutlich mehr als bei Börsengängen, die bei etwa 170 Milliarden lagen.
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Schwarz oder Weiss, Herr Steinemann?
★ New York oder Zürich? Zürich – höhere Lebensqualität.
★ Homeoffice oder Büro? Ganz klar Büro – wir sind bei 100 Prozent Präsenzpflicht.
★ Nestlé oder Apple? Beide haben Erfolg auf ihre Art.
★ Golf oder Joggen? Beides ist mir wichtig, aber lieber gehe ich joggen.
★ Tesla oder Porsche? In New York brauche ich kein Auto.
★ Dollar oder Franken? Knapp, aber Franken: Er bleibt hart.
★ Franken oder Euro? Ganz klar Franken.
★ Dow Jones oder SMI? Nasdaq.
★ Bier oder Rotwein? Lieber ein Glas Rotwein.
Die meisten dieser Firmen sind noch gar nicht am Markt.
Genau. Das sind gewaltige Summen, die hier in die Frühfinanzierung fliessen, 80 bis 90 Prozent der Venture-Capital-Investitionen sind technologiebezogen. Natürlich ist das Silicon Valley diesbezüglich führend, aber andere Orte boomen ebenfalls, Texas, Boston, Miami. Es gibt in diesem Bereich weltweit schon über 1500 Unicorns, also private Unternehmen mit einer Bewertung von mindestens einer Milliarde Dollar. Wo das alles hingeht, werden wir in den nächsten Jahren sehen. Das ist hochspannend. Als Investmentbank ermöglichen wir den Zugang zu Kapital, strukturieren diese Finanzierungen und bringen Unternehmen mit den passenden Investoren zusammen. Das sind meist komplexe Transaktionen, bei denen wir sehr nahe am Puls der Zeit sind.
Sehen Sie Parallelen zu der Dotcom-Blase?
Damals ging es vorrangig um Internet und Software. Jetzt ist auch die Hardware betroffen, nicht nur Computer, auch eben Roboter, Fahrzeuge, Drohnen, eine Vielzahl von Anwendungen. Diese Anwendungen sind viel breiter.
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Ist es egal, wer in so einem Umfeld amerikanischer Präsident ist?
Wenn es um Kapitalinvestitionen geht, müssen Unternehmen immer langfristig denken. Aktuelle Regierungen können die Rahmenbedingungen beeinflussen, doch davon sollte man sich nicht von seinem langfristigen Kurs abbringen lassen.
Das heisst: Die Vormachtstellung der USA im Kapitalmarkt wächst weiter. Wo bleibt Europa?
Was den Kapitalmarkt und die Innovationskraft betrifft: ja. In den USA gibt es sehr viele Talente mit grossen Ambitionen und auch eine höhere Risikobereitschaft, Kapital zu investieren. In Europa gibt es auch Talente, gerade Wissenschaft und Ingenieurwesen sind sehr stark, aber bei der Kapitalisierung und der Skalierung hakt es. Der Markt ist gross, aber viel fragmentierter. Die USA haben den Vorteil, dass sie einen grossen uniformen Heimmarkt bieten und die Ambitionen der Firmen zusätzlich fast immer global angesetzt sind.
Bleibt als grosser Rivale China.
China hat ebenfalls einen grossen Heimmarkt mit dem Vorteil der Skalierung. Auch der Venture-Bereich legt zu, das private Kapital fliesst auch. Aber die USA bieten noch immer eine ganz andere Grössenordnung.
Und die Schweiz? Schafft sie es über Ihre Wahrnehmungsschwelle?
Auf jeden Fall. Wir haben Kunden, die in der Schweiz eine Niederlassung betreiben wegen der hohen Fachexpertise. Bei Spitzentechnologien kann das Land vorne mithalten, die technologischen Grundlagen mit Universitäten wie ETH oder EPFL sind hervorragend. Das wissen auch amerikanische Tech-Unternehmen. Wir haben ein hervorragendes Team vor Ort in der Schweiz.
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Die UBS ist nicht vorn im globalen Investmentbanking. An der Spitze stehen die fünf grossen US-Häuser – J.P. Morgan, Bank of America, Goldman Sachs, Morgan Stanley und dann die Cititgroup.
Global ist das Investmentbanking stark konsolidiert und wird von wenigen grossen Plattformen geprägt. Die Bank of America gehört seit vielen Jahren dazu.
Und dann?
Kommen die europäischen Namen und danach gewisse Boutiquen, die bei bestimmten Produkten auftauchen. Die amerikanischen Banken sind nach der Finanzkrise immer stärker geworden und haben ihren Heimvorteil im Technologie-Ökosystem ausgespielt. Das hat den Abstand weiterwachsen lassen.
Innovation ist aber vor allem eine Kulturfrage.
Es hat schon immer einen hohen Innovationsdrang gegeben in den USA, auch gestützt von den Top-Universitäten. Was da an Technologie und Innovation geschürt wird, wandert dann in eine Vielzahl von privaten Unternehmen und formt ein einzigartiges Ökosystem. Die Konkurrenz ist sehr hart, viele Konzepte bleiben auf der Strecke, aber das führt dazu, dass die erfolgreichen Unternehmen Weltklasse sind.
Kehren Sie häufig in die Schweiz zurück?
Ich fühle mich der Schweiz sehr verbunden.
Die Fussball-WM steht in den USA vor der Tür.
Die Bank of America ist Official Bank Sponsor, wir planen auch viele Kundenevents rund um das Turnier.
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Wenn die USA gegen die Schweiz spielen – für wen sind Sie?
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