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Gastbeitrag

Führung 2030: Die Kunst, der KI zu widersprechen

KI liefert bessere Empfehlungen als früher. Umso wichtiger werden Führungskräfte, die urteilen, widersprechen und Verantwortung übernehmen.

Praktische Erfahrung stärkt die KI-Urteilsfähigkeit von Führungskräften.
Praktische Erfahrung stärkt die KI-Urteilsfähigkeit von Führungskräften.Getty Images

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Ein typisches Beispiel: Eine Abteilung soll dezentral neu aufgestellt werden. Was früher Wochen an Konzeptarbeit beansprucht hätte, bereitet die KI in kurzer Zeit vor: Sie strukturiert den Projektauftrag, definiert Arbeitspakete, entwirft Rollen und formuliert erste Schritte.
Die Autoren
Alexia Bertschi, Chief Development & Learning Officer bei Vantage Education mit Gesamtverantwortung für das Bildungsportfolio der HSO sowie SVF-Leadership-Prüfungsexpertin
Yannick Ittig, Leadership- und Management-Dozent an der HSO sowie SVF-Prüfungsexperte und Doktorand
Trotz dieser Effizienz bleibt ein Unbehagen. Auf dem Papier lässt sich eine Organisation wie ein Schachbrett behandeln. Nur sind Mitarbeitende keine Figuren, die man auf ein anderes Feld setzt und die dort einfach weiterspielen. Hinter jeder Funktion stehen Erfahrungen, Beziehungen und gewachsene Verantwortlichkeiten. Was in der Theorie überzeugt, kann in der Realität scheitern.

Wenn Rhetorik Expertise vorgaukelt

Hier zeigt sich, wie KI Führung verändert: Die Analyse wird einfacher, das Urteil nicht. Im Gegenteil. Je überzeugender eine Empfehlung formuliert ist, desto schwieriger kann es werden, ihr zu widersprechen. KI-Ergebnisse werden nicht unbedingt übernommen, weil sie richtig sind, sondern weil sie richtig klingen. Sprachliche Sicherheit wird mit fachlicher Sicherheit verwechselt.
Das grösste Risiko sind deshalb nicht nur falsche Antworten. Es sind plausible Antworten, bei denen niemand mehr weiterfragt. Eine Studie der Carnegie Mellon University und von Microsoft Research mit 319 Wissensarbeitenden hat ergeben: Je grösser das Vertrauen in die KI war, desto weniger kritisches Denken berichteten die Befragten. KI verschiebt unsere Arbeit von der Entwicklung einer Lösung hin zu ihrer Kontrolle. Wer kontrollieren soll, muss jedoch mehr verstehen, nicht weniger.

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Urteilskraft ist mehr als das Prüfen von Fakten. Sie zeigt sich dort, wo mehrere Möglichkeiten vertretbar sind, Interessen kollidieren und sich die Folgen nicht vollständig berechnen lassen. KI kann Szenarien entwickeln, Widersprüche aufzeigen und Risiken benennen. Sie kann aber nicht bestimmen, welche Interessen legitim sind, welche Risiken wir anderen zumuten dürfen und wofür wir als Menschen einstehen wollen. Die Grenze lässt sich einfach beschreiben: Die Analyse können wir häufig delegieren, die Abwägung nur teilweise und die Verantwortung gar nicht. Eine KI muss am nächsten Morgen niemandem in die Augen schauen und erklären, warum eine Entscheidung getroffen wurde. Wer ihr das Urteil überlässt, gibt nicht nur eine Entscheidung ab, sondern einen Teil seiner Führungsverantwortung.
Unternehmen brauchen dafür keine KI-freien Entscheidungen. Die menschliche Denkleistung muss vielmehr sichtbar bleiben. Bei wichtigen Entscheiden darf nicht nur dokumentiert werden, was ein System empfohlen hat. Ebenso relevant ist, welche Annahmen hinterfragt, welche Alternativen verworfen und welche Folgen bewusst in Kauf genommen wurden. Je stärker ein Entscheid Menschen betrifft und je schwerer er rückgängig zu machen ist, desto weniger darf der menschliche Denkprozess zur unsichtbaren Restgrösse werden.

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Lernkurve schlägt Produktivität

Noch anspruchsvoller wird es beim Führungsnachwuchs. Die Gefahr könnte künftig nicht in zu wenig Unterstützung liegen, sondern in zu viel. Wer in Sekunden Analysen, Optionen und ausformulierte Empfehlungen erhält, ist schneller produktiv. Gleichzeitig überspringt er womöglich jene Denkwege, auf denen Expertise entsteht: ein Problem strukturieren, unter Unsicherheit entscheiden und später erkennen, was man übersehen hat.
Urteilskraft entsteht nicht dadurch, dass man möglichst schnell zur richtigen Antwort gelangt. Sie wächst, wenn Menschen entscheiden dürfen, Rückmeldungen erhalten, Konsequenzen erleben und gelegentlich auch falschliegen. Wenn KI diese Lernschritte teilweise übernimmt, erhalten Nachwuchsführungskräfte vielleicht bessere Vorlagen, aber weniger Gelegenheit, selbst gut zu werden.
Eine einfache Übung kann helfen: zuerst eine eigene Hypothese bilden. Was ist hier das Problem? Welche Optionen sehe ich? Wo liegen die Zielkonflikte? Erst danach kommt die KI ins Spiel – als Sparringspartner, der Gegenargumente liefert, blinde Flecken aufzeigt und andere Szenarien durchspielt. So ersetzt sie das Denken nicht, sondern fordert es heraus.
Die entscheidenden Führungskompetenzen der Zukunft sind Urteilskraft, Widerspruchsfähigkeit und die Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen. Sie zeigen sich darin, KI-Empfehlungen einzuordnen und ihnen bei Bedarf zu widersprechen. Unternehmen sollten auch wissen, welches Denken Menschen weiterhin selbst leisten müssen. Führung 2030 wird nicht daran gemessen werden, wer die beste KI nutzt, sondern wer trotz KI selbst urteilt und für die Folgen einsteht.

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