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High Potential

Die Kunst fliegt mit zum Mond

Bei der Erschliessung des Weltraums mischen die Künstler mit. Sie schicken Kunst in den Orbit, beschäftigen sich mit Macht, Rohstoffen und menschlicher Expansionslust.

Brigitte Ulmer

Raphael Hefti, «Sternstaubgewürfel-Starmix», 2024, 150 Röhren aus Silikatglas, gefüllt mit natürlichen Edelgasen, 1200 x 50 x 50 cm, 555 kg.
Raphael Hefti, «Sternstaubgewürfel-Starmix», 2024, 150 Röhren aus Silikatglas, gefüllt mit natürlichen Edelgasen, 1200 x 50 x 50 cm, 555 kg.Raphael Hefti

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Am 22. Mai 1993 startete vom kasachischen Kosmodrom Baikonur ein unbemanntes Versorgungsschiff in den Orbit. Zwischen Lebensmitteln, Treibstoff, Ersatzteilen und wissenschaftlicher Ausrüstung flog etwas völlig Nutzloses mit: die Aluminiumskulptur «Cosmic Dancer» des schweizerisch-amerikanischen Künstlers Arthur Woods, rund 35 Zentimeter gross und 1 Kilogramm schwer. Als die Kosmonauten sie auf der russischen Raumstation Mir auspackten und losliessen, genügte ein kleiner Stoss, und sie begann um sich selbst zu rotieren wie ein Luftballon. Woods wollte damit erkunden, was aus einer Skulptur wird, wenn ihr wichtigstes Gesetz, die Statik, nicht mehr gilt: Sie wurde zum tanzenden Körper.
Jack H. Madden
Jack H. Madden, «Lunar Sample Return 1 (LSR-1)», 2025, Mondmeteorit, Photopolymerharz.Jack H. Madden
Jack H. Madden
Jack H. Madden, «Lunar Sample Return 1 (LSR-1)», 2025, Mondmeteorit, Photopolymerharz.Jack H. Madden
33 Jahre später soll erneut ein Kunstprojekt zum Mond fliegen. Der amerikanische Astrophysiker und Künstler Jack H. Madden schickt ein kleines Gesteinsfragment dorthin. Es war vor vielen Jahren in Libyen von einem Sammler entdeckt worden und wurde – nach vielen Umwegen durch Forschungsinstitute – an der University of New Mexico als lunaren Ursprungs verifiziert. Das Gestein hatte zuvor Milliarden Jahre lang auf dem Mond geruht, bevor es, durch einen Asteroideneinschlag herausgeschleudert, auf der Erde landete.

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Rohstoffausbeutung wird thematisiert

Nun bringt Madden es an seinen Ursprung zurück. Sein «Lunar Sample Return 1 (LSR-1)» ist eine Performance mit politischem Unterton: «Ich hoffe, dass dieses Fragment Mondstaub ein symbolischer Bezugspunkt für weitere Gespräche darüber sein kann, wie wir mit ausserirdischem Land respektvoll umgehen wollen und wie die Zukunft des Mondes aussehen soll», sagt Madden.
Madden gehört zu einer neuen Generation von Künstlern, für die der Weltraum nicht mehr nur Motiv, sondern auch Material und Schauplatz ihrer Arbeit ist. Es geht um Materialien, Besitz und Macht – und darum, was hinter der glänzenden Oberfläche der neuen Raumfahrt steckt.
Dass die kommerzielle Expansion in den Orbit mit Ausbeutung von Rohmaterialien zusammenhängt, führen die Kongo Astronauts vor Augen. Das 2013 in Kinshasa gegründete Künstlerkollektiv lässt einen Astro-nauten durch die Stadt ziehen: in einem Raumanzug aus elektronischen Bauteilen, Kabeln und Antennen. Michel Ekeba, der die Figur verkörpert, kauft die Teile auf Märkten in Kinshasa. Der Astronaut trägt damit buchstäblich die materiellen Kosten der digitalen Zukunft auf dem Körper. Er steht für Aufbruch und technischen Fortschritt – und zugleich für die Rohstoffe, Abfälle und globalen Machtverhältnisse, auf denen dieser Fortschritt beruht.

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Kongo Astronauts
Kongo Astronauts
Untitled [-5], 2021-2022
SCrashed_Capital.exe series
Digital photograph
© Kongo Astronauts, courtesy Axis Gallery, New York.
Kongo Astronauts, Untitled, 2021–2022, Scrashed Capital Series.Kongo Astronauts
Kongo Astronauts
Kongo Astronauts
Untitled [-5], 2021-2022
SCrashed_Capital.exe series
Digital photograph
© Kongo Astronauts, courtesy Axis Gallery, New York.
Kongo Astronauts, Untitled, 2021–2022, Scrashed Capital Series.Kongo Astronauts
Künstler beschäftigen sich schon lange mit der Frage, welche Beziehung wir zum Himmel haben. James Turrell machte ihn zum Wahrnehmungsraum, Olafur Eliasson übersetzte kosmische Phänomene in körperliche Erfahrungen, Sylvie Fleury nahm mit ihren bonbonfarben lackierten oder mit Kunstfell überzogenen Raketen den männlichen Mythos der Eroberung des Alls auseinander.
Sylvie_Fleury_Spaceship
Sylvie Fleury (*1961)
First Spaceship On Venus (Pink Champagne), 2021
Glasfaser, Lackfarbe mit Glitzer
Objektmass: 340 x 120 x 120 cm
Kunsthaus Zürich, Vereinigung Zürcher Kunstfreunde, 2021
Sylvie Fleury, «First Spaceship on Venus (Pink Champagne)», 2021, Glasfaser, Lackfarbe mit Glitzer, 340 x 120 x 120 cm.Silvie Fleury
Sylvie_Fleury_Spaceship
Sylvie Fleury (*1961)
First Spaceship On Venus (Pink Champagne), 2021
Glasfaser, Lackfarbe mit Glitzer
Objektmass: 340 x 120 x 120 cm
Kunsthaus Zürich, Vereinigung Zürcher Kunstfreunde, 2021
Sylvie Fleury, «First Spaceship on Venus (Pink Champagne)», 2021, Glasfaser, Lackfarbe mit Glitzer, 340 x 120 x 120 cm.Silvie Fleury
Der Schweizer Künstler Raphael Hefti holt den Kosmos sogar auf die Erde. Für «Sternstaubgewürfel-Starmix» füllte er 150 Glasröhren mit natürlichen Edelgasen und lässt sie nun in allen Farben aufleuchten. 12 Meter lang zieht sich sein schimmernder Strom durch das Treppenhaus des Kinderspitals Zürich.

Hundert Kunstwerke für den Mond

Die niederländische Moon Gallery Foundation will Kunst ins All und schliesslich auf den Mond bringen. Dafür sammelt sie winzige Kunstwerke, die jeweils in einen Würfel von nur einem Kubikzentimeter passen. Ihr Plan ist eine Sammlung von hundert Kunstwerken, die dauerhaft auf dem Mond bleiben soll – eine kulturelle Zeitkapsel, die festhält, wie die Menschheit am Beginn ihrer Ausbreitung ins All über sich selbst, ihre Welt und ihre Zukunft dachte.
Auch die Kongo Astronauts sind inzwischen Teil dieser Mondmission. Für Moon Bound, die nächste Mondmission der Moon Gallery, haben sie «Tantalum Ring» geschaffen. Der Titel verweist auf Tantal, einen Rohstoff, der für die Elektronikindustrie unverzichtbar ist. Es geht um die Frage: Welche Geschichten von Ausbeutung und Abhängigkeit nehmen wir mit, wenn wir ins All aufbrechen?

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Während die Raumfahrt auf dem Mond nach Wasser, Rohstoffen und neuen Geschäftsfeldern sucht, stellt die Kunst eine andere Frage: Was wollen wir eigentlich von uns auf dem Mond hinterlassen? Der Mond wird damit zum Spiegel dessen, wie wir mit unserer eigenen Welt umgehen.

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