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Standort Serbien

«Serbia is open for business»

Der serbische Botschafter Ivan Trifunovic erläutert, weshalb gerade jetzt Schweizer Firmen nach Serbien gehen sollten.

Florian Fels

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Der serbische Botschafter Ivan Trifunovic. STEFAN WERMUTH

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Herr Botschafter, wie steht es um die Wirtschaftsbeziehung zwischen Serbien und der Schweiz?

Die Wirtschaftsbeziehung zwischen Serbien und der Schweiz ist stark, substanziell und zunehmend strategisch. Die Schweiz ist einer der wichtigsten Investitionspartner Serbiens. Schweizer Unternehmen sind in der Fertigung, der Lebensmittelproduktion, der Pharmaindustrie, im Finanzwesen, in der Technologie und im Dienstleistungssektor präsent. Besonders ermutigend ist jedoch die Verschiebung hin zu höherwertigen Branchen. Wir beobachten ein wachsendes Interesse an Biotechnologie, künstlicher Intelligenz, Forschung, Innovation und fortschrittlicher industrieller Zusammenarbeit.

Was bedeutet das in Zahlen?

Allein beim Warenhandel überstieg das bilaterale Handelsvolumen 2025 1 Milliarde Euro. Das ist bereits eine bedeutende Zahl für zwei Länder unserer Grösse. Noch interessanter wird das Bild, wenn man Dienstleistungen einbezieht. Der Dienstleistungshandel zwischen Serbien und der Schweiz beläuft sich auf rund 1,6 Milliarden Euro, mit einem serbischen Überschuss von etwa 147 Millionen Euro. Das zeigt, dass Serbien nicht nur Waren exportiert, sondern auch hochwertige Dienstleistungen: IT, Engineering, Unternehmensdienstleistungen, professionelle Beratung und digitale Kompetenzen.
Zur Person
Dr. Ivan Trifunovic begann seine Karriere als Chemiker in der Pharmaindustrie, wo er an der Synthese des Krebsmedikaments Taxol mitwirkte, bevor er in die Wirtschaft wechselte. Dort leitete er kleinere Unternehmen und gründete zusammen mit einem weiteren in Serbien geborenen Unternehmer das Biotech-Start-up Dren Bio in San Francisco. Dren Bio verkaufte sein erstes Medikament im vergangenen Jahr für 1,9 Milliarden Dollar an Aventis. Zuvor führte Trifunovic als CEO, Präsident und Verwaltungsratspräsident von Wafergen Bio-Systems das Unternehmen durch den Börsengang an der Nasdaq und begleitete dessen Übernahme durch das japanische Unternehmen Takara Bio im Jahr 2017. Bei Third Wave Technologies war er als Senior Vice President tätig und gründete Third Wave Japan, wo er als Präsident wirkte. Seit Mitte 2025 ist er Botschafter der Republik Serbien in der Schweiz und im Fürstentum Liechtenstein.

Was macht Serbien für Schweizer Unternehmen attraktiv?

Serbien bietet eine Kombination, die im heutigen Europa zunehmend selten ist: makroökonomische Stabilität, wettbewerbsfähige Kosten, qualifizierte Arbeitskräfte, starkes Wachstum, geografische Nähe zur Europäischen Union und eine Regierung, die aktiv daran arbeitet, ernsthafte Investoren anzuziehen und zu halten. Für Schweizer Unternehmen ist das wichtig. Die Schweizer Unternehmenskultur legt Wert auf Vorhersehbarkeit, Verlässlichkeit, Qualität und langfristige Planung. Serbien kann das bieten.

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Sind Serbiens grösster Wettbewerbsvorteil nicht die günstigen Arbeitskosten?

Nein. Dieses Bild ist überholt. Wir sind nicht einfach nur ein Billigstandort. Serbien ist heute eine zunehmend hoch entwickelte Wirtschaft. Die eigentliche Geschichte ist, dass sich Serbien in der Wertschöpfungskette nach oben bewegt.

Das heisst?

Erstens liegt Serbien geografisch nahe an der Schweiz und der EU. Es ist kein fernes Schwellenland, sondern eine nahe europäische Volkswirtschaft, die tief in europäische Lieferketten eingebunden ist. Zweitens hat Serbien eine starke technische und ingenieurwissenschaftliche Tradition. Unsere Arbeitskräfte sind gut ausgebildet, besonders in IT, Ingenieurwesen, Mathematik, Naturwissenschaften und zunehmend in den Lifesciences. Drittens verfügt Serbien über Freihandelsabkommen und eine strategische Lage, die es Unternehmen ermöglichen, Serbien als Produktions- und Exportplattform zu nutzen. Viertens hat die serbische Wirtschaft Widerstandsfähigkeit und Wachstum gezeigt. Die Staatsverschuldung liegt unter 45 Prozent des BIP, und Serbien hat von S&P und Moody’s Investment-Grade-Ratings erhalten. Das ist ein wichtiges Signal für seriöse Investoren. Und schliesslich gibt es die menschliche Brücke: Die serbische Gemeinschaft in der Schweiz ist gross, gut integriert und wirtschaftlich aktiv. Viele Menschen verstehen beide Kulturen, beide Geschäftsumfelder und die Sprachen beider Länder. Das schafft Vertrauen und senkt die Hürde für die Zusammenarbeit.

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Im April hat Bundespräsident Guy Parmelin Serbien besucht. Ihr Fazit?

Bundespräsident Parmelin wurde von einer hochrangigen Schweizer Wirtschaftsdelegation begleitet. Die Schweiz tut das nicht leichtfertig oder routinemässig. Wenn ein Schweizer Bundespräsident mit Wirtschaftsvertretern reist, ist das ein Signal, dass das Land echtes wirtschaftliches Potenzial sieht. Für Serbien war das eine sehr positive Botschaft. Es zeigte, dass die Schweiz Serbien nicht nur durch die Brille der Regionalpolitik betrachtet, sondern zunehmend als Wirtschaftspartner, Wachstumsmarkt und Plattform für Innovation und Investitionen. Es gab während des Besuchs auch einen bezeichnenden Moment: Ein Mitglied der Delegation, der Präsident des grössten Schweizer Industrie- und Handelsverbands, sagte, er wolle verstehen, wie Serbien ein derart starkes BIP-Wachstum erreicht habe. Das war ein bemerkenswerter Kommentar. Er zeigte echte Neugier und Respekt. Serbien wird nicht nur als Land wahrgenommen, das Investitionen will, sondern als Land, das echte wirtschaftliche Ergebnisse erzielt hat.

Welche Branchen bieten das grösste Potenzial für Schweizer Unternehmen?

Es gibt mehrere vielversprechende Branchen. Die traditionellen Sektoren bleiben wichtig: Fertigung, Maschinenbau, Lebensmittelverarbeitung, Bauwesen, Infrastruktur, Logistik, Energie und Umwelttechnologien. Schweizer Unternehmen sind genau in jenen Bereichen exzellent, in denen Serbien Modernisierung, Effizienz und hohe Standards benötigt. Die spannendsten Möglichkeiten liegen jedoch zunehmend in höherwertigen Branchen.

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Ein Beispiel?

Ein wichtiges Beispiel sind Life Sciences und Biotechnologie. Serbien entwickelt den Bio4-Campus in Belgrad, der zu einem regionalen Zentrum für Biotechnologie, Biomedizin, Bioinformatik und künstliche Intelligenz werden soll. Das ist ein wichtiges strategisches Projekt für Serbien. Für die Schweiz besonders relevant ist, dass Serbien Absichtserklärungen unterzeichnet und Kooperationsrahmen mit Roche, Novartis und dem Basler Start-up Swiss Rockets etabliert hat. Das schafft eine sehr natürliche Brücke zwischen Serbien und der Schweiz, besonders mit Basel als einem der grossen Lifesciences-Zentren der Welt. Es gibt auch starkes Potenzial in der IT und bei den digitalen Dienstleistungen. Serbien hat einen sehr wettbewerbsfähigen Technologiesektor. Viele internationale Unternehmen nutzen Serbien bereits für Softwareentwicklung, Forschungsunterstützung, Engineering und digitale Abläufe. Energie ist ein weiterer wichtiger Bereich – besonders erneuerbare Energien, Netzmodernisierung, Energieeffizienz und Umweltinfrastruktur. Schliesslich sind Bildung und duale Berufsbildung wichtig. Serbien hat bereits von Schweizer Erfahrung in der dualen Bildung profitiert, und das bleibt einer der wertvollsten Bereiche der Zusammenarbeit. Die Chancen sind also breit gefächert: von der traditionellen industriellen Zusammenarbeit bis zu den fortschrittlichsten Zukunftsbranchen.

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Wie wirkt sich der EU-Beitrittsprozess Serbiens auf Schweizer Investoren aus?

Das strategische Ziel Serbiens bleibt die Mitgliedschaft in der Europäischen Union. Das ist für Schweizer Investoren wichtig, da viele Schweizer Unternehmen im und um den EU-Markt tätig sind. Serbien ist wirtschaftlich bereits tief mit der EU verbunden. Die EU ist Serbiens grösster Handelspartner und die wichtigste Investitionsquelle. Serbische Unternehmen sind in europäische Lieferketten integriert. Die regulatorische Annäherung an die EU findet bereits in vielen Bereichen statt. Für Schweizer Unternehmen kann Serbien daher als europäischer Partner gesehen werden, der noch kein EU-Mitglied ist, aber bereits eng mit der EU-Wirtschaft verbunden ist.

Serbien scheint auch Russland und China recht nahe zu stehen. Bei einem Staatsbesuch in Peking verlieh Chinas Präsident Xi Jinping dem serbischen Präsidenten Aleksandar Vucic den Freundschaftsorden der Volksrepublik China. In Europa sehen viele Politiker diese Nähe kritisch.

Ehrlich gesagt halte ich vieles davon für politisches Rauschen. Jede europäische Führungsperson besucht China – das lässt sich nicht vermeiden. Das grössere Problem ist die Erweiterungsmüdigkeit innerhalb der EU selbst. Es gibt derzeit keinen echten politischen Willen; manche Beamte argumentieren sogar, die EU habe sich mit Rumänien, Bulgarien und Ungarn zu schnell erweitert. Und bilaterale Streitigkeiten erschweren die Lage zusätzlich – etwa Bulgarien, das den EU-Beitritt Nordmazedoniens blockiert. Da alles Konsens erfordert, wird es zu einem politischen Spielball. Serbien hat stets gesagt, dass es beitreten möchte. Aber für europäische Politikerinnen und Politiker, die das absegnen müssten, gibt es keinen Wahlvorteil darin, sich für eine serbische Mitgliedschaft starkzumachen. Es bringt zu Hause schlicht keine Stimmen.

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««Wir sind nicht einfach nur ein Billigstandort. Dieses Bild ist überholt.»»

Wie schneidet Serbien im Vergleich zu regionalen Konkurrenten wie Rumänien oder Kroatien ab?

Wir vergleichen uns mit der Vergleichsgruppe des westlichen Balkans – Bosnien, Nordmazedonien und so weiter –, und dort sind wir klar der regionale Spitzenreiter; rund 60 Prozent aller ausländischen Direktinvestitionen in den westlichen Balkan fliessen nach Serbien. Doch selbst im Vergleich zu EU-Mitgliedern wie Rumänien und Bulgarien stehen wir gut da. Das war die Geschichte des letzten Jahrzehnts: ein echter wirtschaftlicher Boom, der auf Fundamentaldaten beruht, nicht auf Glück – besonders bemerkenswert, wenn man bedenkt, dass der Krieg erst 25 Jahre zurückliegt.

Verfügt Serbien über ausreichenden Rechtsschutz für Schweizer Investoren?

Ja. Serbien hat einen rechtlichen Rahmen für ausländische Investitionen, und speziell mit der Schweiz besteht ein Investitionsschutzabkommen, das weiterhin in Kraft ist. Das ist wichtig, weil Schweizer Investoren vorsichtig sind. Sie wollen Vorhersehbarkeit, Rechtssicherheit und den Schutz ihrer Vermögenswerte. Das Bestehen eines bilateralen Investitionsschutzrahmens ist daher wichtig. Natürlich sind rechtliche Rahmenbedingungen nur ein Teil des Gesamtbilds. Investoren achten auch auf die praktische Umsetzung, Institutionen, Gerichte, Verwaltungseffizienz und das allgemeine Geschäftsklima. Serbien arbeitet weiterhin an diesen Bereichen. Aber die grundsätzliche Botschaft ist klar: Serbien will ernsthafte Investoren, und es versteht, dass ernsthafte Investoren Rechtssicherheit benötigen.

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Ihre Botschaft an Schweizer Wirtschaftsführerinnen und -führer?

Meine Botschaft ist einfach: Schauen Sie sich Serbien genauer an. Viele Schweizer Unternehmen, die bereits präsent sind, verstehen die Chance. Sie sehen das Talent, das Wachstum, die Lage, die Kostenwettbewerbsfähigkeit und die Widerstandsfähigkeit. Sie sehen auch etwas anderes: Serbien verändert sich. Serbien ist nicht mehr nur ein Produktionsstandort. Das Land wird zu einem Ort für Dienstleistungen, Innovation, Forschung, Technologie und fortschrittliche Fertigung. Schweizer Unternehmen sollten Serbien nicht als fernes Schwellenland sehen. Es ist ein naher europäischer Partner mit starkem Wachstumspotenzial und einem ernsthaften Modernisierungsanspruch. Meine Botschaft wäre: Warten Sie nicht, bis alle anderen die Chance entdeckt haben. Die Schweizer Unternehmen, die früh, sorgfältig und strategisch kommen, werden sehr gut positioniert sein. Oder kurz gesagt: Serbia is open for business – Serbien ist offen für Geschäfte.
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