In Südtirol hat sich in den vergangenen Jahrzehnten eine Tech-Szene entwickelt, die international Beachtung findet. Vier Beispiele aus einer dynamischen Branche.
2009 als Ingenieurbüro im Bozner Innovationspark TIS gegründet, ist Alpitronic heute Europas führender Hersteller skalierbarer DC-Schnellladeinfrastruktur. Gegründet von den Elektroingenieuren Andreas Oberrauch, Alessandro Ciceri, Sigrid Zanon und Philipp Senoner, entwickelte das Team zunächst Leistungselektronik für Dritte, unter anderem für BMW. Seit 2017 baut Alpitronic eigene Ladesäulen, den «Hypercharger» – kompakt, modular, alles in einem Gehäuse. Der Erfolg kam rasant: 2017 zählte das Unternehmen rund 30 Mitarbeitende und drei Millionen Euro Umsatz, 2025 waren es bereits rund 1100 Angestellte und knapp eine Milliarde Euro. Neben Bozen unterhält Alpitronic Standorte in Bergamo, Bologna, München, Nürnberg, Grossbritannien und seit 2024 in den USA. «Wir sind das Rückgrat der europäischen Schnellladeinfrastruktur», sagt Gründer und CEO Philipp Senoner. Mit einem erweiterten Leistungsangebot von 50- bis 1000-kW-Anlagen will Alpitronic noch mehr Einsatzorte bedienen – etwa Supermärkte, Restaurants und Autobahnraststätten. Gleichzeitig erwartet die Firma trotz bereits gut ausgebauter Ladenetze in Teilen Europas weiteres Wachstum, weil der Anteil der Elektroautos stetig steigt.
Sprungbrett für die Expansion
Der NOI Techpark in Bozen.ivo corra` fotografo
Der NOI Techpark in Bozen.ivo corra` fotografo
Der NOI Techpark in Bozen und Bruneck ist Südtirols zentraler Innovationsmotor: Auf einem zwölf Hektar grossen ehemaligen Industrieareal arbeiten über 2550 Menschen aus 15 Sprachräumen – Forschende, Start-ups und etablierte Unternehmen unter einem Dach. Vier Universitätsfakultäten, drei Forschungsinstitute, 76 Firmen, 37 Startups und 70 Labore machen den Campus zu einem Ort, an dem Wissenschaft und Wirtschaft direkt aufeinandertreffen. Getragen wird die Gründerszene vom NOI Start-up Incubator, der Jungunternehmen von der Idee bis zur Skalierung begleitet – Alpitronic hat hier ihre Wurzeln. Auch Internationale zieht es an: Das Schweizer Start-up Kuafu, das mit einer KI-Plattform Energiesysteme in Gebäuden steuert, wählte NOI als Sprungbrett für die Expansion nach Italien. Bemerkenswert ist der Frauenanteil: Rund 30 Prozent der geförderten Start-ups werden von Frauen oder gemischten Teams gegründet – ein Wert, der in Südtirol stabil bleibt, während er in Deutschland zuletzt sank.
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LED-Technologie aus Südtirol
Die LED-Technologie von ewo beleuchtet unter anderem Fussballplätze auf der ganzen Welt.zVg
Die LED-Technologie von ewo beleuchtet unter anderem Fussballplätze auf der ganzen Welt.zVg
Vor rund dreissig Jahren begann die Geschichte von ewo als Kunstschmiede im Sarntal – heute beleuchtet das Familienunternehmen aus Kurtatsch Flughäfen, Sportplätze, Strassen und Fassaden rund um den Globus. Gegründet 1996 von Flora Emma Kröss und Ernst Wohlgemuth, die zuvor bereits eine Metallmanufaktur führten, wagte ewo 2010 mitten in der Wirtschaftskrise den kompletten Umstieg auf LED-Technologie – ein Schritt, an dem der Markt damals noch zweifelte, der sich aber als entscheidend erwies. Heute zählt ewo mehr als 150 Flughäfen weltweit zu ihren Referenzen, darunter Innsbruck, München und Dubai, und beschäftigt rund 100 Mitarbeitende. Seit 2019 führt Sohn Hannes Wohlgemuth, studierter Architekt, das Unternehmen in zweiter Generation und treibt Digitalisierung und vernetzte Lichtsteuerung voran. Geblieben sind die Werte der Gründer: Neugier, Mut, Vertrauen, Ehrlichkeit. Das Unternehmen ist heute sowohl mit eigenen Niederlassungen als auch über exklusive Partner weltweit vertreten.
Florian Niedermayr ist General Manager von Inercable Tec.zVg
Florian Niedermayr ist General Manager von Inercable Tec.zVg
«DIVERSIFIZIERUNG ALS ZENTRALES THEMA»
Intercable startete 1972 als Handelsfirma für Werkzeuge und entwickelte sich zu einem spezialisierten Hersteller von Hochvolt-Stromverteilungs- und Verbindungssystemen für Elektrofahrzeuge. 2022 verkaufte die Eigentümerfamilie Mutschlechner 85 Prozent des Automotive-Geschäfts für rund 595 Millionen Euro an den US-Zulieferkonzern Aptiv. Zurück blieb die weiterhin familiengeführte Sparte Intercable Tec mit rund 200 Mitarbeitenden bei Bruneck. General Manager Florian Niedermayr, erst seit wenigen Monaten im Amt, über die Trennung, die Abhängigkeit von der Autoindustrie und die Rolle von KI.
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Herr Niedermayr, was ist heute Ihr Kerngeschäft
Kabelschutzkomponenten und elektrische Verbindungselemente. Kunststoffspritzguss und Stanzen sind unsere Kernprozesse, Entwicklung und Fertigung liegen im Haus. Damit stecken wir in Fahrzeugen praktisch aller westlichen Automarken, dazu in LKWs, Landmaschinen und Sonderfahrzeugen.
Wie stark hängt Intercable Tec noch an der Automobilindustrie?
Aktuell sind über 90 Prozent unseres Absatzes im Bereich Automotive. Diese Zahl ist ein Erbe unserer Geschichte, kein Zielbild – und sie ist der Grund, warum Diversifizierung bei uns eines der zentralen Themen der nächsten Jahre ist. Die Automobilindustrie bleibt unser Fundament, aber ein zweites und ein drittes Standbein müssen dazukommen.
Wohin wollen Sie diversifizieren?
Dorthin, wo unsere Prozesse ohnehin passen. Kunststoffspritzguss und Stanzen sind nicht automobilspezifisch, und Kabelschutz und Verbindungselemente braucht es überall dort, wo Strom fliesst. Konkret: Ladeinfrastruktur, Energiespeicher, Bahn und Rechenzentren. Das ist keine Wunschliste – dort liefern wir bereits. Die eigentliche Aufgabe ist, aus einzelnen Referenzen Volumen zu machen.
Fachkräfte sind auch in Südtirol ein grosses Thema. Wie gehen Sie damit um?
Wir rekrutieren gezielt an technischen Oberschulen und bilden viele Mitarbeitende im eigenen Haus aus, ergänzt durch duale Studiengänge mit den Unis Bozen und Innsbruck.
Wie viel Austausch gibt es mit anderen Unternehmen aus der Region?
Sehr viel, über das Netzwerk «Automotive Excellence Südtirol» tauschen wir uns regelmässig mit Firmen wie GKN Sinter Metals, GKN Driveline oder Alupress aus – und zwar zu den Themen, die uns alle beschäftigen: Fachkräfte, der Einsatz von KI und die Standortsicherung. Florian Niedermayr, General Manager von Intercable Tec.