Serbien ist für Schweizer Firmen ein hochattraktiver ICT-Standort. Es gibt laut der Schweizerisch-Serbischen Handelskammer einen grossen Pool an exzellent ausgebildeten Ingenieuren, deutlich niedrigere Lohn- und Betriebskosten, eine in Hinblick auf Firmengründungen minimale Bürokratie, welche Firmengründungen unkompliziert macht, eine – im ICT-Bereich – westlich geprägte Arbeitsmentalität –, und es gibt keine Zeitverschiebung. Für schweizerische Firmen zählen jeweils einzelne, besondere Faktoren des Standortes.
Aktive Mitgestalter und nicht Ausführende
«Der wichtigste Faktor ist aus meiner Sicht die Qualität der Talente», erklärt Dejan Dojcinovic, Director International Locations bei der SMG Swiss Marketplace Group (gehört mit einer Beteiligung zu Ringier, dem Verlag der Handelszeitung) in Zürich. «Die technischen Universitäten in Belgrad, Novi Sad oder Nis bringen sehr gut ausgebildete Ingenieurinnen und Ingenieure hervor, insbesondere in den Bereichen Softwareentwicklung, Data-Engineering und Produktentwicklung.» Für schweizerische Unternehmen komme hinzu, dass Serbien geografisch und kulturell mit einer Flugzeit von achtzig Minuten zwischen Zürich und Belgrad sehr nah ist. «Man hat deutlich weniger Kommunikationshürden als bei klassischen Offshore-Standorten», so Dojcinovic weiter.
Ein weiterer Vorteil ist laut Dojcinovic die internationale Erfahrung vieler Fachleute. «Die Zusammenarbeit erfolgt meist auf Englisch, und die Arbeitsweise ist stark an westeuropäische Standards angepasst», so Dojcinovic. Ein oft unterschätzter Vorteil sei zudem die Kultur der Zusammenarbeit: Serbische Ingenieure verstehen sich in der Regel nicht als reine Ausführende, sondern als aktive Mitgestalter – sie hinterfragen Anforderungen, denken mit und bringen eigene Ideen ein – eine Eigenschaft, die insbesondere bei komplexen Technologieprojekten einen grossen Mehrwert schafft. «Aus meiner Erfahrung funktioniert Nearshoring am besten, wenn man nicht in klassischen Auftraggeber-Dienstleister-Strukturen denkt», so Dojcinovic. «Erfolgreiche Unternehmen integrieren ihre Nearshore-Mitarbeitenden vollständig in ihre Organisation, schaffen gemeinsame Prozesse, gemeinsame Ziele und eine gemeinsame Unternehmenskultur.»
Heute gehe es weniger um reines Kostensparen als noch vor zehn Jahren. «Unternehmen suchen Zugang zu Talenten, die auf dem lokalen Markt schwer verfügbar sind», stellt der Fachmann fest. Das Land biete hier ein attraktives Verhältnis zwischen Qualität, Verfügbarkeit und Kosten. Dojcinovic sieht allerdings auch einige Herausforderungen, wie den zunehmenden Wettbewerb um qualifizierte Fachkräfte. «Der IT-Sektor ist stark gewachsen, wodurch die Gehälter in den letzten Jahren deutlich gestiegen sind.» In kaum einem anderen Land sei die Schere zwischen IT-Gehältern und Einkommen anderer Berufsgruppen so deutlich sichtbar wie in Serbien. Eine weitere Herausforderung ist die begrenzte Grösse des Arbeitsmarktes. «Serbien ist mit rund 6,6 Millionen Einwohnern noch kleiner als die Schweiz, entsprechend ist auch der verfügbare Talentpool begrenzt», sagt Dojcinovic. Unternehmen müssten deshalb langfristig denken und gezielt in Mitarbeiterentwicklung und Arbeitgeberattraktivität investieren.
Keine separaten Teams
«Ich gehe davon aus, dass Serbien seine Rolle als IT-Hub weiter ausbauen wird», erklärt Dojcinovic. Besonders viel Potenzial sieht er in den Bereichen AI und Robotics. Viele Unternehmen würden dort nicht mehr nur Entwicklungsressourcen aufbauen, sondern ganze Kompetenzzentren etablieren. «Statt externer Lieferanten werden wir zunehmend verteilte, internationale Teams sehen, die gemeinsam an Produkten arbeiten und organisatorisch kaum noch zwischen Hauptsitz und Nearshore-Standort unterscheiden», sagt Dojcinovic. Dieser Trend ist bereits heute deutlich erkennbar: Viele Unternehmen, die ursprünglich mit externen Dienstleistern in Serbien gestartet sind, bauen inzwischen eigene Niederlassungen vor Ort auf und integrieren die dortigen Mitarbeitenden vollständig in ihre Organisation, ihre Prozesse und die Unternehmenskultur.
Bei Digitec Galaxus, dem grössten schweizerischen E-Commerce-Unternehmen, arbeiten rund zehn Personen aus dem Product-Development (PD) von Belgrad aus. «In der Schweiz arbeiten in den entsprechenden Abteilungen mehr als vierhundert Personen», erklärt Sprecher Daniel Borchers. Die Teams arbeiten interdisziplinär und international, es gebe kein rein serbisches Team. Alle Abteilungen arbeiten auf die eine oder andere Weise bereits mit KI-Unterstützung oder arbeiten daran, KI-gestützte Features für die Kundschaft zu erstellen. Zu einer Neuverlagerung der Arbeiten an den Standorten führt dies laut Borchers nicht.
«Da wir in Belgrad schon vor der Einstellung der PD-Teammitglieder Mitarbeitende des Customer-Service und des Category-Managements beschäftigt hatten, stand die Infrastruktur bereits, und wir konnten neue Kolleginnen und Kollegen problemlos einarbeiten und arbeiten remote sehr gut zusammen», beschreibt Borchers den Alltag. «So, wie wir es auch im Marketing oder Category-Management mit Kolleginnen und Kollegen in Deutschland machen.» Eine Herausforderung für Digitec Galaxus ist, dass man in Serbien als Arbeitgeber eher unbekannt ist und keinen Onlineshop betreibt. «Daher ist die Rekrutierung passender PD-Fachkräfte deutlich schwieriger als in der Schweiz», so Borchers. «Aktuell sind wir mit der Aufstellung zufrieden», sagt der Digitec-Sprecher weiter. «In Belgrad suchen wir derzeit vor allem Verstärkung im Customer-Service. Unser Hauptentwicklungsstandort ist Zürich, wo wir aktuell auch PD-Mitarbeitende suchen.»