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Wirtschaftsraum Baden

Wiege der Schweizer Innovationskraft

Die Region Baden hat eine hohe Dichte an Bildungsinstituten. Das ist nicht zuletzt auf den Austausch mit der Wirtschaft zurückzuführen.

Werner Rüedi

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Die Berufsfachschule BBB ist ein wichtiger Teil des Bildungs-Clusters in Baden. zVg

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Libs, Fitt, FHNW, BBB, BNAO, ABB Technikerschule, ZB Zentrum Bildung: Was wie ein Akronym-Dschungel daherkommt, bildet das institutionelle Rückgrat, mit dem die Region Baden ihren Nachwuchs durch praxisnahe Berufsaus- und Berufsweiterbildung stärkt. Über die Jahre ist in der Region ein eigentliches Bildungs-Cluster entstanden, dessen Bedeutung inzwischen weit über die Region hinausstrahlt. Einer der Erfolgsfaktoren ist ein intensiver und nachhaltiger Austausch zwischen Bildungsinstituten und der Wirtschaft. «Der Bildungs-Cluster rund um Baden ist eng mit der industriellen Entwicklung der Region verbunden», erzählt Rolf Häner, Rektor der Berufsfachschule BBB. In der Tat: Baden war unter anderem auch dank Unternehmen wie ABB über Jahrzehnte ein international bedeutender Industrie- und Technologiestandort – und ist es bis heute. «Diese Tradition hat ein Umfeld geschaffen, das technische Innovation, Fachkräfteentwicklung und Bildung als strategische Erfolgsfaktoren versteht», so Häner. Die Dichte von Bildungsinstitutionen sei also kein Zufall, sondern das Ergebnis eines gewachsenen und weiterhin hochdynamischen Industriestandorts.

Von der Abendschule zum Bildungszentrum

Der Kanton Aargau ist besonders im Grossraum Baden/Brugg stark in den Bereichen Energie- und Elektrotechnik, Automation, Maschinenbau und Informatik. Die Bildungsangebote spiegeln diese Spezialisierung wider. Ein gutes Beispiel ist die ABB Technikerschule, deren Ursprünge bis in die 1940er-Jahre zurückreichen. Die damalige BBC führte für ihre Mitarbeitenden technische Abendkurse durch und legte damit den Grundstein für die heutige Ausbildung.

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Für Thomas Kunz, Schulratspräsident der ABB Technikerschule, zeigt die Entwicklung Badens exemplarisch, wie sich Industriestandorte erfolgreich an wirtschaftliche und technologische Veränderungen anpassen können. Dieser Meinung ist auch Christian Villiger, CEO der Libs, dem Ausbildungsunternehmen der Schweizer Hightech-Branche, welches im Auftrag von rund 190 Firmen Lernende ausbildet – und wie die ABB Technikerschule ein Spin-off der ABB ist. Für Villiger haben mehrere Faktoren zur komfortablen Situation in der Region Baden geführt. Neben der Industrieprägung, welche zu einem grossen Bedarf an qualifizierten Fachkräften geführt hat, sind die geografische Lage sowie Erreichbarkeit Pluspunkte.

Bildung im Verbund

«Heute verstärken sich diese Einrichtungen gegenseitig: Unternehmen, Berufsbildung und Hochschulen sind in Baden eng vernetzt und bilden gemeinsam ein regionales Ökosystem für Technik- und Industriekompetenzen», erklärt Raphael Markstaller, Leiter Wissens- und Technologietransfer der Fitt (Forschung, Innovation und Technologietransfer), der Wissens- und Technologietransferstelle der Fachhochschule Nordwestschweiz (FHNW) und der Aargauischen Industrie- und Handelskammer (AIHK). Durch das Schweizer Bildungssystem sind die Institutionen automatisch miteinander verbunden: Berufslehre bei der BBB, nach der Berufsmaturität an die FHNW. Oder Lehre, etwa via Libs, dann an die Höhere Fachschule. Die ABB Technikerschule gilt als Weiterbildungsstufe für Berufsleute. Diese Durchlässigkeit erzeugt einen institutionell vorgesehenen Austausch, etwa mit der Anerkennung von Vorleistungen, abgestimmten Lehrplänen und koordinierten Übergängen.

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Zwischen den einzelnen Akteuren bestehen konkrete Zusammenarbeiten, beispielsweise die im letzten Jahr lancierte Summer School (siehe Box), die junge Talente, Bildungsinstitutionen und Unternehmen aus der Region zusammenbringt. In ein ähnliches Horn stösst das Format «Baden hackt»: Der Hackathon bringt junge Talente und Unternehmen in einem kreativen Umfeld zusammen und zeigt exemplarisch, wie das Bildungsnetzwerk Aargau Ost (BNAO) Bildung und Wirtschaft erfolgreich vernetzt. Daneben gibt es weitere gemeinsame Projekte, etwa zwischen Libs und Industriepartnern wie ABB oder Firmen wie Accelleron, GE Vernova oder Hitachi, aber auch Praxisprojekte und Weiterbildung in Zusammenarbeit mit der ABB Technikerschule, den Austausch von Dozierenden und Experten sowie die Nutzung gemeinsamer Infrastruktur. «Diese Kooperationen sind oft projektbasiert und weniger öffentlich sichtbar, aber im Alltag sehr präsent», sagt Libs-CEO Christian Villiger. Gerade in einer überschaubaren Region wie Baden spielen persönliche Netzwerke eine grosse Rolle. Lehrpersonen wechseln zwischen Institutionen, Fachkräfte aus Unternehmen unterrichten nebenamtlich. Villiger: «Das erzeugt einen starken Wissens- und Personalaustausch, auch ohne formelle Kooperationsverträge.»

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«Der Austausch zwischen Bildungsinstitutionen sowie zwischen Wirtschaft und Politik ist entscheidend für die Weiterentwicklung der Höheren Fachschulen», erklärt Thomas Kunz von der ABB Technikerschule. «Lernzentren und Höhere Fachschulen leisten beide einen zentralen Beitrag zur Fachkräfteentwicklung. Während Lernzentren junge Talente praxisnah in die Berufswelt einführen, vertiefen Höhere Fachschulen dieses Wissen und bereiten Fachkräfte gezielt auf anspruchsvolle Aufgaben und die dynamischen Veränderungen der Arbeitswelt vor.» Gleichzeitig stärke die Zusammenarbeit mit Fachhochschulen die Durchlässigkeit zwischen akademischer und praxisorientierter Bildung und sorge für eine bessere Abstimmung der Bildungsangebote.

Magnet für Talente

Für Libs-CEO Christian Villiger steigert ein konzentriertes Bildungsangebot die Attraktivität der Region für Unternehmen, Studierende und Fachkräfte. Ein Cluster wirke selbstverstärkend: «Gute Ausbildung zieht Firmen an, Firmen ziehen Talente an, und Talente stärken wiederum die Bildungsinstitutionen. Damit sichern wir langfristig wirtschaftliche Stabilität und Wachstum.» Und: «Der institutionelle Austausch dient dazu, Fachkräfte systematisch zu entwickeln, Bildungswege flexibel zu gestalten, Innovation zu fördern und damit die Wettbewerbsfähigkeit der Region zu sichern.» Baden als Technologie- und Bildungsstandort strategisch zu stärken, ist für Villiger also kein Selbstzweck, sondern ein Instrument regionaler Entwicklungs- und Wirtschaftspolitik.

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Doch wie müssen die künftigen Erfolgsfaktoren ausgestaltet sein, damit die Wirtschaftsunternehmen auch in Zukunft auf Nachwuchs zählen können? Für Rolf Häner, Rektor der Berufsfachschule BBB, wird entscheidend sein, dass die Berufsbildung konsequent weiterentwickelt wird. Dazu gehören eine enge Zusammenarbeit zwischen Schulen, Betrieben und Verbänden, eine moderne, digitale und KI-gestützte Lernumgebung und ein Ausbildungssystem, das flexibel bleibt und Innovation zulässt. Für Raphael Markstaller wie auch für Christian Villiger wird entscheidend sein, junge Menschen weiterhin früh für Innovation, Technik und Wirtschaft zu begeistern. Initiativen, die praxisnahe Einblicke in neue Technologien ermöglichen, spielen dabei eine wichtige Rolle. Markstaller: «Wenn Schülerinnen und Schüler früh erleben, wie relevant technische Berufe sind, steigt auch die Wahrscheinlichkeit, dass sie sich für einen entsprechenden Ausbildungsweg entscheiden.»
Ein weiteres zentrales Thema ist für Thomas Kunz die internationale Verständlichkeit der Abschlüsse. Diskussionen über neue Titel wie «Professional Bachelor» sollen dazu beitragen, die höhere Berufsbildung auch ausserhalb der Schweiz besser einzuordnen und ihre Attraktivität zu stärken. «Wir sind überzeugt: Wenn Höhere Fachschulen ihre Praxisnähe bewahren, Innovationen aufnehmen und ihre Abschlüsse international sichtbarer machen, bleiben sie auch in Zukunft ein Erfolgsmodell des Schweizer Bildungssystems.»

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Sprungbrett in die Hightech-Welt

Die Summer School Baden 4.0 ist eine dynamische Bildungsplattform, die als Brücke zwischen der akademischen Welt und der hochspezialisierten Industrie in der Region Baden fungiert. In diesem meist einwöchigen Programm arbeiten Studierende technischer Fachrichtungen an realen Fragestellungen aus der Praxis, den sogenannten Business-Challenges. Dabei stehen zukunftskritische Themen wie Robotik, künstliche Intelligenz und nachhaltige Energietechnik im Zentrum. Nach der erfolgreichen Premiere im August 2025 ist die Fortsetzung für August 2026 in Planung.Getragen wird die Initiative von einem starken Netzwerk aus der ABB Technikerschule, der Fachhochschule Nordwestschweiz (FHNW), der Stadt Baden und der Aargauischen Industrie- und Handelskammer (AIHK). Namhafte Partner wie Accelleron, Aveniq oder Hitachi Energy beteiligen sich aktiv, indem sie Herausforderungen stellen und ihre Labore öffnen. Der Zweck besteht darin, den Fachkräftemangel durch frühe Vernetzung zu bekämpfen und den Wissenstransfer zu fördern, während die Teilnehmenden gleichzeitig wertvolle Kontakte zu potenziellen Arbeitgebern knüpfen.

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