Fragile Unternehmen funktionieren im Aufschwung oft ordentlich, Krisen legen ihre strukturellen Schwächen jedoch schonungslos offen. Unter Druck geraten sie rasch ins Wanken. Zu dieser Kategorie zählen etwa Airlines, Tourismusunternehmen oder stark zyklische Luxusgüterhersteller, deren Geschäftsmodelle in Abschwüngen besonders anfällig sind. Robuste Unternehmen bleiben hingegen in unsicheren Zeiten stabil. Energie- und Versorgungsbetriebe zum Beispiel sichern ihre Erträge selbst in Krisen ab. Sie überstehen so Turbulenzen auf den Märkten, doch von Krisen profitieren sie nicht.
David Windisch und Christoph Wirtz, Fondsmanager, Rothschild & Co Bank
Sehr national ausgerichtet
Daneben existiert eine kleine, aber entscheidende Gruppe von Unternehmen, für die Volatilität, Stress und Störungen kein Risiko, sondern ein Vorteil sind. Der Risikotheoretiker Nassim Nicholas Taleb bezeichnet sie als «antifragil». Sie zu identifizieren, ist jedoch nicht einfach, denn Antifragilität ist kein offizielles Bewertungskriterium und zeigt sich weniger in Bilanzkennzahlen oder ESG-Ratings als im Verhalten eines Geschäftsmodells unter Druck. Diese Unternehmen verzichten bewusst auf maximale Effizienz, verfügen über schlanke und nicht überoptimierte Geschäftsmodelle, sind geografisch, kunden- und produktseitig breit diversifiziert und halten einen hohen Anteil variabler Kosten. Hohe Margen schützen ihre Ertragskraft, während geringe Verschuldung, starke Mittelzuflüsse und Liquiditätspolster die Handlungsfähigkeit gewährleisten. Zentral aber ist: Ihre Produkte und Dienstleistungen sind notwendig und nicht beliebig verzichtbar. Häufig produzieren diese Firmen dort, wo sie auch ihre Umsätze erzielen, und sind dadurch weitgehend gegen Währungsschwankungen abgesichert. Gleichzeitig sind sie weniger abhängig von politisch volatilen Rahmenbedingungen. So können sie in Krisenzeiten investieren, Marktanteile gewinnen und von Unsicherheit profitieren, während Mitbewerber sparen müssen. Ihre Geschäftsmodelle sind schon im Kern nicht für Schönwetterphasen optimiert, sondern für reale Märkte mit Rezessionen, geopolitischen Schocks und gestörten Lieferketten. Bei negativen Ereignissen wird der Schaden begrenzt, während positive Entwicklungen stärker wirken und überproportionale Chancen eröffnen.
Erfolgreiche Schweizer Beispiele
Was antifragile Unternehmen verbindet, ist kein Sektor, sondern Struktur. Hohe Margen schaffen Schutz, variable Kosten Flexibilität, und eine geringe Verschuldung bringt Handlungsfreiheit. Wie diese Prinzipien in der Praxis wirken, zeigen die Aufzüge von Schindler. Diese werden in vielen Gebäuden täglich verwendet, doch der Umsatz des Unternehmens ist dank dem stabilen Wartungsgeschäft weniger abhängig von Bauzyklen, als es scheint. Da ein signifikanter Teil des Erlöses aus dem Service- und Wartungsgeschäft stammt, bleibt der Cashflow selbst dann stabil, wenn die Investitionen in neue Gebäude zurückgehen. Eine ähnliche operative Widerstandskraft beweist auch Belimo. Das auf Bauteile für Gebäudeklimatechnik spezialisierte Unternehmen hat sich durch Innovation zum Marktführer entwickelt und profitierte während der Covid-Pandemie massiv von seiner gut organisierten Fertigung: Als Mitbewerber Lieferschwierigkeiten hatten, sprang Belimo ein und gewann Marktanteile. Getrieben wird dieses Geschäft zusätzlich durch die wachsende Nachfrage nach effizienter, gesundheitskonformer Gebäudetechnik. Diese Kombination aus technischer Notwendigkeit und krisenfestem Servicemodell findet sich auch bei Accelleron. Das Unternehmen entwickelt, baut und wartet Turbolader für Schiffsmotoren, die den Verbrauch reduzieren und gleichzeitig die Leistung erhöhen – wodurch sie sich in nützlicher Frist selbst finanzieren. Da mehr als 70 Prozent des Umsatzes durch den ohnehin anfallenden Service generiert werden, ist das Modell hochgradig stabil. Und dass solche Schutzmechanismen auch im Konsumgüterbereich greifen, zeigt schliesslich Lindt & Sprüngli. Der Premiumschokoladenhersteller, dessen Produkte in rund 120 Ländern erhältlich sind, nutzt seine starken Marken, die globale Diversifikation und vor allem die Preissetzungsmacht, um Nachfrage und Margen selbst in wirtschaftlich schwierigen Zeiten zu sichern. Das funktioniert nicht zuletzt deshalb, weil sich Konsumenten gerade dann bewusst eine Premiumschokoladentafel gönnen.
Renditechancen erkennen
Heute greifen Regierungen und Zentralbanken stark in die Märkte ein. Die Folge sind zahlreiche «Zombiefirmen», die künstlich am Leben gehalten werden und notwendige Strukturbereinigungen verzögern. Doch ein Reinigungsprozess wird früher oder später einsetzen. Die nächste Krise ist keine Frage des Ob, sondern des Wann. Für Investoren bedeutet das: Es gilt nicht, Unsicherheit zu vermeiden, sondern Geschäftsmodelle zu identifizieren, die davon profitieren. Antifragile Unternehmen liefern hier eine überzeugende Antwort. Wer in solche Strukturen investiert, erhält keine Krisenanfälligkeit, sondern gewinnt Krisenstärke.