Wenn Friedrich Merz im Oktober den deutschen Investitionsgipfel ausrichtet, ist die Botschaft klar: Deutschland ist offen für Investitionen und will sich als «Stabilitätsanker» für internationales Kapital positionieren. Bis 2040 will die deutsche Bundesregierung zusätzliches privates Kapital in Billionenhöhe mobilisieren. Berlin kopiert damit ein Format, das Emmanuel Macron 2018 eingeführt hat. Bei «Choose France» empfängt der Präsident die Chefs internationaler Konzerne, kurz vor deren Standortentscheiden. Die Initiative steht für den wachsenden Willen europäischer Regierungen, aktiver um Kapital zu konkurrieren. Die eigentliche Bedeutung des Gipfels liegt jedoch weniger in den Ankündigungen des Tages als in dem, wofür er steht: Europas Transformation. Für Anleger zählt vor allem, ob politischer Anspruch in einen nachhaltigen Zyklus aus Investitionen, Innovation und Produktivität mündet.
Der Autor
René Møller Petersen, Lead Portfolio Manager, Nordea Asset Management
Reaktionen auf eine veränderte Welt
Über Jahrzehnte beruhte Europas Wirtschaftsmodell auf günstiger Energie aus Russland, effizienten globalen Lieferketten und einem stabilen sicherheitspolitischen Umfeld. Krieg, Pandemie, Handelsspannungen und geopolitische Fragmentierung haben die Schwächen dieses Modells offengelegt. Die Reaktion ist sichtbar: Europa stärkt Energieresilienz, holt Produktion zurück und baut Verteidigungsfähigkeiten aus. Was der Draghi-Bericht 2024 zur Wettbewerbsfähigkeit der EU beschrieben hat, schlägt sich zunehmend in Budgets, Industriestrategien und Investitionsplänen nieder. Strategische Autonomie wird damit zu einer Quelle realer wirtschaftlicher Nachfrage.
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Merz’ Gipfel sollte daher nicht nur an der Zahl der Zusagen gemessen werden. Entscheidend ist, ob Deutschland und Europa ein Umfeld schaffen, in dem internationales und heimisches Kapital langfristig investiert werden will. Ermutigende Signale gibt es bereits. Unternehmen investieren in Infrastruktur für Elektrifizierung, Digitalisierung und Sicherheit. Die Nachfrage nach Stromnetzen, Verteidigungssystemen, Halbleitern, Raumfahrt- und digitaler Infrastruktur sowie den spezialisierten Technologien dahinter steigt. Der gemeinsame Nenner ist anhaltende Nachfrage nach Technologien und Infrastruktur, die Europa widerstandsfähiger machen – und Chancen für Unternehmen, die sie bereitstellen können.
So stiegen die Investitionen in europäische Verteilnetze zwischen 2021 und 2024 um 51 Prozent auf 35,3 Milliarden Euro pro Jahr und erreichen laut der EU-Regulierungsagentur Acer bis 2027 rund 46,7 Milliarden Euro. Die Militärausgaben der europäischen Staaten legten im Jahr 2025 um 14 Prozent auf 864 Milliarden US-Dollar zu, der stärkste Anstieg seit dem Ende des Kalten Krieges. Die Schweiz zeigt das selbe Muster im kleineren Rahmen. Swissgrid investiert bis 2040 rund 5,5 Milliarden Franken in über 30 Netzprojekte. Das Verteidigungsbudget wächst bis Anfang der 2030er-Jahre um rund 5 Milliarden Franken.
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Ein grosser Teil dieser Transformation wird nicht von bekannten Grosskonzernen getragen, sondern von spezialisierten Unternehmen, die Technologien, Komponenten und Kompetenzen liefern, mit denen politische Pläne Realität werden. Besonders relevant ist dies bei europäischen Small- und Mid-Caps in Bereichen wie Sensorik, Energiemanagement, Industrieautomation, Cybersicherheit, Netzausrüstung und Spezialengineering.
Europa sortiert sich neu
Für Anleger geht es darum, jene Unternehmen zu identifizieren, die vom Wandel nicht nur berührt werden, sondern auch über Technologie, Marktposition und Umsetzungskraft verfügen, um daraus Wert zu schaffen. Gerade ausserhalb dasder grössten Indexwerte können sich attraktive Zugänge zu strukturellem Wachstum eröffnen.
Dass Merz um internationales Kapital wirbt, ist vor diesem Hintergrund nachvollziehbar. Doch die eigentliche Geschichte ist grösser als Deutschland – und grösser als ein einzelner Gipfel. Europa lenkt Kapital zunehmend in die Grundlagen seiner künftigen wirtschaftlichen und strategischen Sicherheit. Investitionen in Energieversorgung, Infrastruktur, Verteidigung und kritische Technologien werden nicht verschwinden, sobald politische Schlagzeilen weiterziehen. Der Gipfel steht damit für einen breiteren Wandel. Europa richtet Politik und Industrie stärker auf eine widerstandsfähigere und wettbewerbsfähigere Zukunft aus. Die Chance liegt darin, Unternehmen zu finden, die diese Transformation in langfristiges Wachstum übersetzen können.
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