Der britische Autor und Zukunftsforscher Arthur C. Clarke schrieb 1962: «Jede hinreichend fortgeschrittene Technologie ist von Magie nicht zu unterscheiden.» Von wiederverwendbaren Raketen bis hin zu KI-Systemen: Das vergangene Jahrzehnt hat Momente beschert, die magisch anmuten.
Wirklich erstaunlich ist heute, wo diese Magie zu finden ist. Zum ersten Mal werden viele dieser transformativen Technologien von Unternehmen entwickelt, die deutlich länger privat bleiben als früher. Einige dieser Firmen haben bereits eine beispiellose Grösse erreicht. Diese Entwicklung hat zur Entstehung von Mega-Cap-Unternehmen im ungelisteten Markt geführt. 2012 wiesen die fünf grössten börsenkotierten Unternehmen der Welt zusammen eine Marktkapitalisierung von rund 1,6 Billionen Dollar auf. Heute werden die fünf grössten privaten Technologieunternehmen – Space X, Open AI, Bytedance, Anthropic und Databricks – gemeinsam auf rund 2,1 Billionen Dollar geschätzt.
Spannende Firmen an unerwarteten Orten
Viele Investoren sind bereits an mehreren dieser Unternehmen beteiligt, was häufig eine zentrale Frage aufwirft: Werden diese Firmen überhaupt noch an die Börse gehen? Und was passiert, wenn ein Unternehmen dieser Grössenordnung tatsächlich ein Listing wagt? Private Märkte stellen heute das Primärkapital bereit, das früher von den öffentlichen Märkten monopolisiert wurde. Selbst Sekundärliquidität, traditionell das Terrain von Börsengängen, verändert sich zunehmend. Private-Tender-Angebote oder Aktienrückkäufe werden immer häufiger. In den Jahren 2023 und 2024 haben Databricks und Stripe zusammen mehr Sekundärkapital aufgenommen als der gesamte US-Tech-IPO-Markt. Diese Entwicklung wirft grundlegende Fragen auf: Wenn private Märkte sowohl Primär- als auch Sekundärkapital bereitstellen können, welche Rolle werden öffentliche Märkte künftig noch spielen? Für die grössten Unternehmen bleiben Börsengänge zwar unvermeidlich, allein um Liquidität in grossem Umfang zu schaffen. Doch die Dimension solcher Listings dürfte alles bisher Gesehene übertreffen. Nimmt man beispielsweise Space X: Würde das Unternehmen nur 10 Prozent seiner Aktien zu aktuellen Bewertungen an die Börse bringen, entspräche dies einem IPO im Umfang von rund 80 Milliarden Dollar – deutlich mehr als der bisherige Rekord von Alibaba mit 25 Milliarden Dollar im Jahr 2014. Die Kapitalmärkte betreten damit Neuland.Nach der Frage «Wann gehen diese Firmen an die Börse?» folgt meist sofort die nächste: Befinden wir uns in einer KI-Blase? Die Antwort hängt davon ab, an welcher Stelle man künstliche Intelligenz im sogenannten Gartner-Hype-Zyklus einordnet. Die Bewertungen sind zweifellos hoch. Während einige Unternehmen ihre hohen Preise rechtfertigen werden, gilt das nicht für alle.Gerade deshalb ist eine sehr selektive Titelauswahl entscheidend – mit Fokus auf Wettbewerbsvorteilen, Unternehmenskultur und skalierbaren Geschäftsmodellen. Wer sich jedoch ausschliesslich auf KI konzentriert, läuft Gefahr, andere Chancen zu übersehen. Denn während enorme Kapitalströme in den KI-Sektor fliessen, bleiben attraktive Möglichkeiten in anderen Bereichen oft unbeachtet.Einige der spannendsten Wachstumsunternehmen entstehen derzeit an unerwarteten Orten. Beispiele sind Mottu in Brasilien, das Selbstständigen über Motorradvermietungen Zugang zu Einkommen ermöglicht, oder Bending Spoons aus Italien, das Konsumenten-Apps neu belebt. Diese Unternehmen verbinden solide Fundamentaldaten mit Bewertungen, die nur einen Bruchteil derjenigen vieler KI-Unternehmen ausmachen.
Zahlreiche interessante Unternehmen
Einige der vielversprechendsten privaten Wachstumsunternehmen sind bereits bekannte Namen mit enormem Potenzial, etwa Stripe, Space X oder Anthropic. Die Herausforderung besteht hier weniger darin, sie zu entdecken, sondern Zugang zu ihnen zu erhalten. Solche Unternehmen wirken beim Einstieg selten günstig, weshalb die Überzeugung auf aussergewöhnlichem Wachstum und Beständigkeit beruhen muss. Stripe etwa erschien bei unserem Einstieg im Jahr 2019 vielen Beobachtern unerschwinglich. Seither ist der Umsatz jedoch um rund 500 Prozent gewachsen. Daneben gibt es zahlreiche innovative Unternehmen, die kaum jemand kennt. Ihnen fehlt zwar oft die öffentliche Aufmerksamkeit, doch sie überzeugen durch disziplinierte Kapitalallokation und vergleichsweise moderate Bewertungen. Firmen wie Wise, Tempus und Wayve waren kaum bekannt, als wir erstmals investierten, könnten aber eines Tages ebenfalls zu sehr bekannten Namen werden. Auch Unternehmen wie Bending Spoons, Avanci oder Tekever könnten künftig stärker in den Fokus rücken. Von Fintech über Mobilität bis hin zu Unternehmenssoftware ist das Spektrum der Chancen breit. Erfolgreich werden jene Investoren sein, die Neugier mit Überzeugungskraft verbinden.Private-Growth-Investing ist längst keine Nische mehr. Aktuell entsteht die nächste Generation transformativer Unternehmen. Für Investoren verschieben sich daher die zentralen Fragen. Es heisst deshalb nicht mehr nur «Wann gehen diese Firmen an die Börse?» oder «Ist künstliche Intelligenz überbewertet?», sondern auch: «Wo verbirgt sich die nächste Innovationswelle?»
Der Autor Peter Singlehurs ist Head of Private Companies bei Baillie Gifford.