Gastkommentar zum Thema Management

Schlank ist nicht stark

Weniger Führungsebenen für mehr Agilität? Dieser Plan geht für viele Unternehmen nicht auf. Überlastete Manager und Frustration bremsen.

Katja Unkel

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«In der Praxis bedeuten weniger Kästchen im Organigramm nicht automatisch mehr Klarheit», schreibt Gastautorin Katja Unkel. HZ

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Die Unternehmen stehen unter enormem Beschleunigungsdruck und reagieren darauf mit flachen Hierarchien: Weniger Führungsebenen sollen helfen, schlanker und agiler zu werden. Das klingt vielversprechend. Ein Blick in die Praxis zeigt jedoch: Die Unternehmen sind damit nicht schneller. Das mittlere Management ist erschöpft, und «Manager sein» wird unattraktiv. Was ist passiert?
Führungsarbeit verschwindet nicht, nur weil man flacher wird. Sie muss bei der Verschlankung mitgedacht und neu verteilt werden. Denn Fragen, Unsicherheiten und Zielkonflikte bleiben und treffen sonst auf fehlende Führungskapazität. Das frustriert Mitarbeitende und überfordert Manager. Das mittlere Management leistet mehr als blosses Reporting und das Durchreichen von Botschaften. Es übersetzt Unternehmensziele, damit die Mitarbeitenden ihren persönlichen Beitrag kennen. In der Mitte wird erklärt und sortiert, Widersprüche werden benannt, Stimmungen aufgenommen und Menschen entwickelt. All das ist notwendig, um die Realität nach oben zu spiegeln. Das kostet Zeit, aber fehlende Führung kostet mehr. Dann bleibt oben die Strategie, während unten Unklarheit, Überlastung und Frustration wachsen.
Die Gastautorin
Katja Unkel ist Gründerin der Firma Managing People AG, die Führungskräfte und Organisationen berät, coacht und trainiert.

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Erschöpfte Manager reagieren auf zu grosse Führungsspannen damit, sogenannte Team-Leads (Teamleiter) zu benennen, um die Führungsarbeit aufzuteilen und die Gesamtsteuerung zu verbessern. So wird informell rückgängig gemacht, was offiziell verschlankt wurde. Die Sache hat jedoch einen Haken: Solche Team-Leads führen ein Schattendasein in der Organisation. Sie erhalten weder Anerkennung noch Zeit für Führung und haben vielfach keinen Zugang zur Leadership-Academy, um sich führungstechnisch fortzubilden. Erneut droht Erschöpfung, und die Führungsattraktivität bröckelt.
Flache Organisation kann funktionieren, aber nur mit neu verteilter Führungskompetenz und auf Grundlage klarer Rollen, Zuständigkeiten und Befugnisse. Wenn Führung verdünnt wird, ist die Steuerung geschwächt. Die entscheidende Frage ist daher nicht: Wie viele Ebenen brauchen wir? Sondern: Wie stark führen wir? Können Teams sich selbst organisieren? Wo sind die neuralgischen Punkte, und was muss wie übersetzt, priorisiert und geklärt werden? Agile Organisationen brauchen nicht weniger Führung, sondern bessere Führung – und zwar auf allen Ebenen. Die notwendigen Team-Leads müssen sichtbare, anerkannte und ausgebildete Führungskräfte sein. Sie sind wichtige Stellschrauben, die es braucht, damit flache Organisationen funktionieren. Rückt dann das Gestalten, Lenken und Entwickeln wieder ins Zentrum von Führung, bringt es auch die Attraktivität zurück – für die jetzige und die zukünftige Generation.

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