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Wie frischer Fisch Coop und Co. in Zugzwang bringt

Frischer Fisch ist gefragt. Aber bitte aus nachhaltigem Fang. Das bringt den Detailhandel in Zugzwang. Doch noch ist das Angebot in der Schweiz zu klein.

Philipp Albrecht

Philipp Albrecht

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August Nadler streut braunes Pulver in den Trog, aber die Fische kΓΌmmerts nicht. Sie sind erst ein paar Tage alt und wissen noch gar nicht, wie man Nahrung aufnimmt. Es ist ein wildes Durcheinander im kleinen Trog. 15'000 Regenbogenforellen tummeln sich darin. In ein paar Wochen werden sie sich auf die Β­bioΒ­zertifizierte Fischmehl-Weizen-Soja-Mischung stΓΌrzen, die automatisch ins Wasser gestreut wird. Ihr dreijΓ€hriges Leben werden sie hier in der Biofischzucht Nadler im Aarauer Stadtteil Rohr verbringen.

Nadler, 65-jΓ€hrig, bezeichnet sich selber als Β«FischbauerΒ» und fΓΌhrt den Betrieb in dritter Generation. Β«LuxusprodukteΒ» nennt er die Regenbogenforelle und den Bachsaibling aus seiner Zucht. Β«Mit einer solchen Anlage kann man nicht die Welt ernΓ€hren.Β» Aber es sind genau die Proteinlieferanten, die sich kaufkrΓ€ftige, ernΓ€hrungsbewusste Schweizer auf ihren Tellern wΓΌnschen.

Das hat ein grosser Schweizer DetailhΓ€ndler frΓΌh erkannt und mit Nadler vor ein paar Jahren einen Vertrag aufgesetzt, der den HΓ€ndler als Hauptlieferanten bestimmt. Daneben beliefert er nur noch ein paar Restaurants in der Umgebung und den Kanton Aargau. Dieser zahlt pro Saibling, der in der Aare ausgesetzt wird, einen Franken. Die Konkurrenz ist ΓΌberschaubar: Schweizweit gibt es heute erst 14 Fischzuchten mit dem Knospe-Label.

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Neun Kilo Fisch pro Person

Eine proteinreiche ErnΓ€hrung ist heute Grundstein der leistungsorientierten und gesundheitsbewussten Gesellschaft. Fisch ist einer der potentesten Proteinlieferanten – und mit Abstand der leckerste. Weil er geschmacklich viel mehr hergibt als Soja oder HΓΌlsenfrΓΌchte, kaum Fett und keine Kohlenhydrate enthΓ€lt, steht er bei linienbewussten Geniessern hoch im Kurs. Der Konsum wΓ€chst konstant: In den letzten 25 Jahren stieg er pro Person und Jahr von sieben auf neun Kilo an. Nur GeflΓΌgel legte stΓ€rker zu.

Migros und Coop sprangen frΓΌh auf den Fisch-Zug auf. Coop-Vizechef Philipp Wyss war einige Jahre fΓΌr den Fischbereich im Unternehmen verantwortlich und gerΓ€t ins SchwΓ€rmen, wenn man ihn darauf anspricht: Β«Die Arbeit mit Fisch ist deutlich spannender und vielfΓ€ltiger als mit Fleisch.Β»

Noch Ende der neunziger Jahre hΓ€tten sich Deutschschweizer Konsumenten kaum mit Frischfisch beschΓ€ftigt. Der grΓΆsste Teil sei in der Romandie verkauft worden. Β«Nur zwei oder drei Filialen im Raum ZΓΌrich hatten damals frischen Fisch im AngebotΒ», erinnert er sich. Werden die Filialen heute tΓ€glich mit Frischfisch beliefert, geschah das damals bestenfalls zweimal pro Woche. Β«Heute schaffen wir es, dass ein Wildfang aus SΓΌdfrankreich zwei Tage spΓ€ter in einer Schweizer Pfanne landetΒ», so Wyss. Die steigende Nachfrage und die Fischoffensive von Coop fΓΌhrten dazu, dass sich der Umsatz seither auf 211 Millionen Franken viervierfacht hat. Β«Seit letztem Jahr sind wir der grΓΆsste Schweizer HΓ€ndler von FrischfischΒ», sagt der Leiter Marketing und Beschaffung.

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Migros grΓΆssere Mengen, Coop mehr Umsatz

Den gleichen Titel beansprucht die Migros fΓΌr sich. Wie beim Rennen um den gΓΌnstigsten Durchschnitts-Einkaufskorb sind sich Migros und Coop auch hier uneinig, wer es besser macht. Auf ihrer Website schreibt die Migros, sie sei Β«die grΓΆsste VerkΓ€uferin von Fisch und MeeresfrΓΌchten in der SchweizΒ». Wie viel sie davon absetzt, behΓ€lt sie allerdings fΓΌr sich. Β«Wir geben keine UmsΓ€tze zu einzelnen Sortimenten Β­bekanntΒ», sagt ein Sprecher. Laut Marktforscher Β­Nielsen verkauft die Migros grΓΆssere Mengen, wΓ€hrend Coop mehr Umsatz macht.

Im Nachhaltigkeits-Gefecht hat derzeit Coop die Nase vorn: Der Anteil Fisch aus nachhaltigen Quellen betrΓ€gt dort 99,8 Prozent – 0,8 Prozentpunkte mehr als bei der Migros. Coop hat 64 Prozent Fisch mit MSC-Label, bei der Migros sind es 59 Prozent. Und der Bio-Anteil beim Zuchtfisch betrΓ€gt bei Coop 33,8 Prozent, wΓ€hrend die Migros hier nur auf 17 Prozent kommt. In einem Bereich sind beide DetailhΓ€ndler noch schwach unterwegs: Der Anteil von Schweizer Fisch kommt bislang nicht ΓΌber zehn Prozent hinaus.

Schweizer Egli aus Zucht

Das soll nun mit neuen Fischzuchtprojekten Γ€ndern. Die Branche hat dabei den Egli im Auge, der eigentlich heimisch ist, aber fΓΌr den Konsum heute zu 94 Prozent importiert wird. Die Firma Valperca zΓΌchtet den Fisch seit 2010 in warmem LΓΆtschberg-Wasser im Walliser Raron. In Erstfeld wird die grΓΆsste AquaΒ­kulturanlage der Schweiz fΓΌr Pangasius, Zander und TrΓΌschen mit Gotthardwasser geplant. Und die MiΒ­gros-Tochter Micarna will ab 2018 mehrere Anlagen bauen, die gΓ€nzlich ohne Frischwasser auskommen. Solche Kreislaufanlagen filtern das bestehende Wasser immer wieder.

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Die Setzlinge, so werden die Β­Jungfische genannt, werden dann aber von einem Zuchtbetrieb in Ostdeutschland geliefert. Β«Wir mΓΆchten das ganze Jahr ΓΌber solchen Fisch anbietenΒ», sagt Micarna-Chef Albert Baumann. Β«Das geht bislang nur ΓΌber die deutsche Zucht, weil hierzulande noch die Industrie dazu fehlt.Β» Der Plan sei aber, auch in der Schweiz ganzjΓ€hrig Setzlinge zu produzieren.

6000-Quadratmeter-Anlage

Hunderttausende Forellen und Saiblinge tummeln sich in der 6000-Quadratmeter-Anlage von August Nadlers Biofischzucht in Aarau. Das Wasser, das die Fische umgibt, stammt aus natΓΌrlichen GrundwasseraufstΓΆssen und einer Quelle, die keine 600 Meter sΓΌdΓΆstlich entspringt. Pro Minute fliessen 6000 Liter durch die Anlage. Das Wasser wird im Sommer nie wΓ€rmer als 15 und im Winter nie kΓ€lter als 9 Grad. FΓΌr die Fische das perfekte Klima. In konventionellen Masten sind die Tiere teilweise schon nach einem halben Jahr schlachtreif.

Anders bei Nadlers Fischen: Nach sechs Monaten geht es bei ihnen erst richtig los. Sie dΓΌrfen das Rundbecken verlassen und kommen in kΓΌnstliche KanΓ€le, die rund 500 Meter lang und von hohem Gras und vielen Brennnesseln umgeben sind. Es sieht aus, als hΓ€tte hier die Natur gestaltet. Vielleicht liegt es daran, dass sein Grossvater die KanΓ€le schon vor 115 Jahren angelegt hat.

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Vieles wird ohnehin von Bio Suisse so verlangt. Ihre Richtlinien schreiben unter anderem beschattete Β­Wasserzonen, eine Maximaldichte und Hindernisse im Wasser vor. Nicht mehr als 20 Kilo Fisch dΓΌrfen sich in 1000 Litern Wasser aufhalten. Bei der konventionellen Haltung sind es dreimal so viel. Nadler half im Jahr 2000 mit, die Bio-Reglemente zu formulieren. Ein Jahr spΓ€ter war er einer der ersten Betriebe, die das Knospe-Schild an die Hausmauer nageln durften. Erst ab 18 Monaten dΓΌrfen die Fische geschlachtet werden. Bei Nadler werden sie bis zu dreijΓ€hrig. Sie sind dann 25 bis 30 Zentimeter lang und wiegen bis zu 350 Gramm.

Viel Aufwand betrieben

Das Problem der UnverhΓ€ltnismΓ€ssigkeit bei der FΓΌtterung hat auch die Knospe noch nicht lΓΆsen kΓΆnnen. Denn um Raubfische wie Lachs oder Forelle schlachtreif zu kriegen, braucht es 1,4-mal mehr Fisch, wie die Organisation Fair-fish ausgerechnet hat. Das Fischmehl besteht hauptsΓ€chlich aus Beifang der Fischerei. Knapp ein Drittel der FischbestΓ€nde sind ΓΌberfischt.

Die Branche hat in den letzten Jahren viel Aufwand betrieben, um nachhaltiger zu werden. Coop-Vize Β­Philipp Wyss ist stolz, dass die Fischindustrie fΓΌr das Tierwohl ein hohes Tempo eingeschlagen hat: Β«Bei der Nachhaltigkeit in der Fischerei sind wir heute sogar weiter als in der Landwirtschaft.Β» Damit das beim Kunden auch ankommt, betreiben Coop und Β­Migros einigen Informationsaufwand.

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Migros-CEO Herbert Bolliger liess sich vor drei Jahren sogar von der Β«Schweizer IllustriertenΒ» beim Fang von Thunfisch auf den Malediven ablichten. Die Leser der Zeitschrift sollten sehen, dass die Migros auf nachhaltigen Fang setzt, denn vor der Inselgruppe wird mit altmodischen Angeln statt mit Netzen gefischt. Β«Beim Thunfisch ass das schlechte Gewissen auch bei mir stets mitΒ», so Β­Bolliger. Die offensive Werbung sei keine Show, Β­beteuern beide Unternehmen. Auch wenn allen Β­Beteiligten bewusst ist, dass es bei der nachhaltigen Fischerei einige LΓΌcken gibt.

Umstrittenes MSC-Label

Bislang existiert kein besseres Zertifikat als jenes vom Marine Stewardship Council (MSC), das inzwischen auf den allermeisten Packungen prangt. Es definiert Fangquoten, wirkt der Überfischung entgegen und sorgt dafür, dass die Folgen der Fangmethoden für die Umwelt minimal bleiben. Tier- und Umweltschützer bemÀngeln allerdings seit Jahren die laschen Formulierungen. Vieles werde nur empfohlen. «MSC ist weit weg von dem, was wir als nachhaltig bezeichnen», sagt Yves Zenger, Fischereiexperte bei Greenpeace Schweiz. «Das Label ist zwar ein Schritt in die richtige Richtung, ­zertifiziert jedoch auch Grundschleppnetze, die den Meeresboden umpflügen und zur Unterwasserwüste degradieren.»

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Selbst dem WWF, MitbegrΓΌnder des MSC-Labels, ist nicht mehr ganz wohl bei der Sache: Β«Wir verΒ­missen beim Label im Moment beispielsweise soziale Anforderungen und Kriterien zu Klimaschutz, GewΓ€sserschutz und TierwohlΒ», schreibt die Organisation auf ihrer Website. MSC sei halt nur Β«ein Resultat aus einem Verhandlungsprozess mit einer Vielzahl von Teilnehmern und deshalb eine KompromisslΓΆsung aller InteressensgruppenΒ». Man empfehle das Label nur, weil es bislang fΓΌr Wildfang kein strengeres gebe. FΓΌr den WWF ist darum Fisch Β«nicht alltΓ€gliche Β­DelikatesseΒ».

Greenpeace und Fair-fish gehen noch weiter: Fisch solle man hΓΆchstens ein- oder zweimal pro Monat geniessen. Wer nicht anders kΓΆnne, solle wenigstens Schweizer Biofisch essen.

Auch am Sonntag

Das hΓΆrt August Nadler natΓΌrlich gern. Auch wenn er nicht mehr lange seinen KanΓ€len entlanggehen wird. Schliesslich hat er das Pensionsalter erreicht. Mit seiner Frau Sonja widmete er sich jahrzehntelang den Fischen und verzichtete auf viel Freizeit: Β«Man muss den Fischen jeden Tag schauen, auch am Sonntag.Β»

Die Nadlers bewΓ€ltigen die Aufgabe mit nur einem AnΒ­gestellten. Jetzt wollen sie immerhin den Ruhestand geniessen und suchen einen KΓ€ufer. Die beiden erwachsenen Kinder zeigten nie Interesse am lukrativen Biofischbetrieb. Β«Das ist ΓΌberhaupt kein Problem fΓΌr uns. Wir haben frΓΌh gemerkt, dass sie ganz andere Talente habenΒ», sagt Sonja Nadler. Und ihr Mann Β­ergΓ€nzt mit ernster Miene: Β«Zum Fischbauern muss man geboren sein.Β»

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