Regierungen, Investoren und Unternehmen diskutieren seit Jahren über die Notwendigkeit, die Infrastruktursysteme zu modernisieren, um eine widerstandsfähigere und kohlenstoffärmere Wirtschaft zu schaffen. Die erforderlichen Technologien stehen zunehmend zur Verfügung, institutionelles Kapital ist nach wie vor reichlich vorhanden, und die Anforderungen an Elektrifizierung, Energiesicherheit und resiliente Lieferketten nehmen weiter zu. Dennoch gelingt es vielen Technologien, die künftig die Infrastruktur tragen sollen, nicht, über die Pilotphase hinaus zu skalieren und den kommerziellen Einsatz zu erreichen. Das Problem ist kein Mangel an Innovation oder Investoreninteresse. Vielmehr besteht eine strukturelle Schwäche in der Art und Weise, wie Kapitalmärkte Infrastrukturinnovationen finanzieren. Sie sind äusserst effektiv bei der Finanzierung früher Entwicklungsphasen durch Risikokapital und effizient bei der Finanzierung etablierter Infrastrukturanlagen mit stabilen Cashflows. Dazwischen liegt jedoch eine Finanzierungslücke – die sogenannte «Missing Middle».
Der Autor
David Cooper, Leiter Infrastruktur-Anleihen EMEA und Australien, IFM Investors
Es braucht stabile Cashflows
Diese betrifft Projekte mit einem Kapitalbedarf von rund 50 bis 300 Millionen US-Dollar. Für Risikokapitalgeber sind sie häufig zu kapitalintensiv und betrieblich komplex, für institu-tionelle Infrastrukturinvestoren hingegen noch nicht ausreichend ausgereift. Infolgedessen schaffen es Technologien, welche die industrielle Widerstandsfähigkeit stärken, die Energiesicherheit verbessern oder die Wettbewerbsfähigkeit erhöhen könnten, oft nicht von der erfolgreichen Demonstration in den grossflächigen Einsatz. Besonders sichtbar wird diese Herausforderung bei Infrastrukturtechnologien der nächsten Generation wie nachhaltigen Treibstoffen, Netztechnologien, CO₂-Abscheidung, Energiespeicherung oder fortschrittlichen Materialien. Viele dieser Lösungen haben ihre technische Machbarkeit bereits unter Beweis gestellt. Entscheidend ist nun, ob sie unter realen Betriebsbedingungen im industriellen Massstab zuverlässig funktionieren – mit belastbaren Lieferketten, kalkulierbaren Baukosten und Ertragsprofilen, die institutionellen Investoren die notwendige Sicherheit bieten. Investoren müssen nicht nur wissen, dass eine Technologie funktioniert. Sie müssen darauf vertrauen können, dass daraus über Jahrzehnte stabile Cashflows entstehen. Pensionskassen, Versicherer und Infrastrukturfinanzierer investieren in langfristige, berechenbare Anlagen. Viele Projekte gelangen jedoch noch immer mit ungelösten Baurisiken, unausgereiften Lieferketten, unsicheren Nachfrageprofilen oder sich wandelnden regulatorischen Rahmenbedingungen an den Markt. Hier zeigt sich das Missverhältnis zwischen verfügbarem Kapital und verbleibenden Risiken. Venture-Capital-Investoren können die hohen Investitionen für den industriellen Hochlauf häufig nicht finanzieren, während institutionelle Anleger erst investieren, wenn wesentliche Entwicklungs- und Betriebsrisiken bereits reduziert wurden. Dadurch bleiben viele Technologien zwischen erfolgreicher Demonstration und vollständiger Kommerzialisierung stecken.
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Nun sind Privatinvestoren gefragt
Um diese Lücke zu schliessen, braucht es eine engere Zusammenarbeit zwischen Investoren, Industrie, Ingenieurpartnern und auch der Politik. Bau-, Beschaffungs- und Betriebsrisiken müssen früher adressiert werden, statt erst dann, wenn Projekte institutionelles Kapital benötigen. Ebenso entscheidend ist die Nachfrage. Investoren akzeptieren durchaus technische oder bauliche Risiken, wenn langfristige Erträge absehbar sind. Wesentlich schwieriger ist eine Finanzierung, wenn die spätere Nachfrage ungewiss bleibt. Deshalb gewinnen langfristige Abnahmeverträge und Beschaffungszusagen von Unternehmen – etwa bei nachhaltigen Treibstoffen oder kohlenstoffarmen Materialien – zunehmend an Bedeutung. Sie schaffen die Ertragsvisibilität, die für eine Investitionsentscheidung erforderlich ist. Die Infrastrukturmärkte zeigen, dass dieser Übergang gelingen kann. Offshore-Windenergie galt einst als experimentell und ist heute weltweit Bestandteil institutioneller Infrastrukturportfolios. Viele der heutigen Infrastrukturtechnologien könnten einen ähnlichen Entwicklungspfad einschlagen – vorausgesetzt, es gelingt, eine wirksamere Brücke zwischen Innovation, Industrialisierung und langfristigem Kapital zu schlagen. Dies ist weit mehr als eine Frage einzelner Technologien oder Anlagestrategien. Europa und andere entwickelte Volkswirtschaften stehen vor erheblichen Investitionen in Elektrifizierung, Energiesicherheit und industrielle Wettbewerbsfähigkeit, während der öffentliche Sektor diesen Wandel allein kaum finanzieren kann. Privates Kapital wird deshalb eine immer grössere Rolle übernehmen müssen. Damit dies gelingt, müssen Risiken entlang des gesamten Investitionszyklus sinnvoll strukturiert und verteilt werden. Bleibt die «Missing Middle» ungelöst, werden wirtschaftlich und gesellschaftlich wichtige Technologien langsamer skaliert als erforderlich. Ihre Überwindung ist deshalb nicht nur eine Voraussetzung für mehr Innovation, sondern auch für langfristige wirtschaftliche Widerstandsfähigkeit und die Erneuerung der Infrastruktur.
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