Eine gute Entwicklung an den Aktienmärkten hat die Deckungsgrade der meisten Pensionskassen auf ein komfortables Niveau angehoben. Mit der positiven Stimmung an den Börsen erweitern sich für die Vorsorgeeinrichtungen Handlungsspielraum und Widerstandsfähigkeit gegenüber Marktschwankungen. Trotz dieser erfreulichen Ausgangslage verweisen Branchenkennerinnen und -kenner jedoch auf weiterhin anspruchsvolle Herausforderungen. Zu den bedeutendsten Risiken zählen sie aktuell die geopolitischen Spannungen und die damit verbundenen Unsicherheiten an den Kapitalmärkten. «Kriege, Handelsbeschränkungen oder eine zunehmende Fragmentierung der Weltwirtschaft können sich rasch auf die Entwicklung von Aktien-, Anleihen- und Währungsmärkten auswirken», sagt Kerstin Windhövel, Wirtschaftsprofessorin und Leiterin Kompetenzzentrum Vorsorge an der Kalaidos Fachhochschule Schweiz. Dazu würden allfällige damit einhergehende Verschiebungen im Zins- und Inflationsumfeld kommen.
Langfristige Anlagestrategie
Es stellt sich also die Frage, ob das jetzige Risikomanagement der Pensionskassen ausreicht, um auf drastische Marktbewegungen vorbereitet zu sein. Für Stefan Beiner, Vorsorgeexperte beim Beratungsunternehmen C-Alm, sind viele Kassen in dieser Hinsicht gut aufgestellt. Sie verfügen über Anlagereglemente, Bandbreiten, Stresstests und Liquiditätsanalysen sowie über periodische Asset-Liability-Management-(ALM-)Studien, ein Führungsinstrument, das sämtliche Rentenversprechen ins Verhältnis zum vorhandenen Vermögen setzt. Aus Beiners Sicht verhindert das keine negativen Jahresrenditen, hilft aber, solche Phasen finanziell und organisatorisch zu tragen. Generell lassen sich für ihn die geopolitischen Risiken kaum zuverlässig prognostizieren: «Entscheidend ist deshalb nicht die Vorhersage des nächsten Konflikts, sondern die Widerstandsfähigkeit der Anlagestrategie.» Darunter versteht er eine breite Diversifikation, ausreichende Liquidität, bewusstes Management von Währungsrisiken und klare Entscheidungsprozesse. An Bedeutung würde zudem die regionale Allokation gewinnen, weil Handelskonflikte, Sanktionen und geopolitische Blockbildungen die globale Diversifikation verändern könnten.
Die jüngste Risikostudie der Beratungsfirma Aon zählt neben dem Langlebigkeitsrisiko das Anlagerenditerisiko und das Zins- und Inflationsrisiko zu den drei bedeutendsten Herausforderungen für die Schweizer Vorsorgeeinrichtungen. Dabei wird das Anlagerisiko – also die Gefahr unzureichender Anlageerträge – als vorrangig eingestuft, weil nahezu alle Pensionskassen eine Anlagestrategie mit einer beträchtlichen Marktrisikoexponierung verfolgen. Nur wenige Kassen setzen auf einen strikten Cashflow-Matching-Ansatz, bei dem die zukünftigen Auszahlungen exakt mit den Einnahmen aus festverzinslichen Wertpapieren über die Zeit abgeglichen werden. Die Antwort auf geopolitische Unsicherheiten kann für Aon-Vorsorgespezialist Bálint Keserü deshalb nur lauten: «Eine konsequente Beibehaltung der langfristigen Anlagestrategie – selbst in Krisenzeiten, sofern keine fundamentalen strukturellen Änderungen in der Pensionskasse eintreten.» Ebenso entscheidend ist für ihn der Aufbau ausreichender Puffer in Form von Wertschwankungsreserven, damit auch drastische Marktverwerfungen aufgefangen werden können und die Leistungsversprechen trotz turbulenten Märkten eingehalten bleiben.
Handlungsfähig bleiben
Die geopolitischen Risiken beschäftigen Pensionskassen heute deutlich stärker als noch vor wenigen Jahren. Für Vorsorgeexpertin Windhövel sind sich die meisten Stiftungsrätinnen und Stiftungsräte dieser Thematik sehr bewusst. Unterstützt werden sie dabei von Geschäftsführungen, Anlageausschüssen, Vermögensverwaltern und externen Beratern. In den meisten Pensionskassen sind Risikomanagement und Berichterstattung heute fest in den strategischen Führungsprozessen implementiert. Klar ist für Windhövel aber auch: «Geopolitische Ereignisse lassen sich weder steuern noch zuverlässig prognostizieren.» Die Aufgabe des Stiftungsrats bestehe daher nicht darin, Krisen vorherzusagen, sondern sicherzustellen, dass die Pensionskasse auch unter schwierigen Marktbedingungen handlungsfähig und finanziell langfristig stabil bleibe. Das oberste Organ einer Vorsorgeeinrichtung hat eine Anlagestrategie zu wählen, die zur finanziellen Lage, zur Struktur der Versicherten und zur Sanierungsfähigkeit einer Kasse passt. Wichtig ist: Die gesetzlich vorgesehenen Leistungen können nicht ohne Risiko finanziert werden. «Entscheidend ist deshalb nicht Risikovermeidung, sondern Risikofähigkeit, Disziplin und Transparenz», sagt C-Alm-Berater Beiner. Aus seiner Sicht wissen gute Stiftungsräte, welche Risiken sie eingehen und wie sie in Stresssituationen reagieren wollen.