Wirtschaftsraum Zürich

Nur der Himmel ist das Limit

Am Center for Space and Aviation in Dübendorf wird daran geforscht, wie Menschen auf die Arbeit auf dem Mond vorbereitet werden können.

Matthias Niklowitz

SPACEX CRS-21 LAUNCH
SPACEX CRS-21 LAUNCH UPI/laif

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Wer durch Dübendorf fährt, denkt nicht sofort an den Weltraum. Und doch: Hinter den Fassaden des aufstrebenden Innovationsparks, dort, wo einst Kampfjets starteten, werden immer mehr Ingenieurinnen und Wissenschafter zu Zukunftstechnologien forschen, die bald Hunderte von Kilometern über der Erde genutzt werden. Schweizer Firmen und Start-ups arbeiten hier, auf der Grundlage einer einzigartigen Infrastruktur und eines dichten Forschungsnetzwerks, an vielversprechenden Innovationen.

Space X ist nur der Transportdienstleister

Vertreter des Innovationsparks betonen, dass klar zwischen zwei Bereichen zu unterscheiden ist: Zum einen gibt es die explorativen, mit Steuergeldern finanzierten und von staatlichen Raumfahrtagenturen organisierten Deep-Space-Missionen wie Artemis, Mars-Missionen oder Lisa. Zum anderen sind da die Themen der New-Space-Economy, etwa Rechenzentren im unteren und mittleren Erdorbit. Solche Rechenzentren, über die aktuell diskutiert wird, zählen zu den möglichen kommerziellen Nutzungen dieser Orbits. «Space X ist vor allem ein Transportdienstleister», erklärt Oliver Ullrich, Vorstandsvorsitzender des Center for Space and Aviation Switzerland and Liechtenstein (CSA) und Lehrstuhlinhaber an der Universität Zürich. Die Standardisierung der Technologien, günstige Transportmöglichkeiten und Skalierbarkeit sind hier die wichtigsten Faktoren. Das Space Shuttle zählte zu den Anfängen der wiederverwendbaren Module. «Musk hat die Wiederverwendbarkeit mit Space X konsequent weiterverfolgt und leistet so den entscheidenden Beitrag für die kommerzielle Nutzung des unteren Erdorbits, denn Wiederverwendbarkeit senkt die Startkosten enorm, ganz zu schweigen vom Materialeinsatz», so Ullrich. «Die Europäer ziehen jetzt mit über 15 Jahren Verspätung nach und werden Musks Vorsprung nie mehr wettmachen.» Mit dem Starship werden die Kosten für den Transport von Fracht in den unteren Erdorbit auf rund 200 Dollar pro Kilo sinken. «Die europäische Start-up-Szene ist primär, aber nicht ausschliesslich im New-Space-Economy-Sektor zu suchen», so Ullrich weiter. Gearbeitet wird hier an miniaturisierten Satellitenkomponenten, an fortschrittlichen Antriebssystemen und neuen Produkten, die sich im All besser herstellen lassen als unter dem Einfluss der Schwerkraft.

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Das All zeigt dem Menschen die Grenzen auf

Gerade bei der Produktion im All ist man weiterhin auf Menschen angewiesen, die mitfliegen. «Die gesundheitlichen Herausforderungen der Schwerelosigkeit sind dokumentiert», erklärt Jaap Swanenburg, Weltraumforscher an der Universität Zürich. Er hat 13 Astronauten vor ihrer Mission und nach ihrer Rückkehr von der ISS wissenschaftlich betreut. «Es gibt Knochen- und Muskelverlust, Sehnervprobleme bei längeren Aufenthalten und Strahlungsexposition; Letztere wurde aktuell während der Artemis-II-Mission untersucht.» Für Mondmissionen bleibe eine zentrale Frage offen: Wie verhält sich der Körper bei einer geringen Anziehungskraft, die lediglich 16 Prozent der Anziehungskraft auf der Erde entspricht, über längere Zeiträume? «Astronauten müssen auch auf dem Mond täglich trainieren», so Swanenburg. Die grösste Unbekannte sind die Ausseneinsätze von bis zu 14 Stunden auf dem Mond, inklusive Vor- und Nachbearbeitung. «Die physiologischen und psychologischen Auswirkungen dieser Belastung unter Mondschwerkraft sind noch weitgehend unbekannt», sagt Swanenburg weiter. Seine Forschung wird von der ESA finanziert, er arbeitet mit Astronauten der Nasa und der ESA zusammen. «Mit sinkenden Transportkosten wird Ressourcengewinnung auf dem Mond wirtschaftlich attraktiv», sagt Swanenburg zu den langfristigen Perspektiven bis ins Jahr 2100. Bergbauunternehmen in den USA investieren bereits heute in entsprechende Technologien. «Die technischen Grundlagen für eine dauerhafte menschliche Präsenz jenseits der Erde werden im nächsten Jahrzehnt gelegt», so der Weltraumforscher. «Ob daraus permanente Forschungsstationen oder kommerzielle Aktivitäten entstehen, hängt weniger von technischen als von ökonomischen und politischen Faktoren ab.»

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