Vier Südtiroler Unternehmen und Initiativen zeigen, wie aus einem jahrhundertealten Baustoff Hightech wird – oft ohne Leim, dafür mit umso mehr Handwerksgefühl.
Holz ist der älteste Baustoff der Alpen – und in Südtirol zugleich einer der modernsten. Der Wald bedeckt fast die Hälfte des Landes, und rund 25 000 Menschen leben direkt oder indirekt vom Rohstoff Holz. Über Jahrhunderte war er vor allem regionaler Baustoff und Energieträger – heute ist er Ausgangspunkt für Innovationen, die international gefragt sind.
Was die vier folgenden Unternehmen und Initiativen aus Südtirol eint, ist weniger die Branche als eine bestimmte Haltung: nämlich das Streben, das Traditionelle und Bewährte noch ein Stück besser zu machen, und der Anspruch, dabei stets auch das grosse Ganze im Blick zu behalten.
Bauen mit Vollholz, ganz ohne Leim
Bei holzius im Vinschgau beginnt Innovation dort, wo andere auf Chemie setzen: Die Bohlen der Vollholzelemente werden über eine Gratleiste mit Schwalbenschwanz Kanten miteinander verbunden – ohne Leim und ohne Metall. Diese traditionelle Holzverbindung interpretierte Herbert Niederfriniger, gelernter Tischler und ausgebildeter Förster, der 2005 mit Armin Strickner den Grundstein für das heutige Unternehmen legte, neu. Acht Jahre hatte Niederfriniger zuvor selbst im Wald gearbeitet – eine Erfahrung, aus der die Vision eines Vollholzbaus entsprang. Sogar der Firmenname ist Programm: «holzius» verbindet den Begriff Holz mit dem lateinischen Wort «ius» für Gesetz – ein Bauen im Einklang mit den Gesetzen des Vollholzbaus, bei dem der Rohstoff Holz als solcher erhalten bleibt. Niederfrinigers Anspruch ist bis heute unternehmerisches Programm: «Wir wollen gesunde Wohnräume schaffen und intakte Lebensräume erhalten», beschreibt er die Firmenphilosophie.
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Ohne Chemie: Bei den Wand- und Deckenelementen von holzius verbinden Holzschrauben und Dübel die Bohlen ganz ohne Klebstoffe.Holzner Samuel
Ohne Chemie: Bei den Wand- und Deckenelementen von holzius verbinden Holzschrauben und Dübel die Bohlen ganz ohne Klebstoffe.Holzner Samuel
Aus dem kleinen Start-up, das anfangs unter dem Namen Soligno firmierte, ist mittlerweile ein im deutschsprachigen Raum Schwalbenschwanzführendes Unternehmen im Vollholzbau geworden: Gemeinsam mit Partnern hat holzius bereits rund 700 Projekte in Italien, der Schweiz, Österreich, Deutschland und weiteren europäischen Ländern realisiert – vom Einfamilienhaus bis zum mehrgeschossigen Wohnbau. Seit Ende 2022 sind die Vollholzelemente zudem mit dem international anerkannten Cradle to Cradle Certified Gold ausgezeichnet.
Wie ernst es das Unternehmen mit seiner eigenen Philosophie meint, zeigt der neue Firmensitz: Die «holzius Heimstatt» in Eyrs wurde komplett in der hauseigenen Vollholzbauweise errichtet – ein Bürogebäude, das die Idee von gesundem Wohnen und Arbeiten gleich in sich selbst trägt.
Vier Generationen für eine Innovation
Auch bei Ligna Construct im Ultental beginnt Fortschritt bei der Wurzel: 1894 gründete Peter Schweigl das familieneigene Sägewerk, heute führt sein Urenkel Konrad Schweigl den Betrieb bereits in vierter Generation, während die fünfte schon in den Startlöchern steht. 2003 baute die Familie mit der Gründung von Ligna Construct einen eigenen Unternehmenszweig auf, um das im Sägewerk erzeugte Schnittholz zu einem hochwertigen, massiven und leimfreien Wandsystem weiterzuverarbeiten.
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Bei LignaConstruct werden hochwertige, leimfreie Wandsysteme gefertigt.zVg
Bei LignaConstruct werden hochwertige, leimfreie Wandsysteme gefertigt.zVg
Das Ergebnis, die leimfreie Massivholzwand «Bio-xlam», verzichtet komplett auf Klebstoffe: Die Holzlagen werden stattdessen kreuzweise verklammert; eingefräste Luftkammern verbessern zusätzlich den Wärmedämmwert. «Traditionelle Handwerkskunst verbinden wir mit modernen Technologien», bringt Schweigl die Firmenphilosophie auf den Punkt. Anders als viele Mitbewerber, die aus grossen Platten Wände und Fensteröffnungen heraussägen, produziert Ligna Construct jede Wand direkt in ihrer finalen Form – inklusive eines werkseitig integrierten Kanalsystems für Elektroinstallationen. Holzreste aus der eigenen Fertigung werden in Prozesswärme umgewandelt, eigene Photovoltaikanlagen und zugekaufter Grünstrom decken den übrigen Energiebedarf. So verbindet Ligna Construct 130 Jahre Sägewerksgeschichte mit einem hochmodernen Holzbaubetrieb.
Dabei produziert Ligna Construct nicht nur Wände, sondern plant und realisiert auch Holzhäuser und liefert Bauelemente an andere Holzbaubetriebe und Bauträger. Die wirtschaftliche Innovation liegt in der durchgängigen Wertschöpfungskette: vom eigenen Sägewerk über die projektbezogene Fertigung auf eigens entwickelten Produktionsanlagen bis zum fertigen Gebäude.
Vom Einmannbetrieb zum Weltmarktführer
Während holzius und Ligna Construct direkt mit Holz bauen, liefert Rothoblaas aus Kurtatsch das technische Rückgrat: Befestigungssysteme, Verbinder, Akustiklösungen für Gebäudehüllen und Absturzsicherungen für den modernen Holzbau, entwickelt in Südtirol und exportiert in über 70 Länder. Gegründet wurde die Firma 1991 von Robert Blaas als kleine Vertretung für Holzbearbeitungsmaschinen und Elektrowerkzeuge.
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Rothoblaas-Gesellschafter Peter Lang (links) und Geschäftsführer Robert Blaas vor dem Hochregallager aus Holz.zVg
Rothoblaas-Gesellschafter Peter Lang (links) und Geschäftsführer Robert Blaas vor dem Hochregallager aus Holz.zVg
Mit Partner Peter Lang, der später als Teilhaber einstieg, wuchs daraus ein Unternehmen mit heute mehr als 700 Mitarbeitenden, das in der Branche längst als heimlicher Weltmarktführer in seiner Nische gilt. Der Erfolg gründet auf enger Zusammenarbeit mit der Praxis: «Den Unterschied zu machen, ist für uns keine leere Floskel, sondern unser Leitmotiv für jeden Tag», betont Robert Blaas. Eine eigene Forschungs- und Entwicklungsabteilung sowie Kooperationen mit Universitäten sorgen dafür, dass Rothoblaas technische Massstäbe nicht nur im Alpenraum, sondern weltweit mitgestaltet – bei laufend neuen Lösungen für Sicher-heit, technische Leistungsfähigkeit und Montagefreundlichkeit.
Der Sektor spricht mit einer Stimme
Dass Südtirols Holzunternehmen alleine stark und gemeinsam noch stärker sind, ist das Prinzip hinter ProRamus. Die 2017 von IDM Südtirol koordinierte Gemeinschaftsinitiative bündelt Vertreter des Landes, des Südtiroler Bauernbundes, des Wirtschaftsverbandes für Handwerk und Dienstleister, des Unternehmerverbandes sowie des Energieverbandes unter einem Dach. Ziel ist es, die Wertschöpfung aus Holz in Südtirol zu halten und sichtbar zu machen – vom Wald über die Verarbeitung bis zum fertigen Gebäude.
Landesrat Arnold Schuler brachte den Anspruch bei der Gründung der Initiative auf den Punkt: «Unser Ziel von Beginn an war es, die Wertschöpfung im Lande zu halten.» Dafür unterhält ProRamus etwa eine Datenbank mit Unternehmen, die eigene Forschung und Entwicklung betreiben, und sensibilisiert die Bevölkerung mit Aktionen wie der wandernden Holzinstallation «Woodpassage». So macht die Initiative sichtbar, was einzelne Unternehmen oft im Verborgenen leisten.
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Zwischen Vinschgau und Überetsch ist eine Wertschöpfungskette entstanden, die traditionelles Zimmererhandwerk mit Hightech verbindet: leimfreie Verbindungstechniken, robotergefertigte Massivholzwände und Befestigungssysteme, die weltweit Standards setzen.
Was holzius, Ligna Construct, Rothoblaas und ProRamus verbindet, ist mehr als der gemeinsame Rohstoff Holz. Es ist die Überzeugung, dass Tradition und Fortschritt einander nicht ausschliessen, dass Handwerkskönnen und technologische Präzision zwei Seiten derselben Medaille sind. Wo andernorts Effizienz und Materialeinsatz gegeneinander abgewogen werden, zeigen diese Beispiele: Wer Handwerk ernst nimmt, denkt zwangsläufig in Kreisläufen und langen Zeithorizonten.
Aus dem regionalen Baustoff Holz ist so ein europaweit gefragtes Exportgut geworden – präzise gefertigt, technisch durchdacht und mit dem Anspruch entwickelt, dass auch gute Lösungen sich immer noch ein Stück verbessern lassen. Man kann es auch Holzverarbeitung 2.0 nennen: Es ist nicht die Abkehr vom Handwerk, sondern seine Weiterentwicklung auf einem völlig neuen Niveau.