Wirtschaftsraum Zürich

Kleiner Markt macht Infrastruktur-Themen attraktiv

Sowohl im landesweiten als auch im globalen Wettbewerb glänzt Zürich als Fintech-Standort.

Matthias Niklowitz

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Johs Höhener, Fintech-Experte:«Der Schweizer Fintech-Sektor ist erwachsen geworden». PR

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Der Grossraum Zürich ist mit 181 Firmen weiterhin der grösste Fintech-Hub der Schweiz, vor Zug und Genf, wie aus der jüngsten Branchenstudie der Hochschule Luzern (HSLU) hervorgeht. Auch im internationalen Vergleich liegt Zürich weit vorne. Lediglich Singapur steht gemäss dieser Studie als Standort etwas besser da. Als neuer Schwerpunkt ergänzt die künstliche Intelligenz das bisherige Topthema Blockchain beziehungsweise Distributed-Ledger-Technologie.

Start-ups werden Infrastrukturlieferanten

«Der Schweizer Fintech-Sektor ist erwachsen geworden», stellt Johs Höhener, Doyen der Zürcher Fintech-Szene, fest. «Greater Zurich hält weiterhin eine Spitzenposition. Talent, Regulierung, Industrieanbindung und neue Initiativen wie Deep Tech Nation und Apertus bilden eine neue ‹Liga›.» Der Schweizer Fintech-Sektor sei 2025 deutlich gereift. «Wir sehen weniger Disruption und mehr Repositionierung – der Markt konsolidiert sich, spezialisiert sich, und das eigentliche Innovationsgeschehen verschiebt sich von der Anwendungssicht in die Infrastruktur», so Höhener weiter. Neben der Talentebasis und dem regulatorischen Umfeld kommen weitere Faktoren wie die Industrieanbindung mit einem direkten Zugang zu UBS, ZKB, SIX, Julius Bär, Swiss Re, Zurich Insurance. «Das gibt es so eng beieinander an wenigen anderen Plätzen weltweit», so Höhener. «Das ist genau der B2B-Markt, auf den sich die Branche jetzt ausrichtet.»

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Es gebe weniger spektakuläre Konsumenten-Fintechs, wie beispielsweise Revolut oder Klarna, dafür eine Vielzahl von B2B-Spezialisten und Infrastrukturanbietern. «Die Fintechs sind solid, kapitaleffizient und qualitativ hochwertig, jedoch selten Unicorn-Kaliber», so der Fachmann weiter. «Wir produzieren aber zu wenige Scale-ups, die wirklich global skalieren.» Das hänge direkt mit dem VC-Thema zusammen – Series-B/C-Runden über 50 bis 100 Millionen Franken müssten meist im Ausland eingesammelt werden, was oft auch eine Verlagerung des Unternehmenssitzes einleite. Höheners Fazit: «Die Attraktivität ist nach wie vor sehr hoch – aber sie speist sich heute weniger aus ‹mehr Start-ups› und mehr aus ‹besseren Rahmenbedingungen für die nächste Phase›: KI und Infrastruktur.»
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Mathias Ruch, CV VC: «Das ‹Crypto Valley› ist durch einen Zufall entstanden».PR
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Mathias Ruch, CV VC: «Das ‹Crypto Valley› ist durch einen Zufall entstanden».PR
Für Mathias Ruch, Gründer und CEO von CV VC, einem auf Blockchain- und AI-Start-ups spezialisierten Investor, ist die institutionelle Adoption – also die zunehmende Akzeptanz durch den Finanzsektor, die der gesamten Entwicklung Legitimität verleiht – die bemerkenswerteste Veränderung der vergangenen Jahre. «Das hat mit dem Regulierungs-Push nach 2023 eingesetzt und sich nach 2024 beschleunigt», so Ruch, «und das signalisierte, dass da etwas dran sein muss, wenn auch grosse, internationale Finanzdienstleister hier mitmachen.» Das «Crypto Valley» zwischen Zug und Zürich ist laut Ruch «eher durch einen Zufall entstanden», als sich die Ethereum-Stiftung nach 2014 hier niedergelassen hatte. «Danach sind viele weitere Projekte und Protokolle gefolgt, und es ist ein Ökosystem entstanden, welches dann nach 2021 durch die Finma-Regulierung auf eine stabile Grundlage gestellt wurde.» Der Experte stellt keine grundlegende Abwanderung und Verschiebung fest. «Konkurrierende Standorte in Asien, in den Vereinigten Arabischen Emiraten und in den USA bestehen bereits seit einigen Jahren. Wenn man auf das Volumen pro gemachtem Investment schaut, dann sieht man, dass zwar die Anzahl der Deals in der Schweiz im vergangenen Jahr gesunken ist, das durchschnittliche Volumen der einzelnen Runden aber gestiegen ist – und dies ist ein starker Hinweis auf grösser und reifer werdende Unternehmen.»

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Wenig echte Wertschöpfung

Für die kommenden Jahre erwartet Ruch eine Beschleunigung der Technologieentwicklung, weil man künstliche Intelligenz für die Entwicklung neuer digitaler Produkte benötigt und diese direkt in die Produkte integriert. «Wir erleben gerade eine Reifung des Marktes», bestätigt auch Rino Borini, Fintechund Kryptounternehmer aus Zürich. «Drei Themen dominieren: die Tokenisierung realer Vermögenswerte, Stablecoins als Zahlungsinfrastruktur und Bitcoin als institutionelle Anlageklasse.» Hinzu komme die Konvergenz von KI und Blockchain.
Die Qualitäten des Standortes beurteilt Borini differenziert. «Das ‹Crypto Valley› – dazu zähle ich die gesamte Schweiz – hat heute 1766 aktive Blockchain-Unternehmen, das sind 134 Prozent mehr als 2020. Aber die Zahl der Firmen sagt wenig darüber aus, wie viele Jobs, wie viel Entwicklung und wie viel echtes Wachstum es tatsächlich in der Schweiz gibt.» Es bestünden kaum B2C-Angebote für den Weltmarkt, keine globale Kryptobörse, keine Consumer-App mit Millionen Nutzern, kein Schweizer Coinbase. «Dubai, Singapur und inzwischen wieder New York sind echte Alternativen», stellt Borini in Hinblick auf den globalen Wettbewerb fest. Es gebe zwar zehn Unicorns, Firmen mit einer Bewertung von über 1 Milliarde Dollar. «Davon sind aber acht Kryptoprotokolle wie Ethereum oder Solana, die nur ihre Stiftung hier haben», so Borini. «Die eigentliche Wertschöpfung, die Entwicklung, die Jobs, das Wachstum, das findet nicht in der Schweiz statt.»

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