Guten Tag,
Der Schweizer Musiker und Unternehmer Antoine Konrad alias DJ Antoine über Musik, Erfolg, die EU und die Macht der Algorithmen.
Antoine Konrad alias DJ Antoine: «Du musst gute Musik haben, wenn du performen willst.»
Stefan BohrerWerbung
Wir treffen Antoine Konrad, besser bekannt als DJ Antoine, in Biel-Benken, einer Gemeinde in der basellandschaftlichen Provinz, nahe der Grenze zu Frankreich. Dort, in einem Gewerbegebiet ausserhalb des Dorfs, hat Konrad die Zentrale seines Lifestyle-Unternehmens eingerichtet. Das Gebäude ist Event-Location, Verkaufsraum, Cigar-Lounge, Büro und Lager in einem. Konrad trifft mit angemessener künstlerischer Verspätung zum Interviewtermin ein. Er fährt in einem schwarzen Rolls-Royce Cullinan vor – und ist bestens gelaunt. Das Interview findet auf den Plüschsesseln seiner Cigar-Lounge statt, geraucht wird dabei aber nicht.
Ich bin ein Unternehmer, der im Studio sitzt, ein Mensch voller Melodien.
Okay, okay. Also: Am Anfang war ich Musiker, später wurde ich Unternehmer. 1999 habe ich mit meinem Partner Fabio Antoniali die Produktionsfirma Global Productions gegründet. Seither bin ich Musiker und Unternehmer – oder eben Unternehmer und Musiker.
Mit rund vier Millionen Spotify-Hörern pro Monat ist DJ Antoine derzeit der wohl meistgestreamte Schweizer Musiker. Seine beiden grössten Hits «Ma Chérie» und «Welcome to St. Tropez» wurden 200 bis 300 Millionen Mal abgerufen. 2,6 Millionen Platten verkaufte er – als es die noch gab. Antoine Konrad, so sein bürgerlicher Name, wurde 1975 geboren, wuchs in Basel auf und lebt heute in Therwil BL.
Der House-DJ blickt auf eine über dreissigjährige Karriere als Musiker zurück, die Anfang der 1990er-Jahre unter anderem im legendären Basler «Bimbo Town» und in der «Stückfärberei» begann. Später legte er im eigenen Club «House Café» auf, bevor er national und international als DJ Karriere machte. Den musikalischen Höhepunkt erlebte er 2011 mit seinen zwei Tophits.
Konrad ist ein hervorragender Vermarkter seiner Produkte und seiner selbst. Er sass für die TV-Sendungen «Deutschland sucht den Superstar», «The Voice of Switzerland» und «Die Höhle der Löwen» in der Jury. Unter der Marke «Konrad Lifestyle» bietet er diverse Produkte an, unter anderem eine breite Palette an Wein. Er betreibt einen Member-Club, dessen Mitglieder sich in Konrads «House of Wine» oder in der «Konrad Mansion» treffen können.
Ja, immer. Nur habe ich am Anfang kein Geld damit gemacht. Zwar habe ich mit Antoniali zehn Jahre lang Songs produziert, fett abgemischte Songs, die heute noch eine Bedeutung für mich haben, aber finanziell hat es nicht wirklich viel gebracht. Wir wären fast pleitegegangen, hätten wir nicht neues Kapital eingeschossen. Aber: Wir haben ein musikalisches Fundament gelegt, wir haben investiert für die Zukunft.
Ab 2010. Mit «Ma Chérie», «Bella Vita» und «The Sky Is the Limit».
Wenn man so will, ja. Egal, was wir produzierten, es wurde gekauft. Jedes Album hat Gold oder Platin gewonnen, bis zu viermal Platin. Ich habe zu Hause 85 Awards.
Sicher. Aber irgendwann wurde es auch langweilig.
Man muss manchmal sein Leben aufräumen, man muss manchmal seinen Betrieb neu ordnen, man muss manchmal ausmisten, zu Hause und im Business.
Genau. In meiner Karriere gab es immer wieder Dinge, bei denen mir langweilig wurde, weil es zu stark zur Routine wurde. Ich hatte Residencies im Ausland …
Man spricht von Residencies, wenn du für eine bestimmte Zeit fix von einem Club gebucht wirst.
Werbung
Auch wenn du viel Geld bekommst, sind solche Residencies – jede Woche 15-mal am selben Ort spielen – mit der Zeit etwas langweilig. Und nur für das Geld zu leben, ist ja nicht immer nur lustig.

DJ Antoine: «Weihnachten ist nicht die Zeit, einen neuen Hit zu lancieren.»
ZVG
DJ Antoine: «Weihnachten ist nicht die Zeit, einen neuen Hit zu lancieren.»
ZVGFundamental. Was immer noch gleich ist: Du musst gute Musik haben, wenn du performen willst. Früher musstest du deine Musik verkaufen, einen Plattenvertrag haben, Promo machen. Heute brauchst du nur einmal zu klicken, und du bist überall online. Und kannst nur noch hoffen, durch irgendwelche Algorithmen entdeckt zu werden.
Anders.
Früher war das geschäftliche Leben als Musiker sicher komplizierter, aufwendiger. Früher mussten Musiker Alben machen, Fotoshootings, du hattest eine Deadline, Promo. Viele schlaflose Nächte. So ein Album war ein Riesenprojekt. Und nur wenn es gekauft wurde, hast du auch Geld verdient. Nur dann. Dafür musste das Album gut verfügbar sein, gut vertrieben.
Werbung
Heute machst du als Musiker Songs, Songs und nochmals Songs. Und diese neuen publizierten Songs, die steigen dann irgendwo ein. Bei mir sind es am ersten Tag – immer an einem Freitag – 30’000 bis 70’000 Plays auf Spotify. Und dann reduziert sich die Anzahl der Plays ganz automatisch, wegen des Algorithmus. Bis wieder Freitag ist, dann kommen sie zurück. Die Leute hören meine Musik, bis sie wieder im Büro sind.
Es ist einfacher, weil du selbst nicht viel beitragen kannst. Das macht alles der Algorithmus. Du kannst nur darauf setzen, dass die Leute den neuen Song oft liken und in ihre Playlists übernehmen. Dann merkt der Algorithmus: Das Lied ist gefragt, ist heiss, das läuft. Dann hast du gewonnen.
Nicht ständig, aber ich schaue schon nach. Ich muss.
It’s this time of the year, Weihnachtszeit. Da kämpfe ich gegen jeden einzelnen Weihnachtssong. Bis im Januar geht meist nur wenig. Weihnachten ist nicht die Zeit, einen neuen Hit zu lancieren. Wobei wir gerade jetzt in Frankreich, Belgien und Luxemburg auf dem besten Weg sind, einen neuen Hit zu landen. Das ist sehr cool.
Werbung
Wir haben es im vergangenen Jahr versucht, mit «Last Christmas». Ich glaube, wir haben eine Million Plays gemacht. Also ziemlich zum Vergessen.
Nein, nein. In der Summe kommt da schon was zusammen für mich und andere Musiker, sonst würde es ja nicht funktionieren. Entscheidend ist aber: Der Katalog ist das Fundament. Wenn du einen Katalog an starken Titeln hast, funktioniert das, auch finanziell.
«Der Katalog ist das Fundament. Wenn du einen Katalog an starken Titeln hast, funktioniert das, auch finanziell.»
Wenn du früher in einem wichtigen Musikmarkt, sagen wir Brasilien, keinen Vertrag mit einer Musikfirma hattest, dann gab es dich in diesem Markt schlicht nicht. Du fandest nicht statt. Youtube hat sichergestellt, dass Künstler global stattfinden und sichtbar sind. Das ist sehr wichtig.
Nein. Spotify macht bei mir 70 bis 80 Prozent aus. Apple Music ist unter 10 Prozent, der Rest ein Fürzchen.
Klar, sogar auf Deezer. Aber man muss sich schon bewusst sein: Wenn ich bei Spotify nicht auf eine der grossen Playlists komme, wird mein Song nicht gross. Und ich kann das nicht beeinflussen. Das ist alles KI – kein Mensch, der irgendwas entscheidet. Musik ist heute ein Algorithmusbusiness.
Werbung
«Musik ist heute ein Algorithmusbusiness.»
Eigentlich nicht. Ich mache inzwischen fast nur noch, wozu ich Lust habe.
Das hat schon was. Das geht nur, wenn das Fundament funktioniert. Ja, wenn das Fundament funktioniert, der Katalog. Ich meine: «Ma Chérie» macht 250’000 bis 300’000 Plays – pro Tag. Es ist mein am besten gestreamter Song. Da kommt im Verlauf des Jahres schon einiges zusammen, zumal es noch verschiedene Versionen des Songs gibt. Dann folgt «Welcome to St. Tropez».
So ist es.

Antoine Konrad: «Heute erscheinen pro Tag gleich viele Lieder wie im ganzen Jahr 1989.»
ZVG
Antoine Konrad: «Heute erscheinen pro Tag gleich viele Lieder wie im ganzen Jahr 1989.»
ZVGJa und nein. Heutzutage kann man einfacher produzieren, hat man viel mehr Möglichkeiten. Es braucht kein Tonstudio mehr, keinen Gitarristen, für all das sorgt die Technik. Aber: Du bist als Musiker abhängig von einem Algorithmus. Und man muss sich bewusst sein: Heute erscheinen pro Tag gleich viele Lieder wie im ganzen Jahr 1989.
Werbung
Yep. Wenn du da nicht reinkommst, ist es so, wie wenn du früher nicht von den Radios gespielt worden bist. Wie wenn dein Auto nicht anspringt und du gleichzeitig fahren und schieben musst.
Der Schweizer Markt gibt gar nicht so viel her, dass du nur davon leben kannst. Da musst du schon sehr oft live auftreten, sehr oft. Und gute Gagen bekommen.
Nein. Früher, als Kind, war ich Tambour-Major, quasi der DJ der Fasnacht. Also: Ich kann trommeln. Und mein Studiopartner ist nicht nur Toningenieur, sondern kann auch Piano spielen. Ich singe ihm Melodien vor, schicke ihm das via Whatsapp, er setzt es um. Meine Musikalität besteht darin, dass ich Melodien höre. Als ich «Ma Chérie» hörte, wusste ich: Ich gehe putzen, wenn das kein Hit wird.
In Belgrad. Die Band hiess The Beat Shakers.
Ich traf mich mit Fabio Antoniali in Härkingen SO, bei einer BMW-Garage. Und ich sagte ihm: Fabio, wir kaufen uns bald einen 7er.
Werbung
Stimmt. Aber damals war der 7er für mich das coolste Auto überhaupt.
Ja, und es macht viel Spass. Und es läuft.
Nicht nur. Natürlich ist das mit meinem Namen verbunden, es hat jedoch nichts mit Musik zu tun. Aber mit dem, was ich liebe: Wein, Zigarren, Antiquitäten, Geselligkeit, Kaffee, Kitsch. Mich inspirieren zwei Sachen am meisten: der Auftritt auf der Bühne und solche schönen, feinen Dinge. Am liebsten würde ich in einem Palazzo wohnen, der voller feiner Antiquitäten ist. Gutes Essen, guter Wein, Musik. Das ist es. Ich sehe es eher als Parallelwelt denn als Brand-Extension. Ich habe immer gerne in anderen Welten gelebt. Schon als kleiner Junge schaute ich gerne James-Bond-Filme. Oder Ritterfilme.
Ich will natürlich den Webshop ausbauen. Und vor allem will ich in Zukunft mehr Antiquitäten verkaufen.
Mit meiner Familie und Freunden bei mir zu Hause – just relaxed.
Das ist gemein. Obwohl ich mehr Prince-Fan bin, sage ich Michael Jackson. Er ist einfach grösser.
Weder noch. Nichts gegen diese Bands, aber das ist nicht meine Musik.
Eher die Stones, die haben mich eher berührt. Aber auch hier: nicht meine Musik. Fragt doch nach meinem Klassikstar. Da sage ich ganz klar: Mozart.
Feuerwehrmann, glaube ich. Oder Polizist. Ich machte aber das KV und wurde Spediteur. Logistik interessiert mich noch heute. Ohne Logistik geht gar nichts – die ganze Welt würde stehen bleiben. Wie wenn wir keinen Strom hätten. Unsere Waren staple ich auch selbst gerne im Lager.
Aktuell alles Kitschige mit Glöckchen und Bling-Bling. Ich habe eine eigene Christmas-Playlist. Mit Frank Sinatra, Dean Martin, alte Sachen. Inklusive Klassik. Im Frühling und Sommer höre ich eher Lounge, Afro und ein bisschen Hip-Hop.
Robin S. mit «Show Me Love». Wobei «Luv 4 Luv» von ihr eigentlich noch besser ist.
Werbung
Als ich vierzig wurde, merkte ich, dass die Leute in diesem Alter andere Interessen haben. Sie mögen Musik, mögen gutes Essen, haben Geld. Aber sie wollen sich nicht in einem Club alt fühlen. Also kommen sie zu uns – ich lege auf, wir feiern, haben Spass. Members only, exklusiv.
Nein, das ist falsch. Die Fans von DJ Antoine, egal ob im Club oder sonst wo, sind nach wie vor sehr jung. Die Kundschaft von Konrad Lifestyle ist eine andere.
Von der Musik. Das Geschäft funktioniert schon, klar. Aber alles, was ich hier verdiene, geht wieder zurück ins Geschäft. Vom Aufwand her ist es anders: 20 Prozent DJ Antoine, 80 Prozent Konrad Lifestyle. Diese Firma erfordert extrem viel von meiner Zeit. Sie ist eben noch in der Aufbauphase. DJ Antoine lebt vom Status, den die Marke bereits erreicht hat.
Das ist unterschiedlich.
Okay. Nächstes Jahr werde ich im Kaufleuten spielen; eine grosse Anwaltskanzlei hat mich gebucht. Das kostet dann so um die 50’000 Franken. Aber hey: Jennifer Lopez nimmt für private Auftritte 1,5 Millionen Dollar, DJ-Frau Charlotte de Witte 450’000 Euro. Und die Uhrenfirma Audemars Piguet soll für den Auftritt von Keinemusik auf dem Bürgenstock mehr als 1 Million Franken gezahlt haben.
Werbung
Meine Work-Life-Balance ist ein gutes Glas Wein.
Ja, sie haben mich gefragt, und ich habe Ja gesagt.
Ich habe nichts daran verdient.
«Musik ist unpolitisch, soll unpolitisch sein.»
Nein, Musik ist unpolitisch, soll unpolitisch sein, jedenfalls in meinem Verständnis. Ich sage nur: Peace and Love. Und ich sage, dass ich ein stolzer Schweizer bin. Und gegen die EU. Aber ich bin kein SVPler. Ich finde längst nicht alles gut, was die gut finden.
Nein, das würde ich nicht tun. Ich habe entsprechende Angebote – und es gab einige – immer abgelehnt. Aber wenn ich auf Instagram sehe, wer alles in Moskau Shows macht, darunter viele berühmte DJs, frage ich mich schon: Warum ich nicht? Man muss schon sehen, wie verlogen das Ganze ist. Wenn ich in Wien auflege und im Publikum viele reiche Ukrainer sind, die im Fünfsternehotel schlafen und im Bentley oder Rolls-Royce zur Party fahren und Champagner aus Magnumflaschen trinken: Ist das dann okay? Ich frage mich: Müssten die nicht ihr Land unterstützen, statt in Wien Party zu machen? Aber wie gesagt: Musik, jedenfalls meine Musik, ist unpolitisch. Peace and Love.
Werbung
Ich finde es gut, ja. Cool. Ich finde es super, dass er Musik macht. Aber er studiert ja auch noch, Creative Direction, Corporate Design und Business.
Nein, darum geht es nicht. Musik ist toll. Auch seine Musik ist toll. Aber was ist, wenn sie nicht performt?
Künstliche Intelligenz ist der Teufel der Zukunft. Unsere Smartphones hören uns den ganzen Tag lang zu. Ich habe mit einem Kollegen einmal über Asbest gesprochen. Plötzlich sehe ich nur noch Videos über Asbest, obwohl bei mir Siri nicht läuft. Oder ich suche eine Rudermaschine für zu Hause. Plötzlich ist überall Rudermaschinenwerbung. Wir sind die Sklaven unserer Smartphones.
Die Welt bewegt sich stets vorwärts, und das ist gut so. Was soll ich mich dagegen wehren? Ich habe lieber eine Bodenheizung, anstatt jeden Tag den Ofen einheizen zu müssen. Strom ist mir lieber als nur Kerzen. Ich tue, was ich kann. Ich kaufe viele Lebensmittel beim Bauer, unterstütze die lokale Bäckerei. Aber ich sage: Die ganze AI-Geschichte ist für mich krass beängstigend. Für mich als Musiker und als Mensch.
Werbung