Wie hoch der prozentuale Anteil von Gold in einem Portfolio sein sollte, hängt stark vom individuellen Anlegerprofil ab. Gleichzeitig stellt sich die Frage, ob sich nach der beeindruckenden Performance der letzten Jahre ein Einstieg oder Zukauf überhaupt noch lohnt. Um diese Frage fundiert beantworten zu können, ist es wichtig, zu verstehen, wie der Goldmarkt funktioniert – und welche Dimensionen er tatsächlich aufweist.
Rolf Schneider, Leiter Vertrieb Asset Management, Basler Kantonalbank, Basel
Gold ist der einzige Rohstoff, der praktisch nicht konsumiert wird. Während bei anderen Metallen nach ihrer Verarbeitung nur ein Teil wieder recycelt wird, liegt diese Quote bei Gold bei nahezu 100 Prozent. Dadurch wächst der gesamte Goldbestand kontinuierlich an. Dieses stetig wachsende Angebot muss vom Markt absorbiert werden, damit höhere Preise möglich bleiben. Im Verhältnis zum gesamten globalen Finanzsystem ist die Menge des historisch geförderten Goldes jedoch erstaunlich gering. Die jährliche Förderung beträgt rund 3500 Tonnen Gold. Schätzungen des World Gold Council zufolge beläuft sich der gesamte historisch geförderte Goldbestand inzwischen auf rund 212 500 Tonnen – mit einem Gesamtwert von ungefähr 27 Billionen Schweizer Franken. Dieser scheinbar enorme Wert relativiert sich jedoch im Vergleich zu anderen Grössenordnungen des globalen Finanzsystems. So verfügen allein die 14 grössten Unternehmen der USA zusammen über eine ähnliche Marktkapitalisierung.
Währung ohne Heimat
Grundsätzlich kann Gold als eine eigene, neutrale Währung betrachtet werden, deren Preisentwicklung sich gegenüber jeder anderen Währung unterschiedlich gestaltet. Zwar wird Gold am Weltmarkt in Dollar gehandelt, doch für Schweizer Anlegerinnen und Anleger ist letztlich der Preis in Schweizer Franken entscheidend. Wird der Goldpreis ausschliesslich in Dollar betrachtet, beeinflussen Wechselkursschwankungen den effektiven Wert in Franken erheblich. Gerade in Phasen, in denen die eigene Währung an Wert verliert, zeigt sich eine der wichtigsten Eigenschaften von Gold besonders deutlich: seine Funktion als Bewahrer von Kaufkraft. In den vergangenen Jahrzehnten liess sich dieser Effekt in mehreren Ländern beobachten. Anleger in Staaten mit stark abwertenden Währungen – etwa in der Türkei oder in Venezuela – konnten mithilfe von Goldinvestitionen einen Teil ihrer Kaufkraft im internationalen Vergleich bewahren. Umgekehrt gilt: Je stabiler eine Währung ist, desto moderater fällt die Goldpreisentwicklung in dieser Währung aus. Das zeigt sich besonders beim stabilen Schweizer Franken. In den vergangenen 24 Monaten war die prozentuale Goldperformance in Franken deutlich geringer als in den meisten anderen wichtigen Währungen.
Krisenvorsorge mit Ethikfokus
In den letzten Jahren hat weltweit sowohl die wirtschaftliche als auch die politische Unsicherheit zugenommen. Konflikte, Handelsstreitigkeiten, geopolitische Spannungen und insbesondere auch die stark steigende US-Staatsverschuldung haben viele Investoren dazu veranlasst, verstärkt in die «neutrale Währung» Gold zu diversifizieren. Auch Zentralbanken zählen weiterhin zu den grössten Käufern, da sie ihre Währungsreserven breiter diversifizieren und einen Teil davon im eigenen Land lagern möchten. Studien zeigen auf, dass ein erheblicher Teil der jüngsten Preissteigerungen mit der erhöhten globalen Unsicherheit zusammenhängt. Trotz dem bereits stark gestiegenen Marktpreis bleibt es sinnvoll, Gold im Portfolio zu halten. Für viele fungiert das Edelmetall als sicherer Hafen oder als Versicherung gegen ungünstige wirtschaftliche Entwicklungen – auch wenn die «Prämie» für diese Absicherung inzwischen deutlich gestiegen ist. Zunehmend rückt dabei auch die Frage nach der Nachhaltigkeit des Goldabbaus in den Fokus der Anlegerinnen und Anleger. Rein chemisch betrachtet gilt: Gold ist Gold. Berücksichtigt man jedoch die Bedingungen, unter denen es gefördert wird, zeigen sich beträchtliche Unterschiede.Entsprechend kommt den Akteuren eine besondere Verantwortung zu, zur Verbesserung der oft prekären Bedingungen in den Herkunftsländern beizutragen. Der Finanzmarkt bietet mittlerweile Lösungen, die diese Anforderungen berücksichtigen. Dabei spielen sogenannte Fairtrade-Prämien pro Kilogramm Gold, die Minenkooperativen zusätzlich zum Verkaufspreis erhalten, eine zentrale Rolle. Über die Verwendung dieser Mittel entscheiden die Kooperativen demokratisch selbst. Häufig fliessen sie in Gemeinschaftsprojekte wie Schulen, Wasserversorgungssysteme, Gesundheitszentren oder in die Verbesserung betrieblicher Abläufe. Die Investitionen müssen der sozialen, wirtschaftlichen oder ökologischen Entwicklung der Mine und ihrer Gemeinschaft zugutekommen.