Die Meldung kam Mitte Januar, und sie erregte Aufsehen: Marco Gadola, erfolgreicher CEO des Dentalimplantate-Konzerns Straumann, würde seinen Job auf Anfang 2020 freiwillig aufgeben, für einen internen Nachfolger Platz machen – und sich in den Verwaltungsrat zurückziehen.

Die nächste Meldung, einen guten Monat später, erregte noch mehr Aufsehen: Gadola solle im März 2020 Verwaltungsratspräsident des Handelshauses DKSH werden, immerhin eines Elf-Milliarden-Konzerns. Denn schon zuvor hatte Präzisionsgerätehersteller MettlerToledo gemeldet, dass Gadola anlässlich der Generalversammlung im Frühling in den Verwaltungsrat zugewählt werden solle, und kurz darauf Textilkonzern Calida, dass sein Vizepräsident Gadola im April zum Präsidenten aufrücken solle. Und im März verkündete der Tessiner Medizinaltechniker Medacta nicht nur seinen Börsengang, sondern auch das für den Verwaltungsrat vorgesehene Personaltableau – darunter, mit Eintrittsdatum Januar 2020, ein gewisser Marco Gadola.

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Abschied ohne Druck

Das sah erstens nach abrupter Amtsflucht aus, zweitens nach generalstabsmässiger Mandats-Akquise – und drittens, wie die alarmierte «SonntagsZeitung» angesichts der dicht gestaffelten Meldungskadenz argwöhnte, nach «Ämterkumulation» und «Machtballung».

Gadola nimmt die Kritik sportlich. «Ich hatte das Glück, über Jahre sehr gute Presse zu haben, und abweichende Meinungen muss man eben hinnehmen», sagt der 56-Jährige. Ausserdem seien die Mandatsanfragen «ein bisschen wellenförmig» gekommen, da könne man sich von aussen schon fragen, was da eigentlich passiere. Und tatsächlich ist es eine Ausnahme, dass ein hocherfolgreicher CEO sein Dreieinhalb-Millionen-Salär freiwillig und ohne äusseren Druck hinter sich lässt.

Von innen heraus erklärt, klingt es zumindest nicht nach Flucht. «Schon zum Amtsantritt» 2013 habe er mit Straumanns Konzernpräsident Gilbert Achermann, zugleich seinem Vor-Vorgänger als Konzernchef dortselbst, vereinbart, «dass ich diesen Job nicht bis zu meiner Pensionierung machen möchte, sondern so etwa sieben Jahre». Aber warum nur? Weil das schon «klar über dem Durchschnitt einer CEO-Verweildauer» liege und man nicht bis zur Ermattung ausharren solle, bis man müde sei, und es einer Firma guttue, wenn oben jemand «mit frischem Blick» sitze, der noch keine Routine kenne. Und ausserdem werbe Straumann als Arbeitgeber gezielt mit ihrer speziellen Unternehmenskultur: «Wir übertragen früh Verantwortung, bei uns kann man lernen, sich Fehler erlauben und sich weiterentwickeln – und da wäre ein Sesselkleber an der Spitze ein falsches Signal.»

Gilbert Achermann

Gilbert Achermann: Der Straumann-VRP kennt den Konzern bestens und ist sogar jünger als Gadola.

Quelle: ZVG

Geld, sagen Leute, die ihn kennen, sei für Gadola nicht das stärkste Triebmittel. Er lebe nicht allzu aufwendig, extravagante Fahrzeugsammlungen sind keine aktenkundig. Im Raum Basel soll er eine Dreizimmerwohnung gemietet haben, in Engelberg gehört ihm eine Bleibe. Seine Reisetasche – BILANZ traf Marco Gadola zum Gespräch am Zürcher Flughafen – hat schon bessere Tage gesehen; sie dürfte seit vielen Jahren im Einsatz sein. Er war, sagt er selber, «nie auf dem Trip, eine Karriere als professioneller Verwaltungsrat zu starten». Klar, zumindest eine vage Idee von der Zeit «nach CEO» dürfte er gehabt haben. Als dann sein Ausstieg bei Straumann publik wurde, gingen bald Mandatsanfragen ein; eine wichtige Rolle soll dabei Headhunter Egon Zehnder gespielt haben.

Straumanns Börsenwert mehr als verfünffacht

Aktuell darf Gadola zusätzlich zum Straumann-Chefposten zwei VR-Mandate halten. So amtet er als Vizepräsident beim Wäschekonzern Calida und einfacher Verwaltungsrat beim Basler Messeveranstalter MCH Group. Dass er darüber seinen Hauptjob nicht vernachlässigt hat, legen die Leistungsdaten seiner Amtszeit nahe: Börsenwert mehr als verfünffacht, Zahl der Beschäftigten verdreifacht, Umsatz verdoppelt, Nettogewinn fast verdreifacht.

In Gadolas Zeit hat Straumann, einer der klassischen Premiumanbieter der Dentalbranche, in das stark wachsende Billigsegment expandiert und dort grosse Erfolge erzielt und Straumanns Produktpalette nach und nach im Kernfeld Zahnersatz erweitert und mit Equipment angereichert, das den Einbau des Implantats auf dem Zahnarztstuhl begleitet: Digitalscanner für die Mundhöhle etwa, die den lästigen Abdruck ersetzen, oder Bearbeitungsmaschinen wie Fräsen, mit denen Zahnärzte ein Implantat selbst anfertigen können und damit dem Patienten die Wartezeit ersparen, bis das Teil vom Dentallabor hergestellt und in die Praxis geschickt worden ist.

Gadola hatte und hat bei Straumann also durchaus etwas zu tun. Dennoch war er beim Wäschekonzern Calida zur Stelle, als ein Machtkampf im Verwaltungsrat und unter den Grossaktionären tobte: Die Gründerfamilie Kellenberger, zugleich grösster Anteilseigner, gewann letztlich den Streit mit dem VR-Mitglied und langjährigen Konzernchef Felix Sulzberger, der vom zweitgrössten Aktionär unterstützt wurde, der luxemburgischen Investorengruppe Micalux. Sulzberger verlangte Wachstum über Unternehmenskäufe, doch der Verwaltungsrat um Präsident Thomas Lustenberger und dessen Vize Gadola folgten der Strategie des neuen CEO Reiner Pichler (früher Strellson), mit den bisherigen Marken weiterzumachen. Gadola, sagt ein Eingeweihter, «war voll dabei». Auch die Sanierungsarbeiten bei MCH, die sich zu lange auf dem Messeportfolio wie der Uhrenausstellung Baselworld ausgeruht hatte, begleitete Gadola.

Reiner Pichler, CEO der Calida Gruppe mit Sitz in Sursee.

Reiner Pichler: Calida-CEO und Veteran der Textilbranche. Ihm vertraut der künftige Präsident.

Quelle: Herbert Zimmermann / 13 Photo

Raum für weitere Mandate

Für den Verwaltungsrat von Mettler-Toledo war er schon im Vorjahr angefragt worden, musste jedoch absagen; er hatte ja schon zwei Mandate. Um nun bei Mettler einsteigen zu können, die wie Straumann im Medtech-Bereich unterwegs ist, muss er ein Mandat niederlegen. Da er bei Calida nach dem Ausscheiden von drei Verwaltungsräten, darunter Präsident Lustenberger, als dessen Nachfolger für Kontinuität an der Spitze sorgen soll, zumal er dann der Dienstälteste im Gremium sein wird, kommt dafür nach Lage der Dinge nur MCH in Frage.

Wenn Gadola auf Jahresanfang 2020 den Chefposten bei Straumann abgibt, ändern sich die Umstände: Sein Nachfolger Guillaume Daniellot ist dann eingearbeitet – er kennt zwar das Straumann-Geschäft als Nordamerika-Chef bereits gut, wird sich aber zwischenzeitlich noch den ganzheitlichen Blick auf den Konzern aneignen und Kapitalmarkt-Betreuung üben.

Gadola hat dann Raum für weitere Mandate. Beim Orthopädiekonzern Medacta kann er im Verwaltungsrat seine Börsen- und Akquisitionserfahrungen einbringen. Im Frühjahr 2020 zieht er in den Verwaltungsrat von Straumann ein. Im nächsten Jahr wartet auch die grösste Aufgabe: das Präsidium beim Handelshaus DKSH. Langzeit-Boss Jörg Wolle hat sich dort im Streit als Chairman verabschiedet, Ehrenpräsident Adrian Keller, Mitinhaber der übergeordneten Diethelm Keller Holding, übernimmt den Sessel interimistisch, bis Gadola bereitsteht.

Knochenjob DKSH

Dass dort ein Knochenjob wartet, dürfte ihm bewusst sein. «Adrian Keller hat mir die Lage im Detail geschildert», sagt Marco Gadola – der selbst nicht ins Detail gehen will. Aber dass DKSH-CEO Stefan Butz umstritten ist, seit ihn Wolle ins CEO-Amt hievte, später allerdings loswerden wollte, konnte Gadola der Presse entnehmen – genauso wie die Tatsache, dass die Kellers sich für Butz und damit gegen Wolle entschieden haben, der seinem Wunschnachfolger die Räume sehr eng gemacht haben soll.

Da DKSH stark in Asien engagiert ist, wird viel Reiserei auf Gadola zukommen. Er freut sich sogar darauf: «Asien liegt mir, dazu habe ich eine grosse Affinität.» Tatsächlich leitete er für den Logistikkonzern Panalpina die Geschäfte in Asia-Pacific mit Sitz in Singapur. Ausserdem kennt er das für DKSH wichtige Konsumgütergeschäft und die Kontraktlogistik bereits aus seiner Karriere, und Kundenpflege konnte er mit Straumanns Vertragszahnärzten üben. Er habe jedenfalls «grosse Lust auf die Aufgabe». Überhaupt sei er noch viel zu jung für Jobs, die keine Herausforderungen mehr seien.

Aktienkurs DKSH
Quelle: Bilanz

Übliche Verdächtige

Zu viel sei die Ämterpalette nicht, «ich kann das zeitlich gut bewältigen», ist er sich sicher, zumal dann der «150-Prozent-CEO-Job wegfällt». Weder bei Mettler noch bei Straumann oder Medacta ist ein Aufstieg zum VR-Präsidenten vorgesehen. Insofern kalkuliert ein Zürcher Top-Headhunter für Gadola einen Arbeitsaufwand von ungefähr 70 bis 80 Tagen für das Calida-Präsidium sowie die Mandate bei Mettler, Straumann und Medacta zusammen plus eine ähnliche Zahl Arbeitstage für das DKSH-Präsidium. Bei 230 Arbeitstagen pro Jahr bleibt Gadola also genügend Zeit für die Familie: «Ich habe zwei Söhne, 18 und 22, die brauchen schon noch etwas an Betreuung.»

Tatsächlich reicht Gadolas künftiges Portfolio bei weitem nicht an jene der üblichen verdächtigen Multi-Mandatsträger heran. Rolf Dörig ist Präsident von Adecco und Swiss Life, zwei im Börsenindex SMI gelisteten Grosskonzernen, dazu Verwaltungsrat bei Emil Frey und Dormakaba und bekleidet weitere Ämter. Rolf Soiron leitete als langjähriger Präsident von Holcim, Lonza und Nobel Biocare, die in den Jahren 2005 bis 2007 alle im SMI gelistet waren, zeitweise sogar drei Top-Börsenkonzerne. Andreas Schmid, Präsident des Flughafens Zürich, hat kräftig Mandate abgebaut; er präsidierte den Luxuskonzern Oettinger Davidoff sowie den Flugdienstleister Gategroup, sass im Verwaltungsrat bei Barry Callebaut und hatte weitere Ämter inne.

Marco Gadola will sich hingegen noch einmal weiterbilden. Ab November erwirbt er an der französischen Wirtschaftshochschule Insead ein «Certificate for Executive Coaching». Sein spezielles Interesse gilt dem Thema «Corporate Culture». Für Firmen, die an ihrer Unternehmenskultur arbeiten wollen, plant er, ein entsprechendes Programm aufzusetzen und «anschliessend womöglich zu vermarkten». Und schliesslich ruft auch sein Golf-Handicap, das bei 22.3 steht, nach einem Sanierungskonzept.

Dieser Artikel erschien in der April-Ausgabe 04/2019 der BILANZ.