Die Zukunft der Wirtschaftsprüfung entscheidet sich nicht an der Frage, wie schnell oder günstig geprüft wird. Entscheidend ist, wie präzise Risiken erkannt, wie fundiert Zusammenhänge verstanden und wie belastbar die daraus gewonnenen Erkenntnisse sind. Technologie ist dafür kein Selbstzweck, sondern ein Instrument. Erst das Zusammenspiel aus technologischer Analyse und professioneller Beurteilung schafft die Qualität, die Transparenz und das Vertrauen, die Unternehmen heute erwarten.
Stefan Wälti, Leiter Assurance Technology, KPMG Schweiz
Über Jahrzehnte hinweg basierte die Abschlussprüfung auf Stichproben: Aus Millionen von Transaktionen wurden einzelne Datensätze ausgewählt und geprüft. Mit den heutigen technologischen Möglichkeiten können im Rahmen der Revision sämtliche oder nahezu alle Transaktionsdaten geprüft werden. Aufgrund der deutlich breiteren Datengrundlage werden Risiken, Muster und Auffälligkeiten sichtbar, die bei traditionellen Verfahren bisher oft verborgen blieben. Der Mehrwert von künstlicher Intelligenz (KI) liegt nicht allein in Effizienzgewinnen, sondern in einer höheren Prüfungsqualität und einem besseren Verständnis von Prozessen, Systemen und Anomalien. Voraussetzung dafür ist, dass KI-gestützte Verfahren sorgfältig getestet und validiert werden.
Fachliches Urteil wichtig
Die neu gewonnenen Erkenntnisse werfen bei geprüften Unternehmen eine Reihe von Fragen auf: Wo bestehen Schwächen in Prozessen und Kontrollen? Welche Risiken werden intern noch nicht erkannt? Und wie lassen sich Abläufe verbessern? Ausschlaggebend ist daher nicht, ob ein Problem vorliegt, sondern weshalb bestehende Kontrollmechanismen des Unternehmens dieses nicht bereits selbst erkannt haben.
Technologien ermöglichen eine tiefere Prüfung, bessere Risikoeinschätzungen und aussagekräftigere Erkenntnisse. Voraussetzung dafür sind Investitionen in geeignete Werkzeuge sowie deren Anpassung und Validierung. Da Unternehmen vermehrt KI in ihren Finanzprozessen einsetzen, müssen Prüfer diese Systeme verstehen und deren Auswirkungen auf die Finanzberichterstattung sowie das interne Kontrollsystem im Rahmen der Abschlussprüfung beurteilen. So können Kundeninvestitionen genutzt und Synergien für eine smarte Prüfung geschaffen werden.
Nicht alle Unternehmen können heute gleichermassen von technologiebasierten Prüfungen profitieren. Entscheidend ist, wie ausgereift, konsistent und zugänglich ihre Daten- und Systemlandschaft ist. Je stärker Finanzprozesse standardisiert, Schnittstellen harmonisiert und Daten strukturiert verfügbar sind, desto wirkungsvoller lassen sich automatisierte Analysen, Process-Mining oder KI-gestützte Prüfverfahren einsetzen. Gleichzeitig bleibt klar, dass eine hochwertige Prüfung weit mehr ist als der Einsatz moderner Werkzeuge. Technologie liefert Daten und Hinweise, doch die Interpretation dieser Ergebnisse erfordert fachliches Urteilsvermögen und ein tiefes Verständnis von Geschäftsmodellen, Märkten und regulatorischen Anforderungen. Das Urteil eines erfahrenen Prüfers ist unersetzlich, denn nicht jede Anomalie ist ein Fehler.
Verwaltungsräte einbinden
Mit den neuen technologischen Möglichkeiten steigen auch die Erwartungen an die Verantwortlichen in den Unternehmen. Die Zukunftsfähigkeit der Abschlussprüfung wird zunehmend zu einer Governance-Frage. Verwaltungsräte müssen sich deshalb aktiv damit auseinandersetzen, ob ihre Prüfer moderne Methoden einsetzen und nachvollziehbar erklären können, wie diese die Prüfungsqualität erhöhen. Dabei geht es letztlich auch um Vertrauen.
Neben einem klar definierten gesetzlichen Auftrag leistet eine qualitativ hochwertige Prüfung einen wichtigen Beitrag dazu, dass Unternehmen, Investoren und Aufsichtsbehörden auf die Verlässlichkeit geprüfter Informationen vertrauen können. Technologie wird dabei zunehmend zu einem wichtigen Qualitätsfaktor. Wer grosse Datenmengen nicht systematisch auswerten kann, verzichtet möglicherweise auf wichtige Erkenntnisse, die für die Beurteilung von Risiken und Kontrollen relevant sind.