Noch sind es nur Entwürfe, die Audi, Daimler und Co. auf der Automesse IAA präsentieren. Doch in Sachen autonomes Fahren es geht in grossen Schritten voran. Denn es warten grosse Geschäftschancen.
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Autobauer und Zulieferer, oft flankiert von IT-Konzernen, arbeiten auf Hochtouren daran, die Technik des computergesteuerten Fahrens weiterzuentwickeln. Das sind die Pläne der deutschen Autobauer fürs autonome Fahren:Audi: Die Ingolstädter VW-Tochter bringt zum Jahresende die Neuauflage ihres Flaggschiffs A8 auf den Markt, das unter bestimmten Bedingungen automatisiert fahren kann.RMSDer Mensch am Steuer kann sich vom Verkehr abwenden und anderen Dingen zuwenden - so lange, bis das Auto ihn zum Übernehmen der Kontrolle auffordert. Diese Stufe des autonomen Fahrens, die als Level 3 bezeichnet wird, beherrschen andere Hersteller auch, bieten sie allerdings noch nicht in Serienmodellen.RMSVolkswagen: Der Wolfsburger Mutterkonzern hat die Studie eines selbstfahrenden Wagens bereits im Frühjahr auf der Genfer Automesse gezeigt. Der an einen futuristischen Minibus erinnernde «Sedric» soll auf Knopfdruck heranrollen und seine Passagiere automatisch ans Ziel bringen.RMSSedric steht für self-driving car und ist Teil eines umfassenden Konzepts von VW für die Mobilität von morgen, bei der es nicht mehr darauf ankommt, ob man einen Wagen besitzt oder sich für kurze Zeit ausleiht. Es wird die Grundlage für eine komplette Modellfamilie sein. Mit einem kleinen Bedienelement, das in jede Hosentasche passt, sollen Nutzer in Zukunft überall auf der Welt einen Roboterwagen von VW ordern können, der sie anhand einer Mobilitäts-ID erkennt.RMSPorsche: Porsche-Chef Oliver Blume nannte das autonome Fahren im vergangenen Jahr noch «so verlockend wie eine Rolex fürs Eierkochen.» Der Porsche-Fahrer werde aus Spass am Fahren nie das Lenkrad aus der Hand geben. Doch autonome Komfortfunktionen, wenn ein Sportwagen etwa im Stau auf der Autobahn rollt, sollen mittlerweile auch die Porsche-Kunden nicht missen. Mit der Konzernschwester Audi will die Sportwagenschmiede die Technologie gemeinsam voranbringen.RMSBMW: Der weiss-blaue Oberklasse-Hersteller testet das autonome Fahren im Jahresverlauf mit rund 40 Fahrzeugen in seiner Heimat München und in anderen Städten in Europa und den USA. Auch in Jerusalem sollen computergesteuerte Wagen an den Start gehen. Hinter jedem Steuer sitzt dabei nach BMW-Angaben ein trainierter Testfahrer, der bei Bedarf eingreifen und das Auto per Hand lenken kann. Zur Sicherheit ist jeweils ein Folgefahrzeug dabei.RMSDie Testflotte entwickelte BMW gemeinsam mit dem US-Chipriesen Intel und dem israelischen Kameratechnik-Spezialisten Mobileye. Mit diesen Partner wollen die Münchner 2021 selbstfahrende Autos auf den Markt bringen. Auf der IAA geben die Bayern mit dem «i Vision Dynamics» darauf einen Vorgeschmack.RMSDaimler: Auch der Stuttgarter Autobauer entwickelt Schritt für Schritt die Technik weiter bis zum völligen Verzicht auf Lenkrad und Pedale. Zusammen mit dem grössten Autozulieferer Bosch wollen die Schwaben schon im kommenden Jahr eine solche Testflotte im Strassenverkehr in den USA erproben. In Serie gehen sollen «Robotaxis» dann ab 2022. Bis dahin werden in jeder Neuauflage der Oberklassemodelle die Assistenzsysteme verbessert.RMSSo wird die überarbeitete S-Klasse im Herbst automatisch überholen, Abstand halten, Tempolimits einhalten oder eine Notbremsung hinlegen. Auf der IAA startet eine mit neuesten autonomen Funktionen ausgestattete S-Klasse eine Testfahrt über fünf Kontinente. Auf der Langstrecke wie im dichten Stadtverkehr will der Autobauer so Erfahrungen mit der Technik sammeln.KeystoneRMS
Ein Auto mit bequemen Sitzschalen, das selbst Passagiere ohne Führerschein vollautomatisch von A nach B bringt, wann immer diese es wollen. Noch sind es nur Entwürfe, die Audi, Daimler oder VW auf der Automesse IAA in Frankfurt präsentieren. Doch es geht in grossen Schritten voran zum Ziel eines Autos ohne Lenker und Pedale.
«Wir sind dem autonomen Fahren so nah wie nie», sagte Daimler-Chef Dieter Zetsche. In der Festhalle führten die Stuttgarter ein Konzeptauto ihres Stadflitzers Smart vor. VW brachte den schon im Frühjahr gezeigten Viersitzer «Sedric» mit. Die VW-Tochter Audi präsentierte als Design-Vision die Luxuslimousine «Aicon», ausgestattet mit der virtuellen Assistentin Pia, die die Wunschmusik einstellen oder das Auto zum Lieblingsrestaurant schicken kann.
Grosse Geschäftschancen
Die autonomen Autos der Zukunft sollen nach den Versprechen der Hersteller den Komfort der Mobilität enorm steigern. Sie eröffnen nach Einschätzung von Experten zugleich riesige Geschäftschancen, wenn Car-Sharing zum Massenphänomen wird. In zehn Jahren etwa rechnet die Branche damit, dass vollautonome Autos auf den Markt kommen. Sie eignen sich für Fahrdienste, die pro Strecke abgerechnet werden.
Trotz aller Skepsis noch heute über das autonome Fahren werde sich bis 2030 die Gemeinschaftsnutzung von Wagen ohne Lenkrad und Pedal durchsetzen. 40 Prozent aller gefahrenen Kilometer würden so zurückgelegt, schätzt das Beratungsunternehmen PwC. «Heute ist ein Kunde der Käufer, in Zukunft ist der Kunde der Nutzer», sagt PwC-Autoexperte Christoph Stürmer.
Nach einer Umfrage des Unternehmensberaters Roland Berger würden weltweit bereits 46 Prozent der Konsumenten auf ein Auto für autonom fahrende Taxis verzichten. Deutschland liege sogar knapp über dem internationalen Durchschnitt. «Die Haltung der deutschen Verbraucher hat sich stark verändert, vor allem unterstützt durch den Trend zur Shared Economy», erklärt Wolfgang Bernhart, Partner bei Roland Berger. «Neue Geschäftsmodelle kommen so zum Zuge.» Robotaxis als Alternative zum eigenen Fahrzeug könnten die Entwicklung in den kommenden Jahren noch deutlich beschleunigen.
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Autos nach vier Jahren Schrott
Das Marktvolumen, einschliesslich aller Varianten von Car-Sharing, schätzt PwC im Jahr 2030 weltweit auf 2,2 Billionen Dollar, soviel wie der gesamte E-Commerce-Markt heute. Die neuen Fahrdienste werden den Fahrzeugbestand zwar sinken lassen, nach der PwC-Studie in Europa etwa um 80 auf 200 Millionen. Dennoch werde der Neuwagenabsatz weiter wachsen. Denn heute werde ein Auto im Schnitt nach 17 Jahren verschrottet. Geteilte Autos würden wegen ihres viel häufigeren Einsatzes schon nach vier Jahren weggeworfen und durch neue ersetzt.
Doch wegen vieler konkurrierender Anbieter wird nach Einschätzung von PwC für die Autobauer je Fahrzeug weniger Umsatz abfallen als heute. Denn auch Autovermieter, Energieversorger, IT-Unternehmen wie Google oder Städte tummeln sich auf diesem Markt. Von den jährlichen Ausgaben eines Privathaushaltes von durchschnittlich 13'000 Euro blieben heute 62 Prozent in den Kassen von Autobauern und Zulieferern, künftig wären es nur noch 24 Prozent. «Die Autobauer müssen investieren, gleichzeitig bricht der Profit weg», sagt PwC-Experte Alex Koster. «Wir werden deshalb weitere Konsolidierungen sehen - seien es Fusionen oder Partnerschaften.»