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Gastbeitrag

Closed-Loop Manufacturing

So denken Unternehmen ihre Produkt- und Prozessentwicklung komplett neu.

Sébastien Martin

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Erfolgreiche Prozesse sind funktionierende Kreisläufe. Getty Images

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Unternehmen investieren gezielt in Digitalisierung, Automatisierung und KI. Dennoch bleiben Effizienzgewinne, Qualitätssteigerungen oder kürzere Entwicklungszeiten häufig hinter den Erwartungen zurück. Der Grund liegt selten in der Technologie selbst. Entscheidend ist vielmehr, wie Produktentwicklung, Prozessdesign und Produktion organisatorisch miteinander verzahnt sind – oder eben nicht. In der Praxis sind diese Bereiche oft durch unterschiedliche Systeme, Verantwortlichkeiten und Denkweisen getrennt. Übergaben erfolgen über Dokumente, Interpretationen und Abklärungsschleifen. Genau an diesem strukturellen Bruch setzt der Closed‑Loop‑Manufacturing‑Ansatz (CLM) an.
Sébastien Martin, Head of Digital Transformation, Helbling Business Advisors, Zürich
CLM beschreibt ein integriertes Modell, das die klassische lineare Logik von Entwicklung, Übergabe, Produktion durch einen geschlossenen, datenbasierten Kreislauf ersetzt. Anstelle isolierter Optimierungen entsteht ein konsistenter Zusammenhang über den gesamten Produktlebenszyklus hinweg. Der Ansatz ist überall dort relevant, wo komplexe Produkte unter steigenden Qualitäts-, Kosten‑ und Zeitvorgaben entstehen – von industriellen Wertschöpfungsketten über Medtech und Hightech bis hin zu Konsumgüterherstellern. Im Zentrum steht der digitale Zwilling – nicht nur jener des Produkts, sondern auch der Zwilling des Produktionsprozesses. Während digitale Produktmodelle seit Jahren etabliert sind, werden Prozesse vielerorts noch immer über statische Dokumentationen, lokale Erfahrungswerte oder isolierte Systeme beschrieben. CLM überträgt das Prinzip des digitalen Zwillings konsequent auf den Prozess selbst und schafft damit eine gemeinsame Referenz für Entwicklung, Betrieb, Qualität und Governance. Ein zentrales Element dieses Modells ist die «Bill of Process». Sie ergänzt die klassische Stückliste um eine strukturierte Beschreibung der Herstellung: Prozessschritte, Anlagen, Konfigurationen, Prüfpläne und Qualitätsanforderungen werden objektbasiert abgebildet. Anders als Arbeitsanweisungen oder Ablaufdiagramme ist die Bill of Process kein statisches Dokument, sondern eine dynamische Grundlage für Simulation, Validierung und Automatisierung. Sie bildet das Rückgrat des digitalen Prozesszwillings.

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Transparenz erhöht die Planungssicherheit

In vielen Organisationen beginnt die Auseinandersetzung mit Produktionsthemen erst spät im Entwicklungsprozess. Anpassungen, Rückkopplungen und Nacharbeiten sind die Folge. CLM verlagert diese Fragestellungen bewusst nach vorne. Prozesslogik, Maschinenanforderungen und Qualitätsmechanismen werden bereits während des Engineering-Prozesses im digitalen Design mitgedacht und abgestimmt. Das reduziert Reibungsverluste, verkürzt Industrialisierungszeiten und erhöht die Planungssicherheit. Der Nutzen dieses Ansatzes zeigt sich insbesondere dort, wo Übergaben oder Produktumstellungen traditionell viel Zeit und Qualität kosten oder die Nachverfolgbarkeit entlang der Produktionskette eine zentrale Rolle spielt. Auch aus Governance‑ und Compliance‑Sicht bietet CLM klare Vorteile: Wenn Soll‑Prozesse, Ausführung und Dokumentation auf einem gemeinsamen digitalen Modell basieren, lassen sich Abweichungen frühzeitig erkennen und systematisch bewerten. Der Dokumentationsaufwand sinkt, die Transparenz steigt, Nachvollziehbarkeit wird zur Eigenschaft des Systems – unabhängig davon, ob man regulatorische oder interne Anforderungen erfüllen muss. Mit dem zunehmenden Einsatz von KI gewinnt CLM weiter an Relevanz. Lernende Systeme benötigen strukturierte, konsistente Daten, um verlässlich zu funktionieren.

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Der digitale Zwilling des Prozesses liefert genau diese Grundlage. Optimierungen, Simulationen oder automatisierte Dokumentationen können so innerhalb definierter Leitplanken erfolgen – nicht ad hoc, sondern eingebettet in ein validiertes Gesamtsystem. CLM ist damit keine rein technologische Initiative. Es ist ein Organisations- und Führungsansatz, der Silos überwindet und Verantwortlichkeiten neu verbindet. Die grössten Herausforderungen liegen erfahrungsgemäss in der Zusammenarbeit von Entwicklung, Engineering, Qualität und Produktion. Unternehmen, die diesen Wandel aktiv gestalten, schaffen die Basis für schnellere Innovationszyklen, höhere Produktqualität und resilientere Wertschöpfung. Nicht einzelne Tools entscheiden über die Wettbewerbsfähigkeit, sondern integrierte Denk‑ und Arbeitsweisen. Closed-Loop Manufacturing zeigt, wie Produkt‑ und Prozessentwicklung neu orchestriert werden können – durchgängig, datenbasiert und zukunftsfähig.

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