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BILANZ-Briefing

Polit-Madness am WEF

Themen der Woche: Trump-Unterwerfung, Don & Max, Schwab-Cancelling, geforderter Bundesrat.

Dirk Schütz

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«Donald Trump habe schlicht nur ein Ziel, berichtete ein amerikanischer Private-Equity Grande: die maximale Bereicherung», sagt Chefredaktor Dirk Schütz. 

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Diese Ausgabe des wohl verrücktesten WEF seit Bestehen bot besonders spannendes Material für anthropologische Feldstudien. Auf der einen Seite: Eine grosse Messe der menschlichen Intelligenz und Leistungsfähigkeit, mit einmalig-dichter Ansammlung an Erfolgsmenschen und der KI-Verheissung als neuem tiefblauen Horizont des humanen Erfolgsstrebens. Sapiens in his prime.

Auf der anderen Seite: Der Welt-Dominator, der den maximalen Gegensatz zur Stringenz einer AI-Analyse verkörpert: mit der Übernahme Grönlands die Welt wochenlang in Schrecken versetzen, dann am späten Mittwoch-Abend nach einer 80-minütigen Aggro-Suada plötzlich eine abrupte Kehrtwende vollziehen, am nächsten Morgen in der würdelosesten Zeremonie der WEF-Geschichte das Kongresszentrum kapern für den Gründungsakt eines grotesken «Board of Peace», zu dem er ausgerechnet auch die Länder einlädt, vor deren Attacken er Grönland angeblich schützen wollte: China und Russland. Zuvor hatte Trump gerade den Abschied der USA aus 66 internationalen Organisationen verkündet, darunter auch dem Klimaabkommen, weil die Erderwärmung ja eine Erfindung sei - obwohl nur das Schmelzen der Arktis Grönland strategisch plötzlich eine neue Bedeutung verleiht. Motto: Internationale Organisationen sind ein «Scam» – ausser ich gründe sie selbst. Die Beleidigungen an das Gastgeberland Schweiz oder Nato-Verbündete wie Kanada oder Frankreich: Beigemüse. Der mächtigste Mann der Welt: Politiker-Madness in its prime.

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Doch was machen die WEF-Teilnehmer, die vermeintliche Speerspitze der menschlichen Erfolgsgeschichte? Sie kuschen vor dem Wahnsinn. Die amerikanischen Konzernlenker, die mächtigsten der Welt, applaudieren brav, WEF-CEO Brende gibt den dauerlächelnden Cheerleader, und Co-Chairman Fink, der das amerikanische Kapern des WEF orchestrierte, holt sich vom Chef die Lobesworte ab («Great job, Larry»). Sehen wir es positiv: Die Anpassungsfähigkeit war evolutionär schon immer der entscheidende Überlebensfaktor der Menschheit. Fink ist da das beste Beispiel. Der Chef des weltgrössten Vermögensverwalters Blackrock forderte einst als globaler Zuchtmeister der Klimabewegung ausschliesslich klimaneutrale Investments. Heute ist das kein Thema mehr. Die evolutionäre Konstante dabei: Die nächste Wende könnte nur einen Amtswechsel entfernt sein.

Trump im Mittelalter 

Doch Trump zwei Tage so intensiv zu erleben, bot auch neuen Interpretations-Stoff für die unendliche Ergründung seiner Hirnwindungen. Und da bringt Davos eben, was sonst nirgends zu finden ist: Exklusive Einschätzungen von wirklichen Insidern – zum Beispiel einem hoch erfolgreichen amerikanischen Private-Equity-Granden, der seit vielen Jahren nach Davos kommt und zum innersten Zirkel der US-Firmenspitzen zählt. Sein Unbehagen äussert er – natürlich - nur off the record.

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Trump irgendeine Ideologie anhängen zu wollen, von Konservatismus bis Faschismus, sei eine Überhöhung, so die Aussage. Er habe schlicht nur ein Ziel: Maximale Bereicherung. Der kalifornische Gouverneur Gavin Newsom, der sich als einziger bei den grossen Trump-Festspielen öffentlich gegen den Präsidenten stellte und deswegen von einem Panel im USA House ausgeladen wurde, bezeichnete die Bereicherung des Präsidenten in seinem ersten Amtsjahr auf 1,5 Milliarden Dollar. Doch das ist kaum mehr als der Anfang. Da ergeben plötzlich sogar seine jüngsten Aktionen einen Sinn: Jedes Mitglied des «Board of Peace» zahlt eine Milliarde Dollar, und bei der Zeremonie reihten sich 18 Staatsvertreter, darunter die Präsidenten von Argentinien, der Mongolei oder Usbekistan, brav in die beiden eigens bereit gestellten Stuhlreihen auf. Wer bestimmt über das Geld? Der grosse Vorsitzende Trump, auf Lebenszeit, mit dem Recht, die Nachfolge in der Familie zu belassen. Auch der Grönland-Deal verspricht langfristige Geschäftsmöglichkeiten für seine Entourage um seine beiden Söhne und Schwiegersohn Jared Kushner. Oder der neue Mega-Ballsaal des Weissen Hauses: Das Vermietungsrecht lässt sich auf Lebzeiten auf den Präsidenten übertragen.

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Das Geniale daran, so berichtet der mehrfache Private-Equity-Milliardär fast schon bewundernd: Mit einem «Preemptive Presidential Pardon» kann Trump sich und seinen Clan kurz vor Ende seiner Amtszeit gegen jegliche Rechtsverfolgung schützen. Und ja, es gibt sogar eine Denkschule für dieses Vorgehen, geprägt vom grossen deutschen Soziologen Max Weber: Patrimonialismus, laut Google eine traditionelle Herrschaftsform, bei «Staat und Herrscher untrennbar verbunden sind und der Staat als Erweiterung des eigenen Haushalts gilt». Merkmale: Ämter werden nach Loyalität und nicht nach Qualifikation vergeben, Gesetze werden durch persönliche Absprachen aushebelt, und vor allen: Der Staat wird als persönliches Eigentum angesehen. Stammt aus dem Mittelalter – wirkt aber aktuell wie nie.

WEF-Trio mit Luft nach oben 

Und das führt zum diesjährigen WEF-Chaos. Geld-Verdienen, solange es nach fairen Regeln passiert, ist der Motor jeder erfolgreichen Firma. Doch das WEF lebte immer vom gesunden Mass, auch aus Rücksicht auf Davos und die Schweiz. Dieses Jahr war die Veranstaltung maximal überfrachtet, die einstige Reflektions-Kammer verkam zu einem Polit-Spektakel mit Maximum-Stau. Dass Trump Fink ausdrücklich für den grossen Geschäftserfolg lobte, passt bestens ins Bild.

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Da hatte es Symbolkraft, dass der Gründer Klaus Schwab de facto gecancelt wurde. Kein Wort des Dankes an den Mann, der das Forum aus bescheidenen Anfängen als wichtigstes globales Wirtschaftstreffen etabliert hatte. Bei der Eröffnung flimmerten Bilder aus der langen WEF-Geschichte über die Leinwand des Kongresssaals, sie zeigten auch den langjährigen WEF-Gänger Larry Summers, der jüngst wegen seiner Kontakte zum Sexualstraftäter Jeffrey Epstein zurücktrat.  Schwab war nicht zu sehen. Das Bemühen, den Gründer vergessen zu machen, obwohl er im Sommer von allen Vorwürfen freigesprochen wurde, wirkt nicht nur unsouverän, sondern auch taktisch unklug: «Friends of Klaus» wurden nicht mehr eingeladen, als zu kritisch empfundene Journalisten wurden erst nach Drohung über das Bekanntmachen der Ausladung die Akkreditierung gewährt. Viele dieser Veteranen sind wichtige Multiplikatoren, wie auch viele CEO, mit denen Schwab noch in Kontakt stehen dürfte und die sich über den respektlosen Umgang mit dem Gründer wundern.

Ein Bewerbungs-Schreiben in eigener Sache bot das neue Führungstrio nicht. Co-Chairman André Hoffmann vergass bei seiner Einführungs-Rede ein Blatt auf seinem Stuhl und war sonst eher spärlich präsent, Brende versprühte wenig Gravitas, und das Machtzentrum Fink demonstrierte unfreiwillig, dass Konferenz-Management auch Handwerk ist. Er führte erstaunlich viele One-on-One-Interviews, doch auch hier kam nur amerikanische CEO zum Zuge, von Nvidia-Chef Jensen bis Palantir-Vormann Karp. Stetes Highlight der letzten Jahre waren die gekonnten Einzel-Interview Schwabs mit Microsoft-Chef Satya Nadella. Jetzt eröffnete Fink mit dem Stargast das Forum und glänzte nicht wirklich: Er begann mit einem Anfängerfehler - drei schwere Fragen auf einmal. Nadella flüchtete sich in eine generelle Betrachtung, und dann erzählte Fink von sich. Besonders gravierend: Er überzog gleich beim ersten wichtigen Talk heftig. Striktes Zeitmanagement ist elementar für eine Veranstaltung, bei der bis zu 20 Events gleichzeitig stattfinden. Jetzt herrschte nicht nur auf den Strassen, sondern auch im Kongresszentrum zu oft Chaos. Da fehlte der strenge Taktgeber Schwab, und Trumps bizarre «Board of Peace»-Show hätte er kaum zugelassen. Der Don übertünchte die Existenzkrise des WEF nach Schwabs turbulenten Abgang. Nach dem Rausch wird sie wieder sichtbar.

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Nachlese im Bundesrat 


Und das führt in diesem WEF-Special-Briefing zum grossen Termin der nächsten Woche: Wenn der Bundesrat am Mittwoch tagt und hoffentlich auch über das WEF berät, sollte die Nachbetrachtung dieser Ausgabe kritisch ausfallen. Die Amerikanisierung ist deutlich zu weit gegangen, als Protest-Note ist nur das Aufstehen der EZB-Präsidentin Lagarde überliefert, die bei einem Cowboy-Vortrag von US-Handelsminister Lutnick nach zu heftiger America-First-Rhetorik den Raum verliess.

Die Konfliktlinien zeichnen sich ab: Fink, der sichtlich Spass am Präsidentenjob gefunden hat, wird das WEF 2026 in bester Trump-Manier als «great» bezeichnen, aus europäischer und Schweizer Sicht was es das aber nicht. Hilfreich für ihn: Erstmals fand die Stiftungsratssitzung im Rahmen des WEF am Montag vor dem Event und nicht am Freitag danach statt. So konnte sich Kritik über die zu starke Amerikanisierung nicht direkt manifestieren. Sollte es so weitergehen, werden grosse Länder wie Indien oder China ihre Präsenz weiter reduzieren. Damit ist das WEF langfristig in Gefahr. Lagarde bleibt die von Schwab präferierte Nachfolgelösung. Der Bundesrat sollte sie unterstützen.

Über die Autoren
Dirk Schütz
Dirk Schütz
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