Die Herausforderungen sind offensichtlich: Unternehmen erzeugen heute Datenmengen, die noch vor wenigen Jahren kaum beherrschbar gewesen wären. Gleichzeitig steigen die Erwartungen von Investoren, Verwaltungsräten und Aufsichtsbehörden an die Qualität und Aussagekraft von Abschlussprüfungen. Die Branche steht damit vor einer doppelten Herausforderung: Prüfungen müssen bei grösseren Datenmengen effizienter werden und gleichzeitig höhere Qualitätsanforderungen erfüllen. Lange Zeit bestand ein wesentlicher Teil der Prüfung aus Tätigkeiten, die notwendig, aber wenig wertschöpfend waren. Daten mussten aus unterschiedlichen Systemen beschafft, aufbereitet und abgestimmt werden. Prüfungsteams arbeiteten häufig mit Stichproben, weil eine vollständige Analyse aller Transaktionen praktisch nicht möglich war. Ein erheblicher Teil der verfügbaren Zeit floss in Datensammlung, Dokumentation und administrative Tätigkeiten.
Judith Herold, Partner, Audit Industry, Grant Thornton, Zürich
Moderne Prüfplattformen
Genau hier setzt die neue Technologie an: Moderne Prüfungsplattformen können Daten aus unterschiedlichen ERP-Systemen automatisiert einlesen, transformieren und analysieren. Anstelle einzelner Stichproben lassen sich heute vollständige Datenpopulationen untersuchen. Algorithmen identifizieren auffällige Buchungen, ungewöhnliche Muster oder potenzielle Risiken und stellen diese den Prüfungsteams für die weitere Beurteilung bereit. Dadurch verschiebt sich der Fokus weg von der Datensammlung hin zur Analyse und Interpretation der Ergebnisse.
Wie dieser Wandel konkret aussehen kann, zeigt die Grant Thornton Analytics & Automation Platform (GTAP). Die Entwicklung von GTAP ist ein Beispiel für die Innovationskraft der Grant Thornton Advisors LLC, einer multinationalen Plattform, zu der auch die Schweizer Firma gehört. Die cloudbasierte Plattform GTAP wurde ursprünglich von Grant Thornton Irland entwickelt und später gemeinsam mit den Technologieteams von Grant Thornton USA weiterentwickelt. Ziel war, eine einheitliche technologische Infrastruktur zu schaffen, die Datenanalysen, Automatisierung und künstliche Intelligenz direkt in den Prüfungsprozess integriert. Heute bildet die Plattform das Fundament eines neuen, datengetriebenen Prüfungsansatzes.
Bemerkenswert ist dabei weniger die Technologie selbst als vielmehr die dahinterstehende Philosophie. Es geht nicht darum, bestehende Prüfungen lediglich digitaler zu gestalten. Vielmehr wird die Durchführung der Prüfung neu gedacht. Durch eine zentrale Datenbasis können Informationen aus unterschiedlichen Quellen in einer sicheren Umgebung zusammengeführt und analysiert werden. Routinemässige und transaktionsbezogene Tätigkeiten werden automatisiert, wodurch Prüferinnen und Prüfer mehr Zeit für jene Aufgaben gewinnen, bei denen menschliches Urteilsvermögen nach wie vor unverzichtbar bleibt.
Verantwortung beim Menschen
Die Rolle des Wirtschaftsprüfers verändert sich dadurch spürbar. War der Beruf früher stark von der Durchführung einzelner Prüfungshandlungen geprägt, stehen heute die Interpretation von Daten, die Beurteilung von Risiken und die kritische Würdigung von Managementannahmen stärker im Vordergrund. Künstliche Intelligenz kann erkennen, ob eine Transaktion ungewöhnlich ist. Ob daraus tatsächlich ein wesentliches Prüfungsrisiko entsteht und welche Schlussfolgerungen daraus zu ziehen sind, bleibt jedoch weiterhin eine Frage professionellen Ermessens. Die Verantwortung für das Prüfungsurteil verbleibt beim Menschen.
Neben Effizienzgewinnen verspricht diese Entwicklung vor allem eine höhere Prüfungsqualität. Wenn Daten automatisiert verarbeitet, Analysen standardisiert durchgeführt und Arbeitspapiere systemgestützt erstellt werden, sinkt die Abhängigkeit von manuellen Einzelschritten. Risiken können früher erkannt, Analysen konsistenter vorgenommen und potenzielle Fehlerquellen reduziert werden. Die Technologie dient somit nicht primär der Kostensenkung, sondern der Verbesserung von Qualität, Transparenz und Nachvollziehbarkeit. Auch die Zusammenarbeit mit den geprüften Unternehmen verändert sich. Werden Daten schneller verarbeitet und Routinearbeiten automatisiert, bleibt mehr Zeit für den Dialog über Risiken, Geschäftsmodelle und Entwicklungen im Unternehmen. Die Prüfung entwickelt sich damit von einer stark rückwärtsgerichteten Kontrollfunktion zu einem datengetriebenen Prozess, der frühzeitig Erkenntnisse liefert und den Fokus stärker auf wesentliche Risiken lenkt.
Bereits zeichnet sich die nächste Entwicklungsstufe ab. Im Umfeld moderner Prüfungsplattformen wird zunehmend von einem «Agentic Audit» gesprochen. Gemeint sind intelligente Systeme, die Prüfungshandlungen aktiv unterstützen, Risiken laufend überwachen und Analysen dynamisch an neue Informationen anpassen. Solche Anwendungen stehen noch am Anfang, verdeutlichen jedoch, in welche Richtung sich die Branche noch weiterentwickeln wird.Trotz allen technologischen Fortschritten bleibt eine Erkenntnis zentral: Vertrauen entsteht nicht durch Algorithmen allein. Es entsteht durch Menschen, die Sachverhalte kritisch hinterfragen, Risiken einordnen und unabhängige Urteile fällen. Die Zukunft der Wirtschaftsprüfung liegt daher weder in einer vollständigen Automatisierung noch im Festhalten an traditionellen Methoden. Sie liegt in der intelligenten Verbindung von Technologie und menschlicher Expertise. Künstliche Intelligenz schafft Freiräume für das, was den Wert der Wirtschaftsprüfung ausmacht und für den Prüfer unverzichtbar ist: kritisches Denken, professionelles Urteilsvermögen und die Fähigkeit, Vertrauen zu schaffen.