Abo
Bundestagswahl

Warum die Wahlbeteiligung in Deutschland steigen könnte

Für die Bundestagswahl erwarten Wahlforscher eine höhere Wahlbeteiligung - einige bis zu 80 Prozent. Damit steigt aber auch die Unsicherheit: Denn wem nutzt eine höhere Wahlbeteiligung eigentlich?

Die wichtigsten Köpfe im deutschen Bundestagswahlkampf:Angela Merkel (CDU, 63): Merkel ist die am längsten amtierende Regierungschefin des Westens. Sie ist in Deutschland die erste Frau an der Regierungsspitze. In der DDR arbeitete Merkel als Physikerin. Politisch aktiv wurde sie erst nach dem Fall der Berliner Mauer. Zwei Jahre nach der Abwahl von Bundeskanzler Kohl wurde sie CDU-Vorsitzende. Im November 2005 führte sie die CDU nach sieben Jahren Opposition an die Macht zurück.
Martin Schulz (SPD, 61): In der Bundespolitik ist Schulz noch ein Neuling. 22 Jahre lang sass er im EU-Parlament, von 2012 bis 2017 als Präsident. Zuvor war er in seinem Heimatort Würselen Bürgermeister. Mit 24 war er Alkoholiker, schaffte es aber, sich aus dem Sumpf zu ziehen. Er wurde Buchhändler, ehe er in die Politik ging. Studiert hat er nie, die Schule brach er vorzeitig ab. Er wirbt damit, dass ihm trotz aller Handicaps der Aufstieg aus einfachen Verhältnissen gelungen ist.
Wolfgang Schäuble (CDU, 74): Er sitzt seit 1972 im Bundestag. Als Innenminister handelte er 1990 mit der DDR den Einigungsvertrag aus. Innenminister wurde er auch in der ersten Regierung Merkels. Seit 2009 ist er Finanzminister. Ans Aufhören denkt der seit einem Attentat 1990 an den Rollstuhl gefesselte Polit-Senior noch nicht. Der aus Baden-Württemberg stammende Jurist kandidiert erneut für den Bundestag und gilt auch als ministrabel.
Sigmar Gabriel (SPD, 58): In seiner kurzen Amtszeit als Aussenminister schaffte er es, sich mit den Präsidenten der Türkei, der USA und dem Ministerpräsidenten Israels anzulegen. 2013 war er als Wirtschaftsminister gestartet. Seit 2009 SPD-Vorsitzender, entschied er sich auf die Kanzlerkandidatur zu verzichten. Schulz übernahm von Gabriel auch den Parteivorsitz. Seine Beliebtheitswerte sind seitdem stark gestiegen. Aussenminister würde er gerne bleiben, seine Chancen sind aber gering.
Ursula von der Leyen (CDU, 58): Die Ärztin ist schon so lange Ministerin wie Merkel Kanzlerin. Sie diente ihr je vier Jahren als Familien- und Arbeitsministerin, bevor sie 2013 das Verteidigungsressort übernahm. Wegen ihres Umgangs mit Bundeswehrskandalen wirkt die Tochter des früheren niedersächsischen Ministerpräsidenten Ernst Albrecht angeschlagen. Ihr wird Profilierung auf Kosten anderer vorgeworfen. Leyen möchte gern im Amt bleiben, doch hat sie in ihrer Partei einen schweren Stand.
Thomas de Maizière (CDU, 63): Der Nachfahre hugenottischer Einwanderer gehört der Bundesregierung schon seit dem Amtsantritt Merkels an. Innenminister ist er schon zum zweiten Mal. Bei ihm bündelten sich einige Mammutthemen der Wahlperiode. Das Chaos der Flüchtlingskrise brachte ihn in Bedrängnis. Der Minister brachte aber viele Verschärfungen im Asylrecht und bei den Sicherheitsgesetzen auf den Weg. Er könnte sich nach der Wahl vielleicht in einem anderen Ressort wiederfinden.
Peter Altmaier (CDU, 59): Der Kanzleramtsminister ist der oberste Manager der Regierungsarbeit. 2015 wurde er Flüchtlingskoordinator und zog damit Kompetenzen des Innenministers an sich. Als Wahlkampfmanager verfasste er das Wahlprogramm im Wesentlichen selbst. Der Hobbykoch aus dem Saarland kokettiert gerne mit seiner Leibesfülle («Ich bin nicht der wichtigste, aber der gewichtigste Minister im Kabinett»). Er dürfte bei einem Wahlsieg auch künftig eine führende Rolle spielen.
Christian Lindner (FDP, 38): Fast im Alleingang gelang es dem Unternehmensberater, eine am Boden liegende Partei wieder aufzurichten. Bei der Landtagswahl in seiner Heimat Nordrhein-Westfalen holte er als Spitzenkandidat mit 12,6 Prozent für die FDP ein glänzendes Ergebnis. Sollte die FDP in den Bundestag zurückkehren, will Lindner der Landespolitik Lebewohl sagen und nach Berlin ziehen. Im Wahlkampf, der ganz auf seine Person zugeschnitten ist, gibt sich der Porsche-Fan betont lässig.
Cem Özdemir (Grüne, 51): Die Eltern des Schwaben kamen in den 60er Jahren als türkische Gastarbeiter nach Deutschland. Integration ist eines der wichtigsten Themen des Realpolitikers. Bei den Grünen ist er seit 1981. Er wurde 1994 erster Abgeordneter türkischer Herkunft im Bundestag. Von 2004 bis 2009 war Özdemir Abgeordneter des EU-Parlaments, 2008 wurde er Parteichef. Der studierte Sozialpädagoge hat zwei Kinder.
Katrin Göring-Eckardt (Grüne, 51): Die Thüringerin war 1989 in der DDR an der Gründung der Bürgerbewegung Demokratie Jetzt beteiligt, die im Bündnis 90/Die Grünen aufging. Ihr Theologiestudium schloss sie nicht ab, sie ist aber in der evangelischen Kirche aktiv. Die zweifache Mutter gehört wie Özdemir zum Realo-Flügel der Öko-Partei. Dieser steht einer «schwarz-grünen» Koalition mit Merkels Christdemokraten aufgeschlossener gegenüber als die Parteilinke.
Sahra Wagenknecht (Die Linke, 48): Die Tochter einer Deutschen und eines Iraners ist in Talkshows gefragt, auf Facebook hat sie hunderttausende Likes. Wagenknecht nimmt Stimmungen auf und benützt umstrittene Formulierungen, etwa auch mit kritischen Tönen zur Einwanderung. Als Rednerin kann die Ehefrau des früheren SPD- und heutigen Linke-Politikers Oskar Lafontaine Hallen für sich einnehmen.
Alexander Gauland (AfD, 76): Seine politische Karriere begann der in Sachsen geborene Jurist bei den Christdemokraten und brachte es bis zum Chef der hessischen Staatskanzlei. Als AfD-Spitzenkandidat könnte er nun eine Partei rechts der CDU/CSU ins nationale Parlament führen. Gauland gilt als wichtigster Unterstützer der Rechtsnationalen in der AfD und scheut keine provokanten Äusserungen.
Alice Weidel (AfD, 38): Die promovierte Volkswirtin aus Baden-Württemberg repräsentiert den wirtschaftliberalen Flügel der Partei. Anders als die Rechtsnationalen ist Weidel für eine «gesteuerte qualifizierte Zuwanderung», aber auch gegen eine «Politik der offenen Grenzen», die muslimische Armutsmigranten ohne Qualifikation nach Deutschland locke. Die Unternehmensberaterin lebt in einer gleichgeschlechtlichen Beziehung und zwei Kindern am Bodensee.
1 / 13
RMS

Werbung

Jahrelang ging die Wahlbeteiligung in Deutschland zurück. Bei der Bundestagswahl 2013 gaben nur 71,5 Prozent der Wähler ihre Stimme ab. Für den 24. September erwarten Wahlforscher und Parteien nun wieder eine höhere Wahlbeteiligung - einige bis zu 80 Prozent. «So viel zur Annahme, dass die Bürger den Wahlkampf als langweilig empfinden und sich nicht für Politik interessierten», sagte der Chef des Meinungsforschungsinstituts Insa, Hermann Binkert, zu Reuters.
Dabei ist allerdings die Unsicherheit sehr gross, wem eine höhere Wahlbeteiligung eigentlich nutzen würde - und ob sie nicht erheblichen Einfluss auf den Ausgang des politischen Rennens haben könnte. Denn sowohl die AfD als auch die AfD-kritischen Parteien mobilisieren derzeit.

«Die Beteiligung wird steigen»

«Die Beteiligung wird auf jeden Fall steigen», glaubt Binkert. Er hatte zuvor bereits auf einen Wert von 75 bis 80 Prozent getippt. Ähnlich äusserte sich Forsa-Chef Manfred Güllner. «Allerdings bin ich nach dem TV-Duell vorsichtiger geworden», sagte Güllner zu Reuters. Denn die Debatte zwischen CDU-Chefin Angela Merkel und ihrem SPD-Herausforderer Martin Schulz könnte doch etliche Wähler abgeschreckt haben - weil sie nach Einschätzung Güllners zu grosse Nähe demonstrierten und eine echte politische Auseinandersetzung haben vermissen lassen.

Allerdings spricht der Trend der vergangenen Monate für eine tatsächlich steigende Wahlbeteiligung. Über einen längeren Zeitraum waren sowohl im Bund, den Ländern als auch den Kommunen bei den meisten Wahlen immer weniger Leute an die Urnen gegangen. Bei Bundestagswahlen etwa fiel die Quote von mehr als 80 Prozent in den achtziger Jahren auf die historischen Tiefststände 2009 von 70,8 und 2013 von 71,5 Prozent. Auf kommunaler Ebene waren die Werte dramatisch tiefer. Die frühere SPD-Generalsekretärin Yasmin Fahimi hatte deshalb sogar vorgeschlagen, Wähler künftig in Supermärkten abstimmen zu lassen, um mehr Leute zu erreichen.

Partner-Inhalte

Parteien und Medien mobilisieren

Auf Bundesebene erklärt die niedrige Wahlbeteiligung auch den Vorwurf an Bundeskanzlerin und CDU-Chefin Merkel, sie betreibe eine Politik der «asymmetrischen Demobilisierung» - einen Vorwurf, den sie stets vehement zurückgewiesen hatte. Im Wahlkampf 2017 setzt die Union wie ihre Konkurrenten auch auf einen echten Mobilisierungswahlkampf - was schon die steigende Zahl an Haustürbesuchen zeigt.
Die SPD hat eine Werbekampagne fürs Wählen gestartet. Die «Frankfurter Allgemeine Zeitung» fährt eine eigene Initiative mit dem Titel «80 Prozent für Deutschland». Die fünf Generalsekretäre und Bundesgeschäftsführer der im Bundestag vertretenen Parteien starteten zusammen den Wahl-O-Mat zur Bundestagswahl, der ebenfalls als Mittel zur Wählermobilisierung angesehen wird - weil der Test für die eigene Übereinstimmung mit den Parteipositionen 2013 immerhin 13,3 Millionen Mal absolviert wurde.

Wem nutzt die hohe Wahlbeteiligung

Der Grund dafür ist, dass mit der AfD ein wichtiges Element in den Bundestagswahlkampf 2017 gekommen ist. Offenbar glauben viele Wähler, dass es doch etwas zu entscheiden gibt - und eine Stimmabgabe lohnt oder wichtig für ihr Leben ist. «Wir sehen zwei Mobilisierungseffekte: Die AfD sorgt für ein zusätzliches politisches Angebot und lockt Nichtwähler an die Urnen», meint Insa-Chef Binkert. Dazu komme die starke emotionale Ablehnung Merkels wegen ihrer Flüchtlingspolitik - das motiviere ihre Gegner. «Gleichzeitig gibt es aber auch einen Anti-AfD-Effekt», sagte Binkert.

Auch der Berliner Politologe Gero Neugebauer verweist auf die Mobilisierung der Mitte-Wähler, die mit einer hohen Wahlbeteiligung ein gutes Ergebnis für die AfD verhindern wollten. «Möglicherweise kann gerade die Person Merkel viele Leute wegen der harten Angriffe an sie in die Wahlkabinen ziehen», meint er. Denn es gebe viele, die derzeit sagten: «Union will ich nicht wählen, aber Merkel soll bleiben.»

Werbung

Aufsteigender Trend zeigte sich bei Landtagswahlen

Die Landtagswahlen der vergangenen Monaten haben beide Phänomene gezeigt: Auf dem Höhepunkt der Flüchtlingsdebatte 2016 profitierte vor allem die AfD von einer steigenden Wahlbeteiligung. Allein in Sachsen-Anhalt etwa brachten die Rechtspopulisten laut Analyse der Wählerwanderungen mehr als 100'000 Nichtwähler an die Urnen - weit vor der CDU (39'000) und der FDP (10'000). Damals jubilierte AfD-Chefin Frauke Petry, dass ihre Partei schon wegen der Mobilisierung der Nichtwähler gut für die Demokratie sei.

Aber 2017 schlug das Pendel bei den drei Landtagswahlen im Westen zurück: Zwar legte auch dort die AfD zu. Aber auch CDU und FDP konnten in absoluten Zahlen wesentlich mehr Wähler anziehen als in früheren Landtagswahlen. In den öffentlichen Debatten wurde das Werben um mehr Wähler nun ausdrücklich auch damit verbunden, dass damit der Wert rechter Parteien gedrückt werden könne.

Falls die Wahlbeteiligung am 24. September entgegen der Erwartungen doch nicht steigen sollte, entsteht laut Neugebauer allerdings auch kein grosses Problem. Er verweist auf die viel niedrigeren Wahlbeteiligungen in einigen anderen Demokratien. «Wirkliche Legitimationsprobleme gibt es erst, wenn die Wahlbeteiligung unter 50 Prozent fallen sollte», sagte er. Davon war man in Bremen im Jahr 2015 mit 50,2 Prozent allerdings nicht mehr weit entfernt. 2006 waren es in Sachsen-Anhalt sogar nur 44 Prozent - aber die Zahl stieg in dem Bundesland 2011 wieder auf 51,2 und 2016 sogar auf 61,1 Prozent.



Werbung

(reuters/ccr)

Werbung