Sterzing, Bozen: zwei kleine Städte am Fuss der Alpen und Heimat von drei spannenden Unternehmen. Die Unternehmensgruppe HTI, der Beschneiungsspezialist TechnoAlpin und das Radbekleidungslabel Sher haben eines gemeinsam: Sie entwickeln ihre Lösungen unter den härtesten Bedingungen, die es gibt – im Hochgebirge, bei Kälte, Höhenunterschieden und extremer Beanspruchung. Ihre Produkte sind auch international sehr begehrt.
Seilbahnen für den Nahverkehr
Die Unternehmensgruppe HTI mit Hauptsitz in Sterzing ist weltweit in den Bereichen Seilbahnen (Leitner, Poma, Bartholet, Agudio, Seik), Pistenfahrzeuge, Ketten-Nutzfahrzeuge und Vegetationsmanagement (Prinoth und Jarraff ), Beschneiung und Staubbindesysteme (Demaclenko, HKD und WLP), digitalisiertes Skigebietsmanagement (Skadii), Windenergie (Leitwind) und Wasserkraft (Troyer) tätig. 4955 Mitarbeitende sind aktuell – verteilt auf weltweit 22 Produktionsstandorte und 110 Niederlassungen – für die Unternehmensgruppe tätig. HTI erzielte 2025 einen Umsatz von 1,6 Milliarden Euro.
Was ursprünglich für den Transport von Skifahrerinnen und -fahrern auf den Berg entwickelt wurde, findet zunehmend seinen Weg in die Stadt. Mit einer Gesamtlänge von rund 24 Kilometern waren bis Ende 2023 drei Seilbahnsysteme mit insgesamt sieben Anlagen im Grossraum Mexiko-Stadt im Einsatz. Aktuell befinden sich vier weitere Projekte in Umsetzung.
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Seilbahnkonzept für den Nahverkehr in Mexico.Eyepix via www.imago-images.de
Seilbahnkonzept für den Nahverkehr in Mexico.Eyepix via www.imago-images.de
Ungefähr 40 weitere Kilometer Seilbahnen werden künftig dazukommen. Auf Korsika eröffnete die Tochtergesellschaft Poma im vergangenen Herbst mit «Angelo» in Ajaccio eine drei Kilometer lange Seilbahn, in Toulouse ist seit 2021eine vollständig ins öffentliche Nahverkehrsnetz integrierte Seilbahn in Betrieb. Allein 2025 realisierte zudem Leitner Poma of America 16 neue Seilbahnanlagen in Nordamerika. Mit dem von Leitner entwickelten und patentierten System Connx kombiniert das Unternehmen Seilbahntechnik mit autonom fahrenden, führerlosen Kabinen und treibt so E-Mobilität im urbanen Verkehr voran. Der Gedanke dahinter: Seilbahnen überwinden Höhenunterschiede und Staus gleichermassen elegant – mit elektrischem Antrieb, platzsparend und ohne neuen Strassenbau.
Konzernchef Anton Seeber bringt die Ausdehnung des Geschäftsfelds auf den Punkt: Urbane Verkehrslösungen seien längst ein zentrales Thema für das Unternehmen geworden. Je nach Jahr könnten solche Nahverkehrsprojekte bis zu 40 Prozent zum Konzernumsatz beitragen.
Schnee als Infrastrukturprojekt
Auch TechnoAlpin aus Bozen zeigt, wie alpines Spezialwissen zur E-Infrastruktur-Frage wird. Aus der Not zweier Betriebsleiter im Skigebiet Obereggen entstanden, die Anfang der 1980er-Jahre mangels Schneefalls einen eigenen Schneeerzeuger aus Landmaschinenteilen bauten, hat sich das 1990 gegründete Unternehmen vom Pionier der Schneeerzeugung zum Weltmarktführer für schlüsselfertige Beschneiungsanlagen entwickelt; mehr als 2400 Kunden in über 50 Ländern setzen auf sein Know-how, rund 700 Mitarbeitende sorgen in 17 Niederlassungen für lokale Präsenz. TechnoAlpin plant und betreut komplette Systeme – von Wasser- und Luftversorgung über Pumpstationen bis zur intelligenten Steuerung, alles aus einer Hand.
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Vorbereitung einer Schneekanone von TechnoAlpinHannes Niederkofler
Vorbereitung einer Schneekanone von TechnoAlpinHannes Niederkofler
Zentral ist dabei die Verbindung von Beschneiung und Energieerzeugung: Wo Wasserleitungen und Höhendifferenzen ohnehin vorhanden sind, kann TechnoAlpin die Anlagen mit Kleinwasserkraftwerken kombinieren. In Davos stammen bereits rund 60 Prozent des Beschneiungsstroms aus solchen integrierten Kraftwerken – ein Modell für Mehrfachnutzung bestehender Infrastruktur, wie sie auch Städte suchen. Datenanalyse und maschinelles Lernen prognostizieren zudem, wann die besten Bedingungen für die Schneeproduktion herrschen, was Energieeinsparungen von über 20 Prozent ermöglicht (siehe auch: https://www.technoalpin.com/de/ nachhaltigkeit/punktgenaue-wettervorhersage). Mit der Tochtergesellschaft Xelom baut TechnoAlpin ausserdem vollelektrische Pistenfahrzeuge – ein weiterer Schritt vom Maschinenbauer zum Anbieter elektrifizierter Systemlösungen.
«Engineered in the Alps» zeigt sich nicht nur in technischen Lösungen der Industrie. Sara Canali verkörpert mit Sher eine andere Seite alpiner Kompetenz: Wer die Casa Sher im Herzen von Bozen betritt, spürt sofort, dass es hier um weit mehr geht als um Stoffe, Schnitte und Kollektionen. Es ist ein Ort der Begegnung, des Austauschs und des gemeinsamen Aufbruchs. Gründerin und Geschäftsführerin Sara Canali empfängt ihre Gäste mit Leidenschaft, Fachkompetenz und klarer Kante. Vor rund sechs Jahren – mitten in der Pandemie – legte sie den Grundstein für Sher. Ihre Vision: Sport- und insbesondere Radbekleidung neu zu denken – radikal aus weiblicher Perspektive, ohne Kompromisse und frei von den altbekannten Klischees einer von Männern dominierten Sportwelt. «Ich habe jahrelang in der Sportbranche gearbeitet – unter anderem bei Odlo und zehn Jahre in der Schweiz. Ich habe immer das Gefühl gehabt, das kann doch nicht sein: Wir machen Kollektionen für Männer und dann das Gleiche für die Frau, nur mit ein bisschen anderer Farbe oder Form.
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Der Name Sher ist dabei Programm: Das «S» steht für Sport, «her» für die Frau, und die zwei X im Logo symbolisieren die weiblichen Chromosomen. «Der Impuls kam aus meiner eigenen Erfahrung im Radbereich, wo ich extrem viele Probleme hatte – vor allem mit Sattelschmerzen und dauernden Problemen im Intimbereich. Ich habe damals mit 300 Frauen in ganz Europa persönliche Gespräche geführt, um zu wissen: Warum fahrt ihr nicht Fahrrad? Welche Schwierigkeiten gibt es? Jede zweite Frau, die regelmässig Rad fährt, hat Probleme im Intimbereich. Aber es ist ein totales Tabuthema», sagt Canali.
Innovationen für den weiblichen Körper
Ob Taubheitsgefühle, Druckschmerzen oder wiederkehrende Blasen- und Pilzinfektionen durch feuchte, synthetische Sitzpolster. In einer dreimonatigen Testphase mit 25 Athletinnen, die über 7000 Kilometer zurücklegten, entwickelte Sher ein neuartiges Sitzpolster aus einem Guss – ohne störende Klebenähte. Zudem setzte Canali auf eine textile Weltneuheit: ein dauerhaft verstricktes Kupfergarn auf der Oberflächenschicht der Polster. «Normale antibakterielle Ausrüstungen auf Textilien sind nach zehnmaligem Waschen weg. Wir haben echtes Kupfer in das Garn integriert. Kupfer ist bekanntlich ein Element, das sehr gut für den Körper und die Haut ist, aber vor allem ist es dauerhaft antifungizid. Wir sind auf dem Markt die Einzigen, die eine echte Lösung gegen Pilzproblematiken anbieten. Das zu entwickeln, war gar nicht so einfach – das ist wie ein Kupferdraht, den man erst einmal komfortabel verstricken muss!»
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Neben dieser ergonomisch-funktionellen Innovation stehen durchdachte Details im Fokus, die den Sportalltag von Frauen spürbar erleichtern. Ein Paradebeispiel sind die Trägerhosen mit einem speziellen Reissverschluss am Rücken. Damit gelingt die Toilettenpause unterwegs mühelos, ohne dass das gesamte Trikot ausgezogen werden muss. Warum nur ist früher niemand auf die Idee gekommen, könnte man sich fragen.
Was HTI, TechnoAlpin und Sher eint, ist eine unternehmerische Logik, die typisch zu sein scheint für Südtiroler Unernehmen: Sie entwickeln innovative Lösungen, die sich exportieren lassen, weil sie auf Substanz statt auf Volumen setzen. Ob Seilbahnen, Beschneiungsanlagen oder ein Sitzpolster, das Frauen das Radfahren erleichtert. Man kann gespannt sein, was Südtirols Ingenieurskunst in Zukunft noch so alles entwickeln wird.