Aktienmärkte folgen mehrjährigen Megazyklen, in denen meistens ein einzelnes Thema alles überstrahlt. Im vergangenen Jahrzehnt war dies die Dominanz weniger US-Tech-Giganten, die einen Grossteil der Marktrenditen generierten. Doch dieser Trend bricht nun ab. Eine neue Ära aus höherer Inflation, steigenden Zinsen und geopolitischen Spannungen markiert einen langfristigen Wendepunkt, wie er nur alle 10 bis 15 Jahre vorkommt. Das gleichzeitige Aufeinandertreffen transformativer Kräfte sorgt für ein vielfältigeres Umfeld, das eine breitere Marktführung fordert – eine ideale Bühne für global ausgerichtete Bottom-up-Strategien. In diesem neuen Marktumfeld rücken diverse Anlagefelder in den Fokus, die das Potenzial haben, die nächste Phase des globalen Wachstums anzuführen.
Arne Tölsner, Head of Client Group DACH, Capital Group
Künstliche Intelligenz (KI) gilt schon jetzt als disruptivste Technologie unserer Generation. Als Basistechnologie mit weitreichenden Anwendungen und dem Potenzial für erhebliche Produktivitätsgewinne steht sie auf einer Stufe mit der Dampfmaschine, der Elektrizität oder dem Internet. Aktuell liegt der Fokus primär auf dem Halbleiter-Ökosystem und der digitalen Infrastruktur, insbesondere den Cloud-Hyperscalern. Langfristig wird KI voraussichtlich völlig neue Kategorien von Anwendungen hervorbringen, die heute noch schwer vorstellbar sind. Jenseits des Kerntechnologiesektors treten bereits sekundäre Nutzniesser hervor, wobei die Auswirkungen keineswegs gleichmässig positiv sein werden. Dies macht eine sorgfältige Recherche und disziplinierte Bewertungsansätze unerlässlich.Tiefgreifende Veränderungen in der Finanzwelt und Geopolitik ebnen parallel den Weg für eine industrielle Renaissance, angetrieben von einem Investitionszyklus, wie er seit Jahrzehnten nicht mehr zu beobachten war. Traditionelle zyklische Industrieunternehmen könnten zu entscheidenden Wegbereitern der Zukunftswirtschaft werden und sich zu langfristigen Wachstumsunternehmen entwickeln. Akteure in der Luft- und Raumfahrt sowie die Verteidigungsindustrie profitieren dabei von einer vorteilhaften Angebots- und Nachfragedynamik sowie von strukturell höheren Staatsausgaben. Die Elektrifizierung ist ein weiterer starker Treiber, der Dekarbonisierung, Energiesicherheit und digitale Transformation unterstützt. Trends wie Elektro- und autonome Fahrzeuge, Fabrikautomatisierung und der Ausbau von Rechenzentren bieten überzeugende Chancen entlang der industriellen Wertschöpfungsketten.
Auch diese Branchen profitieren
Trotz externer Herausforderungen bleiben viele Analysten hinsichtlich langfristiger Innovationstrends unter anderem auch im Gesundheitssektor optimistisch. Weit verbreitete und lebensverkürzende Krankheiten verfügen nach wie vor über keine wirksamen Behandlungsmöglichkeiten. Durchbrüche in der genomischen Sequenzierung und Datenverarbeitung ermöglichen hier hochgradig zielgerichtete Interventionen und markieren möglicherweise eine dritte Welle der Biopharma-Innovation – darunter RNA-Interferenz, Gentherapie und Genomeditierung. Astrazeneca beispielsweise setzt auf innovative Plattformtechnologien, insbesondere in der Onkologie. Die genetische Ära entfaltet sich damit parallel zur KI, welche die Effizienz in Forschung und Entwicklung verbessern und die Medikamentenentwicklung beschleunigen könnte. Und schlussendlich ist und bleibt der private Konsum ein Thema. Er macht etwa 67 Prozent des globalen BIP aus und verstärkt damit die Auswirkungen demografischer Veränderungen, technologischer Fortschritte und sich wandelnder Lebensstile. Der Aufstieg der Erlebnisökonomie spiegelt eine Verlagerung hin zu immateriellen Erlebnissen wider und begünstigt wiederkehrende Umsatzströme sowie Preissetzungsmacht. Gleichzeitig verändert die zunehmende Verbreitung von Online- und Mobile-Diensten den Einzelhandel grundlegend. So nutzen E-Commerce-Plattformen immer öfter Datenanalysen und skalierbare Logistik, um Kundenbindung zu stärken und Markteintrittsbarrieren zu erhöhen. Das wachsende Gesundheitsbewusstsein und Nachhaltigkeitsaspekte prägen hier zum Beispiel die Ernährungsgewohnheiten. Die kommenden Jahre könnten daher für Firmen wie Nestlé ein breiteres und vielfältigeres Anlageumfeld bieten als zuletzt. Nun gilt es also, Strategien zu identifizieren, die strukturellen Veränderungen erfolgreich zu navigieren und gleichzeitig den eigenen Anlagezielen treu zu bleiben.