Treffpunkt Oerlikon, Autocity Emil Frey Zürich Nord. Trotz Meeting-Marathon und viel Händeschütteln ist Peugeot-CEO Alain Favey tiefenentspannt. Der 59-jährige Franzose parliert eloquent – auch auf Deutsch. Seit einem Jahr ist er an der Spitze von Peugeot, hat aber eine lange Vergangenheit im Volkswagen-Konzern. In Salzburg leitete er unter anderem die Geschicke von Porsche. Lanciert hatte er seine Karriere in der Autobranche Anfang der 1990er-Jahre bei Citroën. Peugeot ist mittlerweile Teil des 157-Milliarden-Euro-Konglomerats Stellantis und in Europa die wichtigste unter den 14 Stellantis-Marken. Favey kämpft mit den politischen Rahmenbedingungen, erklärt, was es mit Peugeots viereckigem Lenkrad auf sich hat und sieht grosses Potenzial im Schweizer Markt. Ein Gespräch über eine Branche, die sich manchmal in Träumereien verliert.
Herr Favey, viele der Neuwagen, die hier stehen, sind Steckerfahrzeuge. Global ist mittlerweile jedes vierte neu zugelassene Auto eines mit Batterie, in Europa sind es 17 Prozent. Wie viele sind es bei Peugeot?
Peugeot lag im letzten Jahr in Europa bei einem rein elektrischen Anteil von etwa 14 Prozent. In Europa liegt der kombinierte Anteil der Steckerfahrzeuge und Plug-in-Hybride bei rund 26 Prozent. Bei Peugeot sind wir damit realistisch unterwegs.
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Ein Leben für vier Räder
Seit einem Jahr ist Alain Favey CEO der Traditionsmarke Peugeot. Der 59-Jährige wurde in eine Autofamilie hineingeboren; sein Vater war Ford-Manager. Nach dem Studium an der HEC Paris Business School heuerte er bei Citroën an, wo er 20 Jahre blieb. 2009 wechselte er zum VW-Konzern und hatte Führungspositionen bei Porsche, Skoda und Bentley inne. Bevor er das Steuer bei Peugeot übernahm, war er CEO von Europcar Mobility.
Die politische Marschrichtung ist klar: harte CO₂-Ziele, Elektro-Quote. Der Verband Auto-Schweiz klagte jüngst, dass man mit E-Autos kaum Geld verdienen könne. Besonders, wenn aggressive Anbieter wie Tesla oder die Konkurrenz aus China den Markt fluten. Wie hält ein arrivierter Autobauer wie Peugeot dagegen?
Es ist ein Drahtseilakt. Der Markt ist extrem wettbewerbsintensiv, die Margen stehen unter Druck. Wir müssen eine gewisse Anzahl an Elektrofahrzeugen verkaufen, um die CO₂-Ziele in der Schweiz und Europa zu erreichen. Die Versuchung ist gross, aggressiv mit Angeboten in den Markt zu gehen, um diese Quoten zu erfüllen. Der Wettbewerb ist entsprechend hart. Das sorgt dann für die bekannten Diskussionen in der Industrie. Bei Peugeot verlieren wir zwar kein Geld mit E-Autos, klar ist allerdings: Die Margen sind niedriger als bei den Verbrennern.
Das klingt nach künstlich aufgepumpter Nachfrage.
Künstlich ist die Nachfrage nicht. Aber die Margen sind trotz oft höherer Preise einfach niedriger als bei den Verbrennern. Und ja, das hat auch mit den politischen Entscheiden zu tun.
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Das heisst konkret?
Die Politik schiebt die Hersteller stark in Richtung E-Autos. Das Angebot kann vom Markt aber nicht so schnell aufgenommen werden, da dieser schlicht nicht so viel hergibt. Besonders dramatisch ist das bei den Nutzfahrzeugen. Dort ist die Nachfrage nach Elektroantrieben sehr gering, zumal die Fahrzeuge viel mehr kosten als vergleichbare Verbrenner. In Europa erreichen wir etwa 10 Prozent, müssten aber eigentlich bei 20 bis 25 Prozent liegen, um die Vorgaben zu erfüllen.
Was tun Sie dagegen?
Wir können einen Unternehmer nicht zwingen, ein Elektrofahrzeug zu kaufen, wenn es nicht seinem Bedürfnis entspricht – etwa wenn er keine Zeit hat, zwischendurch zu laden, wenn er von A nach B und zurück muss. Für einen Logistiker zählt jede Minute. Und in manchen Fällen macht ein Nutzfahrzeug mit Stecker halt einfach keinen Sinn. Wir erwarten hier von der europäischen Politik etwas mehr Verständnis und Realitätssinn, was der Markt wirklich nachfragt und was nicht.
Peugeot wollte in Europa bis 2030 zu 100 Prozent elektrisch sein. Dieses Ziel hatte der frühere Stellantis-Chef Carlos Tavares ausgerufen. Davon sind Sie abgekommen. Weshalb?
Nach dem Abgang von Carlos Tavares wurden bei Stellantis einige strategische Ziele infrage gestellt und angepasst. Wie auch immer, schlussendlich sind wir mit unserer Marke so positioniert, dass wir für Peugeot eine Multi-Energy-Strategie verfolgen. Das bedeutet: Wir haben für jedes Modell ein Elektroangebot, bieten aber weiterhin verschiedene Hybrid-, Diesel- oder Benzinmotorisierungen an. Wir lassen unseren Kundinnen und Kunden die Wahl, was sie wirklich haben wollen – auch nach 2030.
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Retten Sie damit die Marge?
Wir können damit die tieferen Margen bei E-Autos sicherlich besser verkraften und kompensieren. Aus meiner Sicht ist das eine schlaue Vertriebsstrategie. Man braucht genug Verbrenner mit höheren Margen im Portfolio, um die niedrigeren Margen bei den Elektroautos überhaupt verkraften zu können. Hier zeigt die europäische Politik mittlerweile ein gewisses Verständnis. Die CO₂-Ziele müssen nun im Schnitt über drei Jahre erreicht werden und nicht mehr jährlich. Das gibt uns etwas mehr Luft zum Atmen.
Hersteller, welche die CO₂-Vorgaben nicht einhalten, werden sanktioniert. In der Schweiz werden aus Mangel an Herstellern die Autohändler zur Kasse gebeten. 2024 waren es 25 Millionen Franken. Welche Zahlungen erwarten Sie für Europa?
Die Zahlungen für das vergangene Jahr liegen in der Schweiz erst diesen Juni vor. Und was Europa betrifft, wird es wegen des neuen Drei-Jahres-Regimes keine Zahlungen geben.
In den USA feiert unter der Trump-Administration das Fossile Urständ. Wie beeinflusst das Ihre Strategie?
Für Peugeot spielt das keine Rolle, da wir in den USA nicht vertreten sind. Unser Hauptmarkt ist Europa. Hier verkaufen wir drei Viertel unserer Autos. Auf dem alten Kontinent wird sich der Weg zur Elektromobilität fortsetzen, nur eben langsamer als vor zwei Jahren gedacht. Unsere Multi-Energie-Strategie ist gemacht für veränderte Bedingungen. Unsere Stärke ist die Flexibilität. In Werken wie in Sochaux produzieren wir zum Beispiel unsere Modelle 3008 und 5008 auf demselben Band – egal ob als Elektroversionen oder Hybrid-Motorisierungen. Wir atmen mit dem Markt und können uns der Nachfrage anpassen.
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««Wer einmal elektrisch fährt, kommt meist nicht mehr zurück.»»
Man hat grosse Hoffnungen und hohe Ziele in die E-Autos gesetzt. Doch die Realität sieht anders aus, viele Kunden zögern. Ist es die Angst vor dem Wertverlust der Batterie, der höhere Preis oder das Ungewohnte?
Es ist ein bisschen von allem. Ein Mix aus Preis, Ladeinfrastruktur und eben dem Restwert führt zu dieser Überwindungsschwelle. Was wir aber auch feststellen: Wer einmal elektrisch fährt, kommt meist nicht mehr zurück. Wenn wir den Anteil an Elektrofahrzeugen erhöhen, dann gibt es keinen Weg zurück. Aber die Hürde im Kopf ist da. In der Schweiz bieten wir jetzt eine Acht-Jahres-Garantie für Elektrofahrzeuge an, um Vertrauen zu schaffen. Zudem ist Leasing eine Lösung gegen die Restwert-Angst. Bei Peugeot in der Schweiz werden bereits mehr als 60 Prozent der Elektroautos geleast, während der Leasing-Anteil über die ganze Flotte bei rund 40 Prozent liegt.
Peugeot ist eine von 14 Marken im Stellantis-Konzern mit einer ähnlichen Positionierung wie Opel, Fiat oder Citroën. Früher war man der solide französische Mittelklasse-Familienwagen. Seit 2020 und mit dem neuen Designer Matthias Hossann wirken die Autos zuweilen wie Designobjekte. Wollen Sie ins Premiumsegment?
Nein, wir sind eine Volumenmarke und wollen das auch bleiben. Wir spielen nicht im Premiumbereich, sind aber auch kein Günstiganbieter. Unsere Rolle im Stellantis-Konzern ist der obere Teil des Mainstream-Bereichs. Und ja, dort gibt es einige Anbieter. Wir heben uns aber ganz gut ab und setzen auf drei Pfeiler. Erstens ein Design mit französischem Flair, das bewusst kein «Passepartout» ist, sondern Charakter zeigt. Das kann man mögen oder nicht. Zweitens das Fahrgefühl mit unserem ikonischen i-Cockpit und dem kleinen Lenkrad, das wir bereits vor 13 Jahren eingeführt haben, sowie einer Federung, mit der wir nicht Komfort anpeilen, sondern Fahrspass. Und drittens Qualität. Peugeot hat vor 200 Jahren mit hochwertigen Sägeblättern angefangen – das Löwen-Logo stand damals schon für höchste Qualität. Im Mainstream-Bereich wollen wir für höchste Qualität stehen. Beim Produkt wie beim Service.
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Peugeot verliere zwar kein Geld mit E-Autos, aber die Marge sei niedriger, sagt der CEO.Eduard Meltzer
Peugeot verliere zwar kein Geld mit E-Autos, aber die Marge sei niedriger, sagt der CEO.Eduard Meltzer
Funktioniert das auch in einem kaufkräftigen Markt wie der Schweiz? Der Marktanteil von Peugeot ist hier mit 2,2 Prozent stabil tief. Im vergangenen Jahr hat Peugeot drei Prozent weniger Autos verkauft.
Damit sind wir natürlich nicht zufrieden. Uns hat ein wichtiges Puzzleteil gefehlt – auch in der Schweiz: der Allradantrieb bei unseren SUVs. Mit dem neuen Elektro-5008 zum Beispiel bringen wir jetzt ein Modell mit Dual-Motor, 325 PS und 4×4. Das ist genau das Auto, das wir für diesen Markt brauchen, um wieder Boden gutzumachen. Wir sind überzeugt, dass es für Peugeot in der Schweiz grosses Potenzial gibt.
Wo endet im Stellantis-Konzern die Synergie, und wo beginnt der Identitätsverlust?
Das ist sicherlich eine Herausforderung und nicht ganz einfach. Optisch unterscheiden wir uns klar über das Design. Wir haben bei Peugeot ein Designteam von 120 Personen, das sich nur um unsere Marke kümmert. Wir sind innovativ und setzen Trends am Markt. Im laufenden Jahr lancieren wir zum Beispiel das neue Lenksystem Steer-by-Wire. Gesteuert wird nur mit Kabeln. Die klassische mechanische Lenkstange ist passé.
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Gewisse Premiummarken setzen die Technik teilweise bereits ein.
Wir sind nicht die Ersten, aber die Ersten im Volumenmarkt, und wir kombinieren dies mit der Lancierung unseres Hypersquare, eines viereckigen Lenkrades. Das wird das Fahrgefühl komplett verändern. Erstmals verbaut wird es im nächsten Jahr im Kleinwagen 208. Solche Initiativen stammen von uns, von Peugeot. Natürlich nutzen wir dann in der Produktion die Plattformen von Stellantis, auf denen auch andere Autos gefertigt werden. Damit erreichen wir eine immense Skalierung, wodurch wir Innovationen preiswert auf den Markt bringen können.
Peugeot will optisch «bewusst kein Passepartout» sein.Eduard Meltzer
Peugeot will optisch «bewusst kein Passepartout» sein.Eduard Meltzer
Sie kommen vom Volkswagen-Konzern, wo Sie Porsche als CEO geführt haben und bei Bentley für Sales und Marketing verantwortlich waren. Was ist schwieriger: einen Porsche zu verkaufen oder einen Peugeot?
Jede Marke hat andere Bedürfnisse. Aber am Ende ist es überall dasselbe: Man muss die Kundinnen und Kunden verstehen und das Markenversprechen einhalten. Bei Peugeot ist Innovation der Schlüssel. Wer einen Peugeot kauft, erwartet etwas Aussergewöhnliches, etwas Neues. Unsere Kunden wollen sich überraschen lassen. Und wir bringen Hightech-Innovationen nicht zuerst im teuren Flaggschiff, sondern in der Breite. Das ist die Mission von Peugeot.
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Wenn wir uns 2030 wieder treffen würden: Fahren Sie dann zeitunglesend in einem vollautomatisierten Auto, oder werden Sie immer noch selbst am Steuerrad sitzen?
Ich kann die Zukunft nicht voraussagen, insbesondere die Entwicklung des autonomen Fahrens ist von sehr vielen externen Faktoren beeinflusst. Ob es 2030 schon so weit ist, weiss ich nicht. Irgendwann danach kann ich mir aber gut vorstellen, dass ich die Wahl haben werde: Während ich mich am Montagmorgen im Stossverkehr auf der eher langweiligen Autobahn vom Fahrzeug fahren lasse, schalte und walte ich auf einer kurvenreichen Bergstrecke, wie ich möchte, und kann das Fahren bewusst geniessen.