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Die Swiss Space Economy

Keine Rakete, kein Weltraumbahnhof und keine Raumfahrtagentur. Dennoch mischen Schweizer Firmen kräftig beim Wettlauf ins All mit.

Florian Fels

Der Rover Perseverance und der Helikopter Ingenuity auf dem Mars, mit Maxon-Motoren.
Der Rover Perseverance und der Helikopter Ingenuity auf dem Mars, mit Maxon-Motoren.NASA/JPL-Caltech

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Die Schweiz hat keinen Startplatz, kein Astronautenkorps und keine nationale Raumfahrtagentur. Das Swiss Space Office im Staatssekretariat für Bildung, Forschung und Innovation zählt eine knappe Handvoll Leute und betreibt keine eigenen Programme; es sorgt aber dafür, dass die Schweiz bei der ESA überall mitfliegt. Rund 130 Firmen arbeiten im Sektor, etwa tausend Menschen direkt, weitere zweitausend bei Zulieferern. Im November 2025 zeichnete die Schweiz an der ESA-Ministerratstagung in Bremen 771 Millionen Euro für die kommenden Jahre. So kommt es, dass hiesige Unternehmen an praktisch jeder europäischen Mission beteiligt sind. Der Grund ist ein wirtschaftlicher: Raumfahrt besteht zu 90 Prozent aus Teilen, die funktionieren müssen und in der Regel nie wieder erreichbar sind für Reparaturen. Solche Wertarbeit ist in der Schweiz fest in der DNA verankert.

Wo das Geld wirklich liegt

Wer Space-Economy sagt, denkt an Raketen. Die Zahlen sagen etwas anderes. Der Branchenverband Satellite Industry Association beziffert den weltweiten Umsatz der kommerziellen Satellitenindustrie für 2025 auf 303 Milliarden Dollar. Davon entfallen 165 Milliarden auf Bodenausrüstung und Navigationsgeräte und 105 Milliarden auf Satellitendienste. Das Startgeschäft macht rund 12 Milliarden aus, also weniger als 4 Prozent. 9 von 10 Dollar werden am Boden verdient. Das erklärt auch, warum die Schweizer Landschaft aussieht, wie sie aussieht. Sie hat kaum jemanden, der ins All fliegen will, und viele, die davon leben, dass andere es tun.

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Das grösste Stück am Space-Kuchen hat hierzulande Beyond Gravity, früher Ruag Space, davor Oerlikon Contraves. Das Unternehmen baut die Verkleidung aus Verbundwerkstoff, die eine Rakete beim Aufstieg schützt und nach wenigen Minuten abgeworfen wird – bei allen der bisher über 260 Ariane-Starts hat sie funktioniert. Beyond Gravity ist deren einziger europäischer Hersteller und beliefert auch Vega C und die amerikanische Vulcan. Seit April 2026 führt Barbara Frei-Spreiter das Haus; sie kommt aus der industriellen Automation und übernimmt ein Unternehmen im Umbruch: Der europäische Trägermarkt ordnet sich gerade neu.
Bei Apco Technologies im waadtländischen Aigle entstehen Strukturen, Bodenausrüstung und Testeinrichtungen. Der Raumfahrtdirektor Didier Manzoni präsidiert zugleich die Swiss Space Industries Group.
Bei Almatech in Lausanne baut man Mechanismen, die im Vakuum genau einmal auslösen müssen. Keine dieser Firmen kommt je in eine Schlagzeile. Aber ohne sie hätte jede zweite europäische Mission eine Lücke im Bauplan.
Swissto12
SWISSTO 12: Die Idee war Hochfrequenzbauteile zu drucken anstatt sie zu fräsen. 15 Jahre später sind über zweitausend Antennen- und Nutzlastlösungen im Orbit, und das Unternehmen in Renens ist vom Zulieferer zum Satellitenbauer aufgestiegen.PR
Swissto12
SWISSTO 12: Die Idee war Hochfrequenzbauteile zu drucken anstatt sie zu fräsen. 15 Jahre später sind über zweitausend Antennen- und Nutzlastlösungen im Orbit, und das Unternehmen in Renens ist vom Zulieferer zum Satellitenbauer aufgestiegen.PR
Dann gibt es Emile de Rijk. Der Niederländer promovierte an der EPFL und gründete 2011 ein Unternehmen mit einer unorthodoxen Idee: Hochfrequenzbauteile für Satelliten, die man normalerweise fräst und zusammenschraubt, im 3D-Verfahren zu drucken. Leichter, schneller, in einem Stück. Swissto 12 ist damit vom Zulieferer zum Satellitenbauer geworden. Über zweitausend der gedruckten Antennen- und Nutzlastlösungen umkreisen heute die Erde. Mit Hummingsat entwickelt die Firma aus Renens einen geostationären Kleinsatelliten für Betreiber, denen die klassischen, schulbusgrossen Kolosse zu teuer sind. Sieben Verträge sind bereits unterschrieben, unter anderem mit SES und Viasat.

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Auftragsbestand von 500 Millionen Dollar

Die Zahlen dazu sind für europäische Raumfahrtverhältnisse ungewöhnlich. 140 Millionen Dollar Umsatz 2025. Ein Auftragsbestand von über 500 Millionen. Ein durchschnittliches Wachstum von 110 Prozent jährlich seit 2022. Und für 2026 ein positives Ebitda – in einer Branche, in der Hardware-Start-ups normalerweise Geld einsammeln, weil sie welches verlieren.
2024 liessen fünf Studierende der EPFL eine Rakete senkrecht auf eigenen Landebeinen aufsetzen. Ihre Vereinigung, Gruyère Space Program, hatte 250 000 Franken Sponsorengeld zusammengekratzt und war mit dieser spektakulären Landung Vorreiterin in Europa.
Aus dieser Gruppe entstand Pave Space in Villeneuve am Genfersee. Julie Böhning und Jérémy Marciacq, Jugendfreunde aus dem Greyerzerland, bauen mit Lyoba eine Kickstage: ein Fluggerät von über 20 Tonnen, das Satelliten mit bis zu 5 Tonnen Nutzlast aus der erdnahen Bahn in mittlere, geostationäre oder Mondbahnen bringt. Heute dauert dieser Transfer sechs bis zwölf Monate. Pave will den Prozess auf unter 24 Stunden drücken.
DPhi Share-Space Server
DPHI Space lässt mehrere Hardware- und Software-Nutzlasten eine gemeinsame Plattform teilen.PR
DPhi Share-Space Server
DPHI Space lässt mehrere Hardware- und Software-Nutzlasten eine gemeinsame Plattform teilen.PR
Ein paar Kilometer weiter, in Lausanne, arbeitet DPHI Space an einem anderen Nadelöhr. Wer ein Experiment in den Orbit bringen will, scheitert selten an der Physik und meistens an der Schnittstelle. DPHI Space lässt mehrere Hardware- und Software-Nutzlasten eine gemeinsame Plattform teilen. Clustergate-1 flog im März 2025 mit einer Falcon 9, Clustergate-2 folgte ein Jahr später und rechnet KI-Modelle direkt im Orbit. Das Unternehmen sammelte 2,1 Millionen Franken Pre-Seed-Kapital ein. Die Basisidee: Wer Standards durchsetzt, verdient nicht an einer Mission, sondern an allen, die danach kommen.

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Spacetek in Gümligen bei Bern steht für eine besondere Kategorie: nämlich für eine Technologie, die für den Weltraum entwickelt wurde und jetzt auf der Erde gutes Geld verdient. Die Flugzeitmassenspektrometrie, mit der Instrumente eigentlich die Zusammensetzung von Kometenstaub bestimmen, analysiert inzwischen auf der Erde Prozessgase in zahlreichen Halbleiterfabriken.
SpaceTek
Spacetek entwickelte Instrumente, die eigentlich die Zusammensetzung von Kometenstaub bestimmen sollten. Inzwischen analysieren die Instrumente auf der Erde Prozessgase in zahlreichen Halbleiterfabriken. PR
SpaceTek
Spacetek entwickelte Instrumente, die eigentlich die Zusammensetzung von Kometenstaub bestimmen sollten. Inzwischen analysieren die Instrumente auf der Erde Prozessgase in zahlreichen Halbleiterfabriken. PR
Die Iontamer-Systeme messen in Echtzeit, reduzieren Ausschuss und erhöhen die Ausbeute. Sie stehen inzwischen in einigen der fortschrittlichsten Chipfabriken der Welt. Im November 2025 sicherte sich das Unternehmen 9,6 Millionen Franken aus Eigenkapital, einer Bürgschaft des Technologiefonds und einem Wachstumskredit der UBS.
Matteo Madi gründete Sirin Orbital Systems 2019 in Zürich. Der promovierte Physiker ist ursprünglich Iraner und heute Schweizer Bürger; nebenbei hat er ein Fachbuch über Weltraumschrott mitverfasst, bevor er anfing, Lösungen gegen diesen Müll zu entwickeln.
Matteo Madi, Gründer von Sirin Orbital Systems
Matteo Madi, Gründer und CEO von Sirin Orbital Systems.zVg
Matteo Madi, Gründer von Sirin Orbital Systems
Matteo Madi, Gründer und CEO von Sirin Orbital Systems.zVg
Sirins Kernprodukt ist ein umweltfreundliches chemisches Mikroantriebssystem für Satellitenkonstellationen, mit dem sich Bahnebenen schnell wechseln lassen – etwa um einer Kollision auszuweichen. 2024 zeichnete die World Space Week Association das Unternehmen unter über hundert Nominierten als «Leading Innovation in Space» aus; aktuell ist das Unternehmen für den Global Space Award 2026 nominiert. Seit April 2026 forscht Sirin gemeinsam mit der ESA und dem Space Robotics Lab der Universität Málaga an robotischer Inspektion und Wartung im Orbit.

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Der Anwendungsfall, den Madi nennt, klingt nach Science-Fiction: Rechenzentren im All, deren Solarpaneele und Kühlkörper gewartet werden müssen. Sirins zweites Standbein ist die drahtlose Energieübertragung – Solarstrom, der im Orbit geerntet und zur Erde gefunkt wird. Im Weltraum liegt der Verfügbarkeitsfaktor für Photovoltaik auf über 90 Prozent, am Boden auf unter 15 Prozent. Diese Art der Energieübertragung ist auch für Anwendungen auf der Erde interessant.
Perseverance wiegt eine Tonne, kostet 2,7 Milliarden Dollar und fährt seit Februar 2021 über den Marsboden. Im Rover stecken Elektromotoren aus Sachseln im Kanton Obwalden. Auch im Helikopter Ingenuity, der auf dem Mars als erstes Fluggerät der Menschheit abhob, drehten sich sechs dieser Elektromotoren.

Zu Hause auf dem Mars

Die Firma dahinter heisst Maxon und wurde 1961 als Produktionsstätte des Frankfurter Braun-Konzerns gegründet, um Scherfolien für Rasierapparate herzustellen. Sie erzielte 2025 einen Umsatz von 595,2 Millionen Franken. Die Raumfahrt ist dabei ein kleiner Posten in einem breit diversifizierten Industriegeschäft, in dem Medizintechnik den Ton angibt. Genau das ist die Schweizer Raumfahrt in einem Satz: hochpräzise, unsichtbar – und fast nie das Hauptgeschäft.

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Viele der interessantesten Schweizer Space-Unternehmen sind womöglich gar keine Space-Unternehmen. Sie sitzen an der Bahnhofstrasse. Die UBS wertet seit rund zehn Jahren Satellitenbilder von Parkplätzen aus, um Einzelhandelsumsätze vor den Quartalszahlen zu prognostizieren. Ein Berkeley-Forscher hat den Informationsvorsprung auf 4 bis 5 Prozent Rendite im Dreitagesfenster rund um die Publikation beziffert. Es ist die reinste Form der Space-Economy: keine Hardware, kein Orbit, nur Daten bringen den Vorsprung.
Die Versicherer sind noch weiter. Zurich Resilience Solutions nutzt Erdbeobachtung für das unternehmerische Klimarisikomanagement. Swiss Re verknüpft seine auf Fernerkundung beruhenden Katastrophenrisikodaten seit August 2026 in einer Partnerschaft mit SAS; die Underwriting-Teams sollen damit bei gleichem Personalbestand 40 Prozent mehr Risiken prüfen, und die Risikomodellierung soll halb so lange dauern. Die Schweizer Hagel liefert ihren Versicherten aus Satellitendaten den Gesundheitszustand ihrer Kulturen, damit gezielt bewässert und gedüngt werden kann.
Die Landwirtschaft ist überhaupt ein Schweizer Feld. Gamaya, 2015 in Morges als EPFL-Spin-off gegründet, ist nach der Fusion mit Terraview auf über vier Millionen Hektar in Brasilien, Indien, Afrika und den USA aktiv; das Produkt Canasight liefert wöchentliche Ernteprognosen. Und das ETH-Spin-off Terensis, 2024 von Gregor Perich und Lukas Graf gegründet, baut einen digitalen Zwilling der Schweizer Landwirtschaft: biophysikalische Modelle kombiniert mit Echtzeitdaten von ESA-Satelliten. Die Pointe liegt im Massstab – die globalen Modelle aus den USA und Australien funktionieren für die kleinen Schweizer Parzellen schlicht nicht.

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Vom All wieder auf die Erde

Das 2019 gegründete EPFL-Spin-off Neural Concept aus Lausanne bringt KI direkt in industrielle Entwicklungs- und Simulationsprozesse; über fünfzig globale Konzerne nutzen die Plattform, darunter Safran und Leonardo. Im Dezember 2025 sammelte die Firma eine Series C über 100 Millionen Dollar ein, angeführt von Growth Equity bei Goldman Sachs Alternatives. Raumfahrt ist dort eine Branche unter mehreren – und genau deshalb funktioniert das Geschäft.
Neural Concept
Das Führungsteam von Neural Concept.div
Neural Concept
Das Führungsteam von Neural Concept.div
Dazu kommen die Spezialisten am Rand: Cysec sichert Raumfahrtsysteme gegen Angriffe ab, Klepsydra optimiert Software für den Orbit, Astrocast betreibt eine Satellitenkonstellation für das Internet der Dinge, Clearspace arbeitet an der aktiven Entfernung von Weltraumschrott. Für Clearspace-1, eine ESA-Pioniermission, ist der Start Ende dieses Jahrzehnts vorgesehen.

Was noch fehlt

Es fehlen allerdings zwei Dinge im Schweizer Space-Ökosystem. Das eine ist Kapital. Roland Loos, Investor und Verwaltungsrat bei Swissto 12 und bei Pave Space, gehört zu den wenigen im Land, die den langen Atem mitbringen, den die Raumfahrt verlangt: Hardware lässt sich nicht in Sprints entwickeln, Qualifikationskampagnen dauern Jahre, der erste Umsatz kommt spät. Nicole Herzog, Mitgründerin von B2venture und «Business Angel des Jahres 2026», investiert ebenfalls in den Sektor. Das sind bisher aber noch Einzelfälle. Das andere, was noch fehlt, ist Gewissheit. Im Entlastungspaket 2027 des Bundesrats stehen Beiträge an die ESA und weitere internationale Organisationen auf der Streichliste – rund 26 Millionen Franken jährlich.

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Gleichzeitig wuchs das ESA-Gesamtpaket gegenüber der letzten Runde um 31 Prozent, der Schweizer Anteil daran sank leicht. Nominal ein Rekord, relativ ein Rückschritt. Und dennoch: Auf dem Mars drehen sich Motoren aus Obwalden. Über dem Genfersee testet ein Unternehmen ein Triebwerk in einem stillgelegten Kraftwerk. In Renens wird ein Satellit gedruckt. Und an der Bahnhofstrasse zählt jemand Autos auf einem Parkplatz in Ohio. Das alles ist nur der Anfang.
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