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Standort Zug

«Der Bund hat uns die Hände gefesselt»

Regierungsrat Heinz Tännler über die Herausforderungen eines wirtschaftlich erfolgreichen Kantons.

Florian Fels

Alles im Griff: Finanzdirektor Heinz Tännler in seinem Büro in Zug.
Alles im Griff: Finanzdirektor Heinz Tännler in seinem Büro in Zug.Raphaël Dupain

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Herr Finanzdirektor, Sie haben Ihr Amt vor zehn Jahren unter schwierigen Vorzeichen angetreten.

Ja, ich übernahm damals ein strukturelles Defizit von 150 bis 170 Millionen Franken. Kein einfacher Einstieg – aber genau solche Ausgangslagen zeigen, ob eine Finanzpolitik trägt oder nicht.

Inzwischen schwimmt der Kanton im Geld, der Überschuss 2025 betrug rund 430 Millionen Franken. Insbesondere profitieren Sie von zusätzlichen Einnahmen aus der globalen OECD-Mindestbesteuerung.

Das ist anspruchsvoller, als man denkt. Die Steuerverwaltung muss diese zusätzliche Veranlagung neu aufbauen, das System ist sehr komplex, und auch die betroffenen Unternehmen selbst müssen sich erst darauf einstellen. Das bindet Ressourcen auf beiden Seiten.

Zur Person

Geboren 1960, studierte Heinz Tännler Rechtswissenschaft an der Universität Zürich. Seit 2007 ist er Regierungsrat des Kantons Zug, seit 2016 verantwortet er als Finanzdirektor die Kantonsfinanzen. Er übernahm das Amt in einer schwierigen Ausgangslage mit einem strukturellen Defizit von 150 bis 170 Millionen Franken und führte den Kanton seither zu wiederholten Rekordergebnissen. Tännler gilt als einer der Architekten des «Zuger Modells» einer konsequenten Tiefsteuerpolitik und ist Mitglied der SVP.

Diese Herausforderungen hätten viele Kantone sicherlich gerne. Wie viele Unternehmen im Kanton sind von dieser Mindeststeuer überhaupt betroffen?

Wir rechnen auf Zuger Kantonsgebiet mit rund vierhundert betroffenen Gesellschaften – wobei mehrere davon durchaus zum selben Konzern gehören können. Verlässliche Prognosen sind aber schwierig, weil sich die OECD-Regeln und die steuerrechtlichen Rahmenbedingungen in vielen Staaten laufend ändern.

Wie viel Mehreinnahmen bringt die Mindeststeuer dem Kanton insgesamt – und wohin fliesst das Geld konkret?

Konservativ geschätzt werden wir netto rund 200 Millionen Franken pro Jahr mehr einnehmen. Dieses Geld wollen wir aber nicht einfach horten, sondern gezielt in den Standort zurückgeben: Wir fördern Kitas und den Wohnungsbau, weil wir dort echten Bedarf haben – teilweise finden selbst unsere eigenen Fachkräfte keine Wohnung im Kanton Zug. Zusätzlich fliesst Geld in Innovation und Bildung und damit letztlich wieder zurück in die Wirtschaft.

Ein Teil der Mehreinnahmen geben Sie an die Unternehmen in Form von Fördergeldern zurück. Wie läuft das genau?

Die Programme werden sehr gut angenommen, es gibt bereits Fördergesuche in Höhe von rund 1,7 Milliarden Franken, wovon wir allerdings «nur» rund 150 Millionen verteilen können.

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Wer entscheidet, welches Projekt gefördert werden soll – sind Sie das?

Nein, das entscheiden wir mit unserem Beratungsteam aufgrund klar definierter Bedingungen. Gesetzlich ist eindeutig geregelt, dass nicht die Finanzdirektion im Alleingang entscheidet. Zudem ist jeder Entscheid gerichtlich überprüfbar. Das schafft Verbindlichkeit.

Dafür arbeiten Sie mit externen Beratungsfirmen zusammen. Warum?

Weil wir so keinen aufgeblähten Verwaltungsapparat aufbauen müssen, sondern gezielt externe Fachexpertise einkaufen. Mit einem Unternehmen haben wir bereits in der Coronazeit sehr gute Erfahrungen gemacht – sie bringen genau das Spezialwissen mit, das es für dieses komplexe Thema braucht.

Angenommen, ein internationales Unternehmen sucht einen neuen Standort in der Schweiz. Warum sollte die Wahl auf Zug fallen?

Weil bei uns der Dienstleistungswille in der Verwaltung enorm hoch ist: offene Türen, echte Willkommenskultur, kurze Wege, erstklassige Infrastruktur. Und Fachkräfte sind reichlich vorhanden – auch mit der ETH, der Universität Zürich, der Universität Luzern und mehreren Fachhochschulen praktisch vor der Haustür. Zudem sind wir klein und überschaubar – das ist gegenüber grösseren Kantonen ein echter, oft unterschätzter Standortvorteil.

Sie haben sich in der Vergangenheit immer wieder am grossen Nachbarn Zürich gerieben. Was ist der Kern Ihrer Kritik am Nachbarkanton?

Mein Eindruck ist: In Zürich ist man einfach nicht mehr so mutig wie früher. Den unternehmerischen Geist und den politischen Willen, den Standort aktiv zu stärken, spüre ich dort von Jahr zu Jahr weniger – während bei uns die Dienstleistungskultur in der Verwaltung sehr ausgeprägt ist. Ich glaube auch, dass die links regierten Zürcher Städte mit ihrer Politik Leistungsträger eher vergraulen als anziehen, was den Zuwanderungsdruck auf Zug erhöht. Trotzdem: Zürich ist mir sympathisch, ich habe dort studiert und gearbeitet. Manchmal weiss ich selbst nicht, ob Zug der Vorort von Zürich ist oder Zürich längst zur Agglomeration von Zug gehört.

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Andere Kantone fordern zunehmend, dass wohlhabende Kantone wie Zug mehr in den nationalen Finanzausgleich einzahlen. Das Geld hätten Sie ja.

Da wird die Eidgenossenschaft schnell zur Neidgenossenschaft, das muss man klar so benennen. Wir erleben das nicht nur in der öffentlichen Debatte, sondern auch innerhalb der Finanzdirektorenkonferenz, wo gerne auf den Klassenprimus gezeigt wird. Wenn es um den Finanzausgleich geht, schont man ausgerechnet die starken Kantone – und Zug im Speziellen – nicht. Ich bin aber durchaus bereit, gewisse Fragen bilateral mit einzelnen Kantonen wie Zürich anzuschauen und dort Leistungen fair abzugelten.

Der Nachbarkanton Luzern hat kürzlich seine Steuern deutlich gesenkt und damit einiges an Aufmerksamkeit erregt.

Mit grosser Freude, ehrlich gesagt. Ich habe dem Luzerner Finanzdirektor Reto Wyss persönlich dazu gratuliert – endlich ein Kanton, der den Mut für diesen Weg aufbringt.

Zug hat dadurch 2026 den Spitzenplatz im interkantonalen Steuerwettbewerb an Luzern verloren. Sollte Sie das nicht beunruhigen?

Nein, das nehme ich gelassen. Es geht hier nicht um Medaillenränge. Steuerwettbewerb ist grundsätzlich etwas Gutes – er hält alle Beteiligten agil, auch uns in Zug.

Was könnte der Kanton Zug von anderen Kantonen lernen? Gibt es da etwas, was Sie sich abschauen könnten, zum Beispiel beim Wohnungsbau?

Wir haben eine wohnpolitische Strategie mit 21 konkreten Massnahmen erarbeitet. Auf gesetzgeberischer Ebene haben wir die Wohnraumförderung bereits angepasst und stärken sie aktuell im Regierungsrat weiter. Die Stossrichtung: schneller bauen, mehr gemeinnützigen Wohnraum schaffen, unnötige Regulierung konsequent abbauen.

Warum stellt der Kanton angesichts der hohen Nachfrage nicht mehr Bauland zur Verfügung?

Weil wir keines haben. Der Bund hat uns hier die Hände gefesselt. Seit dem Bundesbeschluss zur Raumplanung von 2013 können Kantone nicht mehr beliebig neues Bauland einzonen. Im Kanton Zug sind nur noch sogenannte Arrondierungen möglich, also die Abrundung bereits bestehender Bauzonen. Wer an einem Ort neu einzonen will, muss zwingend an anderer Stelle Land auszonen. Das ist eine nationale Vorgabe, an der auch wir leider nicht vorbeikommen.

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Ein grosses Thema in fast jeder Branche: künstliche Intelligenz. Wie stark verändert das Ihre eigene Verwaltung?

Enorm – und das Potenzial ist gross. KI könnte etwa bei der Prüfung von Steuererklärungen erheblich unterstützen. Realistisch betrachtet dürfte das mittelfristig auch Stellen kosten. Das ist ein Thema, das wir sehr ernst nehmen müssen, gerade in der öffentlichen Verwaltung.

Tut sich die Verwaltung schwer, qualifiziertes Personal zu finden – etwa im IT-Bereich?

Im Bereich Informatik und Organisation sowie auch in anderen Bereichen durchaus. Aber ich gehe davon aus, dass mit dem Einsatz der KI eine gewisse Entlastung bezüglich dieses Themas möglich ist.

Zum Schluss: Gibt es Branchen, die der Kanton Zug künftig gezielt noch stärker fördern will?

Nein – im Gegenteil, unser erklärtes Ziel ist es, breit abgestützt zu bleiben. Zug wird in der öffentlichen Wahrnehmung oft auf die Finanzbranche reduziert. Ehrlich gesagt wird das teilweise überschätzt. Tatsächlich sind wir aber auch im Rohstoffhandel, in Life-Sciences, in der Chemie, der Industrie und der Fahrzeugtechnologie stark vertreten – dazu kommt das Crypto Valley. Genau diese Breite halte ich für gute, robuste Wirtschaftspolitik.
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