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Wirtschaftsraum Baden

«Innovation und Zukunftsorientierung sind in Baden tief in der DNA»

ABB-Schweiz-Chefin Nora Teuwsen über den Innovationsstandort Baden und die Kraft der Industriegeschichte.

Jasmine Alig

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«Es liegt uns am Herzen, gerade der nächsten Generation zu zeigen, was wir tun», erklärt ABB-Schweiz-Chefin Nora Teuwsen. Andrea Camen

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ABB und Baden sind seit über 130 Jahren unzertrennlich. Wenn Sie heute durch die Stadt gehen: Spüren Sie diesen speziellen «Industriepuls» noch, oder ist Baden für Sie längst mehr Digital-Hub als Fabrikstadt?

Das Flair hat sich verändert. Die Arbeiterströme, die man von den alten Schwarz-Weiss-Fotos kennt, gibt es nicht mehr, aber die Identität ist geblieben. Heute widmen sich die Leute eher analytischen und planerischen Aufgaben in Bürohochhäusern. Dennoch produzieren wir hier in Baden immer noch – etwa in unserer Batteriespeicherfabrik direkt im Gebäude unseres Hauptsitzes. Das schafft eine sehr enge Verbindung zum Produkt. Selbst das alte Glockenhäuschen, das früher den Schichtwechsel einläutete, steht noch und erinnert an diesen Puls.

Spüren Sie diesen Innovationsgeist auch ausserhalb der ABB-Mauern?

Absolut. Man spürt eine aussergewöhnliche Aufbruchsstimmung und Offenheit der Stadt, gemeinsam in die Zukunft zu gehen. Am Ende sind es die Menschen, die bewegen: Innovation und Zukunftsorientierung sind hier in Baden wirklich tief in der DNA. Das ist mir so richtig bewusst geworden, seit ich hier arbeite. Dieser Drang, wirklich etwas zu gestalten, ist tief verwurzelt.

Die Initiative «Baden 4.0» setzt auf Vernetzung. Wo sehen Sie die grösste Hebelwirkung, um Baden zum internationalen Vorzeigeprojekt zu machen?

Der Schlüssel ist der Wissensaustausch über unterschiedliche Bereiche hinweg. Diversität ist hier entscheidend. Das Konzept des Clusters funktioniert, wie das Silicon Valley im Tech-Bereich oder der Grossraum Basel für Pharma zeigen. Baden prägt historisch die Elektrotechnikkompetenz. Wenn wir dieses Cluster weiterentwickeln und befruchten, wird Baden zum Vorreiter.

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Digitalisierung ist das Herz von Baden 4.0. Wie smart muss die Infrastruktur einer Stadt wie Baden werden, um CO2-neutral zu agieren?

Das liegt in der Expertise der Stadt. Wobei Energieeffizienz und Automatisierung das Kerngeschäft von ABB sind. Als Unternehmen wollen wir bis 2050 selbst Netto-null-Emissionen erreichen – das ist für uns etwas einfacher umzusetzen als für ein politisches Gemeinwesen. Wir können Baden und unsere Kunden mit Software zur Energieverbrauchsoptimierung, Gebäudeautomation und Messtechnik auf diesem Weg begleiten.

Welche Rolle spielt die am Standort Baden entwickelte Leistungselektronik für die globale Energiewende?

Untersiggenthal bei Baden ist der grösste Standort der ABB in der Schweiz und zugleich unser globales Kompetenzzentrum für Leistungselektronik. Hier arbeiten rund 1400 Menschen an Lösungen für die ganze Welt – von Batteriespeichern für den öffentlichen Verkehr im australischen Adelaide bis zu Umrichtern für riesige Windturbinen, die Strom für 16 000 Haushalte produzieren. Mit moderner Traktionstechnologie für die Lok-2000-Flotte spart unser Kunde SBB Energie im Umfang des Verbrauchs einer ganzen Kleinstadt ein. Das ist ein sehr schöner Purpose, den unsere Mitarbeitenden haben, denn wir sind wirklich Teil der Lösung.

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Baden atmet Industriegeschichte. Wie nutzen Sie diese Tradition, um die Akzeptanz für neue Technologien in der Bevölkerung und Wirtschaft zu fördern?

Wir sind sehr eng mit der Stadt verbunden und wollen als Unternehmen sichtbar sein, statt uns im «Kämmerchen» zu verstecken. Es liegt uns am Herzen, gerade der nächsten Generation zu zeigen, was wir tun. Ein tolles Beispiel ist das Solarmobilrennen, das wir letzten Sommer gemeinsam mit dem Kindermuseum durchgeführt haben. Ich habe auch an einem Solarmobil mitgebastelt. Über solche Initiativen, aber auch über die Kids Coding Days oder die Mädchen-Technik-Tage machen wir die ABB für junge Menschen greifbar. Das sind die Talente, die wir morgen brauchen.

Zur Person

Nora Teuwsen ist seit August 2022 Vorsitzende der Geschäftsleitung von ABB Schweiz. Zuvor war die Juristin unter anderem Group General Counsel bei den SBB und hier in verschiedenen Führungsfunktionen tätig, insbesondere bei SBB Immobilien.

Was macht den Standort Baden für ABB heute noch zum Place to be für Engineering?

Erstens das über Generationen weitergegebene Erfahrungswissen. Man muss wissen, wie die Dinge funktionieren, um innovativ zu sein. Zweitens das einzigartige Bildungsnetzwerk: die Nähe zur ETH und unser eigenes global vernetztes Forschungszentrum hier mit über hundert Topforscherinnen und -forschern, kombiniert mit der praxisnahen Ausbildung durch Libs, die ABB-Technikerschule, die Berufsfachschule BBB, das Bildungsnetzwerk Aargau Ost und die FHNW. Diese Verbindung von Exzellenz und Praxisnähe ist einzigartig. Zudem sind die Mitarbeitenden hier extrem stolz, für ABB zu arbeiten. Sie haben die Motivation, zu zeigen, dass Schweizer – oder, wenn Sie so wollen, Badener – Qualität ihresgleichen sucht.

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Wie beurteilen Sie das Zusammenspiel zwischen grossen Playern wie ABB und den Start-ups im regionalen Ökosystem?

Es ist ein beidseitiger Gewinn. Wir lernen von der frischen Fehlerkultur und Agilität der Start-ups, während sie von unserem Know-how und Marktzugang profitieren. Ein tolles Beispiel ist das ETH-Spin-off Sevensense: Wir haben deren «künstliche Augen» für Roboter voll integriert. Historisch gesehen war auch Brown, Boveri & Cie. (BBC) ein Start-up, das von der Stadt Baden massiv unterstützt wurde und Land sowie Aufträge erhielt, noch bevor die Fabrik gebaut war. Dieser Gründergeist ist hier immer noch lebendig.

Wie tief ist diese Zusammenarbeit mit Jungunternehmen strategisch verankert?

Mit der ETH und anderen Forschungseinrichtungen arbeiten wir schon seit über zwanzig Jahren zusammen und haben in diesem Kontext zum Beispiel auch den Venture Incubator mitbegründet.

Geht dieses Engagement auch über die Schweiz hinaus?

Natürlich. Die ABB agiert auch global sehr intensiv mit Start-ups. Wir sind momentan sehr mutig darin, Dinge auszuprobieren. Das Ziel ist klar: Wir wollen uns selbst challengen, um gemeinsam Neues zu entwickeln.

ABB ist Gründungsmitglied von BadenEnergy, dem Summit, der Forschung, Engineering und Produktion zusammenbringt. Wie profitiert die Innovationskraft von ABB konkret von diesem Anlass?

Der Summit ist ein Magnet für Talente. Wenn sie sehen, dass man hier Karriere machen kann – sei es bei uns oder in der Nachbarschaft –, zieht das gute Leute an. Der Summit direkt vor unserer Haustür macht diese Dynamik international sichtbar.

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Wenn Sie BadenEnergy in nur drei Worten beschreiben müssten – welche wären das?

Energiekompetent, partnerschaftlich und progressiv.

Wie differenziert sich BadenEnergy von anderen Energie-Summits in Europa?

Es ist keine energiepolitische Debatte über Regulatorien. Es geht um die Dekarbonisierung durch technische Innovation. Zudem soll der Summit nicht nur ein C-Level-Event sein, sondern gezielt auch junge Talente ansprechen.

Beim Summit geht es um Engineering und Produktion. Welche technologische Innovation von ABB wird die Energiewende in den nächsten fünf Jahren am stärksten prägen?

Hocheffiziente Elektromotoren. Die meisten Kraftwerke werden noch mit fossilen Brennstoffen betrieben – sie machen 50 Prozent der globalen Stromproduktion aus. 45 Prozent des weltweiten Stroms werden für den Betrieb von Motoren verbraucht. Wenn wir hier die Effizienz nur um wenige Prozent steigern, hat das globale Skaleneffekte.
Historischer Blick auf die Arbeiterströme bei der BBC. Auch wenn sich das Flair verändert hat – der Innovationsgeist in Baden ist geblieben.
Historischer Blick auf die Arbeiterströme bei der BBC. Auch wenn sich das Flair verändert hat – der Innovationsgeist in Baden ist geblieben.RMS
Historischer Blick auf die Arbeiterströme bei der BBC. Auch wenn sich das Flair verändert hat – der Innovationsgeist in Baden ist geblieben.
Historischer Blick auf die Arbeiterströme bei der BBC. Auch wenn sich das Flair verändert hat – der Innovationsgeist in Baden ist geblieben.RMS

ABB beschäftigt Tausende Menschen in der Region. Inwiefern hilft eine Veranstaltung wie BadenEnergy dabei, die nächste Generation – insbesondere Frauen – für die Industrie zu begeistern?

Es fängt bei der Sichtbarkeit an: Auf dem Summit müssen Frauen mit technischem Hintergrund vorne auf der Bühne stehen. Wir brauchen diese Rollenvorbilder.

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Oft hört man, dass Frauen in technische Berufe zwar einsteigen, aber an die berühmte «gläserne Decke» stossen. Wie sieht das bei ABB konkret aus?

Die Zahlen zeigen bei uns ein anderes Bild. In der Schweiz haben wir einen Frauenanteil von 25 Prozent. Das ist insgesamt zu wenig, aber wir haben eben auch 25 Prozent Frauen in Managementpositionen. Das zeigt: Ein Glass-Ceiling-Effekt ist bei uns in den Zahlen nicht sichtbar – es gibt dort keinen Gap. Wenn Frauen einmal bei uns sind, entwickeln sie sich weiter und bleiben langfristig im Unternehmen. Unser Fokus muss also darauf liegen, mehr Frauen an der Basis zu gewinnen. Das unterstützen wir mit modernen Rahmenbedingungen wie eine grosszügige Remote-Work-Policy, flexible Arbeitsmodelle und Vaterschaftsurlaub, damit Vereinbarkeit von allen gelebt werden kann. Und insbesondere unterstützen wir es natürlich auch mit unserer inklusiven Kultur.

Apropos Talente: Eingangs haben wir das 130-jährige Erbe erwähnt. Ist diese lange Tradition heute eher eine Last oder ein Vorteil bei der Suche nach Mitarbeitenden?

Es ist ein riesiger Wert. Die Menschen sind wie erwähnt extrem stolz, hier zu arbeiten. Kürzlich durfte ich jemanden für fünfzig Jahre Betriebszugehörigkeit ehren. Viele hier haben eine Geschichte zu erzählen, in der schon der Grossvater oder die Tante bei BBC oder ABB gearbeitet hat. Dieses Erbe ist ein Privileg; es schafft eine Verbundenheit, die für den Standort Baden und für uns als Unternehmen das Fundament bildet.

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Das Unternehmen

ABB Schweiz ist ein führendes Technologieunternehmen. Mit rund 4100 Mitarbeitenden an Standorten wie Baden, Schaffhausen oder Untersiggenthal entwickelt und fertigt das Unternehmen Lösungen in den Bereichen Elektrifizierung, Antriebstechnik und Automation. Ein Innovationstreiber ist das ABB-Forschungszentrum in Baden-Dättwil. Die Wurzeln von ABB reichen in der Schweiz bis zur Gründung der Brown, Boveri & Cie. (BBC) im Jahr 1891 in Baden zurück.

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