Abo
ETH Space

«Die Schweiz ist bereit für den Weltraum»

Professor Richard Kornfeld hat mehr als 25 Jahre bei der Nasa gearbeitet. Seit September 2025 leitet der geborene Zürcher operativ ETH Zürich Space.

Florian Fels

Richard Kornfeld vor dem Omniglobe an der ETH Zürich, der die Oberfläche des Mars zeigt.
Richard Kornfeld vor dem Omniglobe an der ETH Zürich, der die Oberfläche des Mars zeigt.Thomas Meier

Werbung

Herr Kornfeld, wie sind Sie zur Raumfahrt gekommen?

Ich bin in Zürich geboren und aufgewachsen, und habe hier die Matura gemacht. Als Kind habe ich noch die letzten Apollo-Mondlandungen miterlebt, das war ein prägendes Erlebnis und die Raumfahrt hat mich seit damals fasziniert und inspiriert. Meine Mutter hat mir damals alte Elektronikgeräte nach Hause gebracht, die ich auseinandergenommen habe. Ich wusste dann schon sehr früh, dass ich Ingenieur werden wollte. Ich habe dann an der ETH als Elektroingenieur abgeschlossen, da es ein eigentliches Studium für Luft- und Raumfahrt damals noch nicht gab.

Und wie kamen Sie von dort in die USA?

In Sachen Raumfahrt war die Schweiz damals noch nicht besonders weit. Es wurden zwar schon Nutzlastverkleidungen hergestellt, und es gab die Universität Bern, die schon beim Apollo Programm dabei waren – aber sonst war mir eigentlich kein weiterer Bezug zur Raumfahrt bekannt. Ich habe dann per Zufall in einer Studentenzeitung ein Inserat gefunden: McDonnell Douglas, heute Teil von Boeing, suchte Schweizer Ingenieure für ein knapp einjähriges Praktikum in St. Louis. Ich habe mich beworben, wurde einer von zehn Ausgewählten, und so kam ich Mitte der Neunzigerjahre in die USA, wo ich dann später auch promovierte und zum NASA JPL kam.
Zur Person
Richard Kornfeld ist in Zürich geboren und aufgewachsen und hat an der ETH Zürich als Elektroingenieur abgeschlossen. Er promovierte am Massachusetts Institute of Technology (MIT) in Aeronautics and Astronautics und arbeitete anschliessend mehr als 25 Jahre am NASA Jet Propulsion Laboratory (JPL) in Pasadena, unter anderem an den Mars-Missionen Spirit/Opportunity, Phoenix und Curiosity. Seit September 2025 leitet er operativ ETH Zürich Space, das Kompetenzzentrum der ETH für Weltraumforschung, -lehre und -innovation.

Was war für Sie persönlich das grösste Highlight in Ihrer Zeit am JPL?

Landungen auf dem Mars sind immer speziell und emotional, aber der Entwicklungsweg dorthin kann von Mission zu Mission verschieden sein. Am meisten genossen habe ich wohl die Phoenix-Mission – schnell, intensiv, und trotzdem erfolgreich.

Partner-Inhalte

Was ist die wichtigste Lektion aus den Missionen, an denen Sie beteiligt waren?

Es sind nie die Gebäude oder die Computer, die eine Mission gelingen lassen, sondern die Leute, die daran arbeiten – die kombinierte Intelligenz und Teamwork, die diese schwierigen Probleme löst. Am JPL herrscht eine Kultur, in der man sich auf der technischen Ebene brutal ehrlich Feedback gibt, ohne dass das persönlich genommen wird. Und man braucht Durchhaltevermögen: Diese Projekte gehen über Jahre, Startdaten verschieben sich, Budgets fallen weg. Ohne Durchhaltevermögen ist man in diesem Metier fehl am Platz.

Gab es Rückschläge?

Die gibt es immer. Nach zehn Jahren am JPL bin ich einmal zu meinem Mentor gegangen, einem sehr erfahrenen Ingenieur, der schon an den Viking-Missionen (die ersten US-Landungen auf dem Mars überhaupt) gearbeitet hatte, und habe ihm vorgerechnet: Von meinen ersten zehn Jahren sind gut die Hälfte in Projekte geflossen, die gestrichen wurden. Er schaute mich an und sagte ich dürfe mich glücklich schätzen, das sei eine sehr gute Quote. Solche Rückschläge gehören einfach zum Geschäft.

Was hat sich für Sie in Zürich geändert, nachdem Sie zuvor lange beim Nasa Jet Propulsion Laboratory (JPL) in Kalifornien gearbeitet hatten?

Die Arbeit hier ist viel vielseitiger. Am JPL hatte ich den Luxus, mich oft rein auf die technische Missionsarbeit oder die Mitarbeiterführung konzentrieren zu können – die Finanzierung und das Aufgleisen eines Projekts liefen auf einer ganz anderen, höheren Ebene, mit der Nasa im Hintergrund. Hier bei ETH Zürich Space sind wir für alles zuständig: Finanzierung organisieren, Projekte verkaufen, Implementierung, alles. Dafür kann ich buchstäblich alles einbringen, was ich in meiner bisherigen Karriere gelernt habe.

Werbung

In welcher Phase ist ETH Zürich Space?

Wir sind ganz klar im Aufbau. Professor Thomas Zurbuchen, der frühere Wissenschaftsdirektor der Nasa und heutige akademische Direktor von ETH Zürich Space, hat vieles bereits aufgegleist, bevor ich kam. Wir haben aktuell fünf Einheiten. Die erste ist unser Masterstudiengang Space Systems, der Ingenieurinnen und Ingenieure ausbildet, die ganze Missionen als System konzipieren können – von der Flugbahn über den Satelliten oder Rover, Instrumente bis hin zu einzelnen Subsystemen, die alle im Verbund funktionieren müssen. Unser Ziel ist, eines der besten Space-Masterprogramme Europas zu werden.

Und die anderen vier Einheiten?

Research, das ist im Kern unser Project & Innovation Hub; er hat das Ziel, die Zahl der Flugmöglichkeiten für Forschende im Schweizer Ökosystem zu erhöhen, sowohl für wissenschaftliche Experimente als auch für Technologiedemonstrationen. Wenn Forschende ein neues Instrument haben, aber nicht wissen, wie man daraus eine Mission macht, helfen wir bei der technischen Machbarkeit und beim Projektantrag für ESA, Nasa oder Stiftungen.

Können Sie ein Beispiel nennen?

Ein neues, nachhaltigeres Material aus der Industrie haben wir innert ein paar Monaten zu einem kleinen Weltraumexperiment zusammengestellt – im Dezember geht es zur ISS, wird aussen montiert und sechs Monate getestet.

Werbung

Welche Bereiche gibt es noch?

Entrepreneurship & Industry Collaboration und insbesondere unser «Startup-Incubator» im Auftrag der ESA sollen als Katalysator für Unternehmertum im Weltraumbereich wirken und Synergien im Ökosystem der Schweiz, Europas und darüber hinaus maximieren. Und das ETH Swiss Geolab, seit letztem Jahr mit 100 Millionen Franken über zehn Jahre von einer Stiftung finanziert, soll die riesigen, bisher kaum integrierten Erdbeobachtungsdaten in praktische Lösungen mit wirtschaftlichem Wert übersetzen und die drängendsten Herausforderungen der Schweiz adressieren – zum Beispiel Naturgefahren in den Alpen. Als fünfte Einheit von ETH Space soll das «Life Space Mission»-Programm die Schweiz an die Spitze der Exoplanetenerforschung bringen. Zuerst mit Vorgängermissionen, die die dazu notwendigen Technologien vorab testen, und dann mit einer Flaggschiffmission, die bewohnbare Welten aufspüren und nach Lebenszeichen suchen kann.

Sie haben sich viel vorgenommen.

Wir arbeiten zudem eng mit anderen Forschern der ETH zusammen, etwa mit dem Robotic Systems Lab (RSL), das bei laufenden Vierbeinerrobotern weltführend ist – auch damit wollen wir wegkommen von der reinen Zulieferermentalität und hin zu ganzen Systemen: einem eigenen Schweizer Satelliten, einem Schweizer Roboter auf dem Mond. Wir möchten aber auch mit anderen Schweizer Lehr- und Forschungsinstitutionen sowie mit der breiteren Schweizer Raumfahrtindustrie, einschliesslich neuer Start-ups, zusammenarbeiten, um unsere ambitionierten Ziele zu erreichen.

Werbung

Wie schätzen Sie die Schweizer Space-Economy im internationalen Vergleich ein?

Nach meiner Rückkehr habe ich eine Art «Tour de Suisse» gemacht, um mich mit dem heutigen Space-Ökosystem vertraut zu machen, und war positiv überrascht: Im Vergleich zu früher gibt es heute sehr viel mehr Dynamik im Space-Bereich, sehr viel mehr Begeisterung, eine echte Can-do-Mentalität – gerade bei den Studierenden und Jungunternehmern. Das hängt sicher auch mit New Space zusammen – Space X, Blue Origin und Co., die alles unkonventionell angehen. Das färbt ab, auch auf die Schweiz.

Wo sehen Sie die grösste Herausforderung?

Die Schweiz hat als ESA-Gründungsmitglied traditionell einen Grossteil ihrer für die Raumfahrt reservierten Ressourcen zum ESA-Budget beigetragen, das über den Geo-Return-Mechanismus in Schweizer Projekte zurückfliesst. Dieses Modell war richtig und wichtig, solange sich Europa nur gegen die Grossmächte im Kalten Krieg behaupten musste. Es hat weiterhin seine Berechtigung für die ganz grossen Missionen. Aber durch New Space kann man sich heute für vergleichsweise wenig Geld einen Satelliten bauen und ihn starten lassen – man muss nicht mehr zwingend im grossen europäischen Verbund agieren. Die alte Annahme, die Schweiz sei zu klein dafür, stimmt schlicht nicht mehr. Die Schweiz ist in Sachen Raumfahrt in vielerlei Hinsicht nicht mehr zu klein - sie ist bereit für den Weltraum.

Werbung

Was heisst das genau?

Ich bin der Meinung, dass das bestehende Modell ergänzt werden muss: Andere ESA-Mitglieder haben zusätzlich eigene nationale Programme, für die sich Institutionen direkt bewerben können – agiler und schneller als über die ESA mit ihren notwendigerweise etablierten, aber langsameren Prozessen. Mir geht es nicht um eine eigene Weltraumagentur, sondern um mehr Autonomie und Agilität für Schweizer Projekte. Auch die Armee, die sich zunehmend mit dem Thema Weltraum befassen muss, könnte hier in Zukunft ein zusätzlicher Auftraggeber werden.

Welche Entwicklung finden Sie aktuell am spannendsten?

Nicht eine einzelne Technologie, sondern der generelle Trend zur Demokratisierung des Weltraumzugangs. Space X hat mit der wiederverwendbaren Falcon-9-Erststufe die Startkosten fundamental verändert – die Stufe landet und ist bereits nach relativ kurzer Zeit wieder einsatzbereit. Man kann heute in Europa einen kleinen, weitgehend fertigen Satellitenbus kaufen, die eigenen Instrumente einbauen und loslegen – für einen tiefen zweistelligen, teils sogar einstelligen Millionenbetrag, je nach Grösse. Das ist ein Gamechanger, den Elon Musk mit Abstand am stärksten vorangetrieben hat, auch wenn inzwischen Firmen wie Rocket Lab schnell nachziehen.

Was hat Sie an der ETH am meisten überrascht?

Die Offenheit und Eigeninitiative der Studierenden. Da kommen Studenten auf mich zu und erzählen, sie haben eine Organisation gegründet und bauen einen Mars-Rover für einen europäischen Wettbewerb. Oder es gibt seit einigen Jahren eine Studentenorganisation, die Raketen für Wettbewerbe baut. Diese Energie habe ich als Student selbst nicht erlebt.

Werbung

Gibt es einen Karriereschritt, den Sie rückblickend besonders empfehlen würden?

Ich bin in meiner Karriere gelegentlich bewusst einen Schritt zurückgegangen, um danach einen grösseren Schritt vorwärtszumachen. Nach mehreren gestrichenen Projekten bin ich einmal zu meiner Vorgesetzten gegangen und habe gesagt: Bring mich auf das Mars-Exploration-Rover-Projekt (Spirit & Opportunity Rover), auch wenn ich dort nur den Boden fegen muss. Ich war für die Stelle, die ich dann bekam, mit meinem PhD überqualifiziert – das war mir egal. Ich wollte einen Fussabdruck im Mars-Bereich, denn sobald man einmal in einem Mars-Projekt mitgearbeitet hat und die Leute kennt, öffnet sich die Tür zum nächsten leichter. Man muss manchmal bereit sein, ein kleinerer Fisch zu sein, um in einem neuen Umfeld wieder wachsen zu können.

Werden wir in unserer Lebensspanne noch Menschen auf dem Mars sehen?

Wenn, dann dank Elon Musk. Ich glaube, in den nächsten zwanzig Jahren gibt es eine Chance dafür – oder eben etwas später.
Über die Autoren

Relevante Themen

Werbung