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Interview

«Wir stehen gleichzeitig vor verschiedenen Kipppunkten»

Die fundamentalen Prämissen der beruflichen Vorsorge ändern sich. Es sei Zeit, sich ganz neue Systeme vorzustellen, findet Zukunftsforscher Jakub Samochowiec.

Sandra Willmeroth

«Die Wahrscheinlichkeit von Brüchen und Diskontinuitäten scheint heute höher zu sein als je zuvor seit dem Zweiten Weltkrieg», erklärt Zukunftsforscher Jakub Samochowiec.
«Die Wahrscheinlichkeit von Brüchen und Diskontinuitäten scheint heute höher zu sein als je zuvor seit dem Zweiten Weltkrieg», erklärt Zukunftsforscher Jakub Samochowiec.zVg

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Sie beschäftigen sich am Gottlieb Duttweiler Institute mit Zukunftsszenarien. Weshalb sollte sich die berufliche Vorsorge dafür interessieren?

Pensionskassen planen über Zeiträume von dreissig, vierzig oder sogar sechzig Jahren. Um das zu können, müssen sie bestimmte Erwartungen zu Wirtschaft, Arbeitswelt, Demografie oder Kapitalmärkten definieren. Lange Zeit funktionierte das relativ gut; die Welt entwickelte sich linear. Heute stehen wir jedoch gleichzeitig vor verschiedensten Kipppunkten.

Sie sprechen bewusst von Szenarien und nicht von Prognosen. Weshalb?

Niemand kann die Zukunft vorhersagen. Mit Szenarien versuchen wir, einen Möglichkeitsraum abzustecken. Dazu bündeln wir typische Zukunftserzählungen aus Wissenschaft, Politik, Wirtschaft oder Kultur zu idealtypischen Szenarien. Diese treten in der Realität nie in Reinform auf. Aber sie helfen dabei, Entwicklungen sichtbar zu machen und Konsequenzen durchzuspielen.

Welche Grundannahmen der beruflichen Vorsorge erscheinen Ihnen besonders fragil?

Die wichtigste Annahme ist vermutlich, dass die Zukunft in ihren Grundzügen der Vergangenheit ähnelt. Das betrifft das Wirtschaftswachstum, die Stabilität von Institutionen, die Funktionsfähigkeit von Kapitalmärkten oder die Struktur der Arbeitswelt. Viele Modelle basieren implizit darauf, dass diese Rahmenbedingungen erhalten bleiben. Das muss nicht falsch sein. Aber die Wahrscheinlichkeit von Brüchen und Diskontinuitäten scheint heute höher zu sein als je zuvor seit dem Zweiten Weltkrieg.

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Sind wir tatsächlich in einer aussergewöhnlichen Phase, oder neigen Menschen einfach dazu, ihre eigene Zeit für besonders turbulent zu halten?

Natürlich gab es in jeder Epoche Menschen, die das Ende der bekannten Welt kommen sahen. Dennoch gibt es heute einige Entwicklungen, die zentrale Stützen unseres Wohlstandes ins Wanken bringen. Die geopolitische Nachkriegsordnung, die Pax Americana, scheint sich aufzulösen, der Klimawandel wird zunehmend schmerzhaft, und es drohen Kipppunkte wie der Kollaps des Golfstroms. Ausserdem haben wir eine wohl noch nie dagewesene Alterung der Gesellschaft. Dazu kommt die künstliche Intelligenz, die entweder sehr vielen Menschen die Jobs wegnimmt oder aber einen riesigen Wirtschaftscrash verursacht – vielleicht auch beides gleichzeitig.

Eines Ihrer Szenarien beschreibt einen gesellschaftlichen Kollaps. Was verstehen Sie darunter?

Es beschreibt eine Welt, die unter der Last ihrer eigenen Komplexität unkontrolliert zusammenbricht, weil die Aufrechterhaltung dieser Komplexität immer aufwendiger wird. Moderne Gesellschaften beruhen auf hochkomplexen Lieferketten, Infrastrukturen und Institutionen. Je komplexer ein System wird, desto anfälliger wird es für Störungen, ob Unfälle, seltene Extremereignisse oder Angriffe – die Pandemie hat das eindrücklich gezeigt.

Was bedeutet ein solches Szenario für Pensionskassen?

Die Frage ist, ob sie sich gegen solche Risiken schützen können, indem sie etwa mehr auf Redundanz und Nachhaltigkeit setzen, oder ob sie, um die nötigen Renditen zu erzielen, gar keine andere Wahl haben, als riskante Wetten einzugehen.

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Viele Pensionskassen beschäftigen sich intensiv mit Risiken. Wird die Branche solchen Unsicherheiten nicht bereits gerecht?

Natürlich beschäftigen sich Pensionskassen mit Risiken, aber die Frage ist, welche Risiken in Betracht gezogen werden und welchen Spielraum Pensionskassen haben. Oft diskutieren wir innerhalb eines relativ engen Korridors, wenn wir über technische Zinssätze, Umwandlungssätze oder Anlagerenditen sprechen. Seltener stellen wir die grundlegenden Annahmen infrage, auf denen das gesamte System beruht. Zukunftsszenarien sollen helfen, genau diese impliziten Voraussetzungen sichtbar zu machen.
Zur Person
Jakub Samochowiec ist Senior Researcher und Speaker am Gottlieb Duttweiler Institute. Der promovierte Sozialpsychologe analysiert gesellschaftliche und technologische Entwicklungen und deren Zusammenspiel. Insbesondere interessieren ihn dabei Geschichten, die wir uns über die Zukunft erzählen – und welche Menschenbilder und Machtansprüche hinter ihnen stecken.

Ein weiteres Szenario beschreibt eine Welt der Gig-Economy. Weshalb ist dieses Szenario für die berufliche Vorsorge besonders relevant?

Weil die berufliche Vorsorge historisch eng mit der klassischen Festanstellung verbunden ist. Das System entstand in einer Industriegesellschaft, in der viele Menschen über Jahrzehnte beim gleichen Arbeitgeber beschäftigt waren und zu einem klar definierten Berufsstand gehörten, in dem sie für ihre Rechte kämpften und untereinander Solidarität zeigten. Wenn Erwerbsbiografien künftig stärker projektbasiert, fragmentiert oder plattformvermittelt werden, gerät diese Logik unter Druck. Die Frage lautet dann, wie soziale Sicherheit organisiert werden kann, wenn klassische Arbeitgeber-Arbeitnehmer-Beziehungen an Bedeutung verlieren.

Beobachten wir diese Entwicklung bereits heute?

Zumindest in Ansätzen. Wir sehen mehr projektbezogene Arbeit und häufigere Stellenwechsel. Wir sprechen von Talenten und individuellen Profilen, was die Einzigartigkeit jedes und jeder Einzelnen impliziert. Gleichzeitig ermöglichen digitale Technologien, Arbeitsleistungen immer kleinteiliger zu organisieren und zu vermitteln – vielerorts entsteht eine neue Unterschicht von selbstständig erwerbenden Gig-Arbeitnehmenden, die etwa Essen ausliefern und eine Maschine als Vorgesetzte haben. Unternehmen existieren unter anderem deshalb, weil sie Transaktionskosten reduzieren. Wenn Technologien diese Kosten senken, können theoretisch mehr Tätigkeiten direkt über Märkte organisiert werden. Daraus ergibt sich die Frage, welche Rolle traditionelle Institutionen künftig noch spielen werden.

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Technologie wird oft als Ursache dieser Entwicklung genannt. Ist sie tatsächlich der Treiber?

Technologie spielt eine Rolle, sie kann aber sehr unterschiedlich angewendet werden. Dieselben Daten können genutzt werden, um Menschen zu befähigen, oder aber, um sie zu kontrollieren. Wer glaubt, dass Menschen ohne Zwang und Kontrolle nicht arbeiten oder sich sonst schlecht verhalten, verfügt dank der Digitalisierung über wahnsinnig mächtige Kontrollwerkzeuge – bei der Frage, wie man Technologie nutzt, kommt es also auf das Menschenbild an.
Vier Zukunftsszenarien
  • Kollaps: Eine unkontrollierte Reduktion gesellschaftlicher Komplexität durch Krisen, Konflikte oder Systemausfälle. Globale Lieferketten, Infrastrukturen und Institutionen verlieren an Stabilität; Versorgung und Problemlösung verlagern sich stärker auf lokale Strukturen.
  • Degrowth: Gesellschaft und Wirtschaft reduzieren ihren Ressourcenverbrauch bewusst. Materieller Wohlstand tritt gegenüber Lebensqualität, Nachhaltigkeit und Gemeinschaft in den Hintergrund. Weniger Wachstum gilt nicht als Verlust, sondern als Gewinn an Lebensqualität.
  • Gig-Economy-Prekariat: Arbeit wird zunehmend projektbasiert und über digitale Plattformen organisiert. Klassische Festanstellungen und traditionelle Sozialversicherungen verlieren an Bedeutung. Die Erwerbstätigen müssen sich laufend neu qualifizieren und vermarkten.
  • KI-Luxus: Künstliche Intelligenz übernimmt einen grossen Teil der Arbeit und schafft breiten Wohlstand. Die materielle Existenz ist gesichert, Arbeit wird freiwilliger und sinnstiftender. Gleichzeitig stellt sich die Frage, wie Menschen Freiheit, Verantwortung und Sinn gestalten.

Welche Rolle spielt die KI dabei?

Künstliche Intelligenz kann Menschen befähigen und produktiver machen. Sie erlaubt aber auch eine viel weitreichendere Kontrolle als je zuvor. Elon Musks Organisation Doge forderte beispielsweise alle Staatsangestellten der USA auf, in einem Mail darzulegen, was sie in den letzten Wochen geleistet haben, und liess seine KI dann entscheiden, wen man entlassen kann. Es besteht die Gefahr, dass Menschen ihr Verhalten zunehmend an Kennzahlen und Algorithmen ausrichten. Dann optimieren wir nicht mehr für reale Bedürfnisse, sondern für Messgrössen.

Die Debatte über künstliche Intelligenz schwankt zwischen Heilsversprechen und Untergangsszenarien. Wo stehen Sie?

Es gibt Bereiche, in denen sie sehr vielversprechend ist – etwa bei der Vorhersage, wie sich Proteine falten, um neue Medikamente zu entwickeln. In manchen anderen Bereichen bin ich skeptischer. So wird beispielsweise oft mehr Effizienz versprochen – wir könnten schneller Texte verfassen und verarbeiten. Doch was tun wir mit der gesparten Zeit? Werden wir nicht einfach mehr Mails, Jobbewerbungen, Projektanträge, Beschwerdebriefe, Spam-Mails und so weiter schreiben und erhalten? Auch das Versprechen, ganz neue Ideen zu generieren, halte ich für fraglich. Fehlt es uns wirklich an Ideen? Wir wissen zum Beispiel, was gegen den Klimawandel zu tun wäre. Wenn wir uns das Gleiche noch mal von Chat GPT erklären lassen, kommen wir dem Ziel der Klimaneutralität kein bisschen näher – im Gegenteil.

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Unterschätzen Pensionskassen die Geschwindigkeit des Wandels?

Ich bin nicht sicher, ob Geschwindigkeit das eigentliche Problem ist. Bei Covid ging alles sehr schnell, und wir haben auch schnell gehandelt. Der Klimawandel verläuft langsamer, weshalb das Thema als weniger dringlich empfunden und eher auf die lange Bank geschoben wird. So gibt es auch Menschen, die sich Sorgen machen, dass KI zwar Jobs wegnehmen wird, aber in einem zu langsamen Tempo, um wirklich grundlegende Veränderungen vorzunehmen.

Was bedeutet das konkret für die berufliche Vorsorge?

Die berufliche Vorsorge ist naturgemäss auf Stabilität ausgelegt. Das ist grundsätzlich sinnvoll, aber gleichzeitig besteht die Gefahr, dass Systeme zu stark auf vergangene Erfahrungen ausgerichtet bleiben. Deshalb könnte es hilfreich sein, regelmässig auch Annahmen zu diskutieren, die heute als selbstverständlich erscheinen. Nicht weil sie falsch sein müssen, sondern weil ihre Fragilität zugenommen hat.

Welche Annahme sollte die Vorsorgebranche Ihrer Meinung nach besonders kritisch hinterfragen?

Wahrscheinlich die Vorstellung eines dauerhaft stabilen wirtschaftlichen Wachstums. Ein grosser Teil unserer Institutionen basiert auf dieser Erwartung. Das bedeutet nicht, dass Wachstum verschwindet oder dass ein Zusammenbruch bevorsteht. Aber die Annahme ist so grundlegend geworden, dass sie oft gar nicht mehr ausgesprochen wird. Genau solche stillschweigenden Voraussetzungen sollten regelmässig überprüft werden.

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Wenn Sie heute im Stiftungsrat einer grossen Schweizer Pensionskasse sässen: Welche Frage würden Sie als Erstes stellen?

Ich würde fragen: Welche Annahmen über die Zukunft halten wir für so selbstverständlich, dass wir sie kaum noch als solche erkennen? Und was passiert, wenn sie sich als falsch erweisen? Genau darin liegt der eigentliche Zweck von Zukunftsszenarien. Sie sollen nicht vorhersagen, was kommt. Sie sollen unseren Handlungsspielraum erweitern, indem sie Alternativen sichtbar machen. Denn je früher wir über mögliche Zukünfte nachdenken, desto grösser ist die Chance, sie aktiv mitgestalten zu können.
Das Institut
Das Gottlieb Duttweiler Institute (GDI) in Rüschlikon bei Zürich ist einer der renommiertesten Thinktanks Europas. Seit 1962 analysiert es gesellschaftliche, wirtschaftliche und technologische Trends und untersucht deren Auswirkungen auf Unternehmen, Politik und Gesellschaft. Ein Schwerpunkt liegt auf der Entwicklung von Zukunftsszenarien, die mögliche Entwicklungen und deren Konsequenzen sichtbar machen sollen.
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