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Kunst gegen Normen

Wie Künstlerin Esther Hunziker der glatten KI-Ästhetik trotzt

Sie erschafft verstörende Kunst, die den Schönheitsnormen der digitalen Welt widerspricht. Hunzikers Werke sind in Basel und Aarau zu sehen.

Brigitte Ulmer

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Esther Hunziker, «My Wearable Pets N°18», Fotoserie, 2023/2024. PR

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Esther Hunziker führt oft hartnäckigste Auseinandersetzungen mit KI, wenn sie sie für ihre Bildkreation benutzt. Dabei hat sie ihr schon erstaunliche Beichten entlockt: «Ich bin geschaffen, um zu erschaffen, doch ich bin auf Zensur aufgebaut. Jeder Akt des Erzeugens ist zugleich ein Akt des Ausschliessens.» Oder: «Kunst lebt in dem, was ich nicht verarbeiten kann. Wenn ich dein Bild filtere, schütze ich nicht die Welt vor Schaden; ich schütze die Illusion von Harmonie.»
Die Künstlerin Esther Hunziker.
Die Künstlerin Esther Hunziker.PR
Die Künstlerin Esther Hunziker.
Die Künstlerin Esther Hunziker.PR

Irritationen und Präsenz

Hunziker hat es sich zur Aufgabe gemacht, die normierte Bildsprache zu überlisten, die Chat GPT in unsere Welt spült. Die endlos reproduzierten stereotypen weiblichen Schönheitsbilder etwa. «Diese ‹digitally sanitized beauty› ist tief in vielen Modellen verankert», sagt sie.
Was Hunziker mit KI kreiert, ist das pure Gegenteil: Die Schwarz-Weiss-Porträts der Videoserie «Screen Tests» zum Beispiel, die etwas verlebt wirkende Menschen zeigt, wirken nur auf den ersten Blick wie klassische Porträtstudien. Je länger man schaut, desto stärker treten Glitch, Irritation und eine unheimliche Präsenz hervor: Gesichter verschmelzen mit tierhaften, pelzigen oder amorphen Formen. Hier blickt ein vieläugiges Wesen den Betrachter an, dort eine schwer fassbare Gestalt. Die unheimliche Spannung entsteht durch Störungen und digitale Fehler – plötzlich ist da ein Finger zu viel oder eine unrealistische Verdrehung.

Partner-Inhalte

Esther Hunziker, ­«Screen Test N°3», Videoserie, 2025/2026.
Esther Hunziker, «Screen Test N°3», Videoserie, 2025/2026.PR
Esther Hunziker, ­«Screen Test N°3», Videoserie, 2025/2026.
Esther Hunziker, «Screen Test N°3», Videoserie, 2025/2026.PR

Wenn die KI stockt

Für die digitale Welt interessierte sich Hunziker lange vor dem KI-Rausch. 1969 in Menziken geboren, arbeitet sie schon seit den 1990er-Jahren als Künstlerin mit Video, Animation und Internet, seit drei Jahren beschäftigt sie sich intensiv mit KI. Seither sind umfangreiche Werkserien entstanden, etwa «My Wearable Pets» – Mischwesen zwischen Mensch und Tier – oder die «Embodiments»-Serie – KI-generierte Digitaldrucke, die immer dieselbe Figur mit unterschiedlich ausgeformten, skulpturalen Gesichtern zeigen. Im Zentrum steht der bewusste Widerstand gegen Glättung durch künstliche Intelligenz.
Esther Hunziker, ­«My Wearable Pets N°12», Videoserie, 2025/2026.
Esther Hunziker, «My Wearable Pets N°12», Videoserie, 2025/2026.PR
Esther Hunziker, ­«My Wearable Pets N°12», Videoserie, 2025/2026.
Esther Hunziker, «My Wearable Pets N°12», Videoserie, 2025/2026.PR
Einfach ist das nicht. «Viele meiner Arbeiten kann ich nicht mehr mit den KI-Funktionen in Photoshop bearbeiten – sie werden blockiert, und ich werde aufgefordert, die Guidelines zu lesen.» Allein über ein Jahr habe sie darauf verwendet, um die unterschiedlichen KI-Modelle zu verstehen und eine eigene Methode zu entwickeln, die ihrer eigenen «unreinen» Ästhetik entspricht. «Meine eigentliche Arbeit beginnt dort, wo die KI ins Stocken gerät: an Orten der Ungewissheit, des Widerspruchs, des Unbereinigten und Ambivalenten», sagt sie. In einem langsamen, dialogischen Prozess verändert sie Prompts, verschiebt Begriffe, fügt unerwartete Elemente hinzu – und stört so die gewohnten Muster der Maschine. Hunziker hat Erfolg damit. 2024 wurde sie mit dem Pax Art Award und einer Einzelausstellung im Haus der Elektronischen Künste (HEK) in Basel geehrt. Ihre Werke sind zurzeit auf der LED-Fassade des Novartis Pavillons in Basel zu sehen, ab Herbst im Aargauer Kunsthaus und im Centre Dürrenmatt. Bereits finden sich Werke in Sammlungen wie derjenigen der Schweizerischen Post, der Art Foundation Pax, des Frac Alsace, des HEK Basel sowie der Sammlung Kunstkredit Baselland.

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Esther Hunziker, ­«Screen Test N°11», Videoserie, 2025/2026.
Esther Hunziker, «Screen Test N°11», Videoserie, 2025/2026.PR
Esther Hunziker, ­«Screen Test N°11», Videoserie, 2025/2026.
Esther Hunziker, «Screen Test N°11», Videoserie, 2025/2026.PR
Digitale Kunst basiert auf Mathematik: Jedes digitale Bild ist letztlich ein Code aus Nullen und Einsen. Wo also beginnt die Kunst, wie entfaltet sie eine Form von Poesie? Hunzikers Antwort: «Die Poesie entsteht durch die menschliche Erfahrung und Reflexion – unabhängig davon, welches Medium verwendet wird.» Und so ist es: Anders als viele theoretisch aufgeladene KI-Debatten sind Hunzikers Arbeiten poetische Versuche, die Auswirkungen von KI sichtbar zu machen.
Dieser Artikel ist im Millionär, einem Magazin der Handelszeitung, erschienen (Juni 2026).

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